Burma nach dem Zyklon

„Die Lage dort ist sehr verzweifelt“

Von Christina Hucklenbroich

08. Mai 2008 Knapp eine Woche nach dem Wirbelsturm „Nargis“ spitzt sich die Lage vor allem außerhalb von Rangun, der größten Stadt Burmas, immer weiter zu. Viele Straßen sind überschwemmt oder von Schlamm und umgestürzten Bäumen blockiert. Die Mitglieder von Hilfsorganisationen können kaum in die verwüsteten Gebiete vordringen. „Die Lage dort ist sehr verzweifelt“, sagt Stefanie Koop von der Welthungerhilfe in Bonn.

„Unsere Helfer in Rangun berichteten telefonisch, dass ein Team einer anderen Organisation außerhalb Ranguns tätlich angegriffen worden ist. Die Region ist ein Pulverfass.“ Die Teams der Welthungerhilfe haben Reis und provisorisches Reparaturmaterial für Häuser aufgekauft und können das Material jetzt an die Bevölkerung verteilen. „Weil die Preise exorbitant gestiegen sind, können die Menschen sich die Lebensmittel einfach nicht mehr leisten - obwohl noch weitere Vorräte vorhanden wären“, sagt Koop. „Die Preise für Trinkwasser sind um das Sechsfache gestiegen.“

Seuchen werden sich schnell ausbreiten

Die Unterbrechung der Stromversorgung führe weiterhin zu Wassermangel, sagt der Unicef-Mitarbeiter Osuma Kunii, der in Rangun Hilfsgüter verteilt: „Normalerweise wird das Wasser in Rangun mit Hilfe von Generatoren nach oben gepumpt - das ist jetzt nicht mehr möglich.“ Unter der katastrophalen Versorgungslage litten Frauen und Kinder besonders. „Schon vor dem Zyklon waren viele Kinder unterernährt. Jetzt haben sie nicht die Kraft, eine Verschlechterung der Bedingungen auszuhalten.“ Außerhalb Ranguns seien viele Menschen noch immer ohne Zugang zu sauberem Wasser. Osuma Kunii befürchtet, dass sich Seuchen sehr schnell ausbreiten werden.

Auch andere Hilfswerke beklagen eine Zuspitzung der Situation. „Die Stimmung wird langsam unruhig“, sagt Fredrik Barkenhammar vom Deutschen Roten Kreuz in Berlin nach Telefongesprächen mit Mitarbeitern vor Ort. „Die Leute kaufen sehr viel ein, die Preise steigen.“ Augenzeugen berichten, dass das Irrawaddy-Delta am stärksten betroffen sei. „Wir werden verhungern, wenn uns nichts geschickt wird“, sagte der Fischer Zaw Win einem Reporter der Nachrichtenagentur Reuters. Auf der Suche nach einem Boot wate er durch Wasser, in dem Leichen und Tierkadaver schwimmen. „Wir brauchen Essen, Wasser, Kleider und Unterkünfte.“

Machthaber zögern immer noch

Die Militärmachthaber zögern noch immer, ausländische Hilfe ins Land zu lassen. Viele Staaten haben eindringlich an die Regierung appelliert, internationalen Helferteams endlich eine Einreisegenehmigung zu erteilen. Nach dem Wirbelsturm werden 100.000 Todesopfer befürchtet. Millionen Menschen sind obdachlos geworden. Die burmesischen Behörden haben die am Mittwoch genannten Zahlen von 23.000 Toten und mehr als 42.000 Vermissten am Donnerstag nicht weiter korrigiert.

Das Auswärtige Amt in Berlin bestellte den Botschafter des Landes ein, um eine Öffnung der Grenzen zu erreichen. Bundesentwicklungsministerin Wieczorek-Zeul (SPD) stellte weitere Hilfen in Aussicht. Am Vortag habe schon das Auswärtige Amt seine Zusagen auf eine Million Euro aufgestockt, sagte Wieczorek-Zeul. „Und wir sind auch bereit, mehr zu leisten.“ Die Vereinten Nationen teilten mit, dass sie die Opfer mit mehr als zehn Millionen Dollar (6,5 Millionen Euro) unterstützen würden.

Viele Helfer sind selbst von der Katastrophe betroffen

Unterdessen beklagen nicht nur Katastrophenhelfer im Ausland, dass sie keine Visa erhalten. Auch die am stärksten zerstörten Gebiete innerhalb des Landes sind weiter für Ausländer kaum zugänglich. Der Leiter von Malteser International, Ingo Radtke, sagt: „Wir könnten heute schon deutlich mehr Hilfe leisten, wenn wir in die Region rund um das Irrawaddy-Delta reisen könnten. Die Regierung lässt unsere Mitarbeiter jedoch nicht hinein.“ Das Ausmaß der Katastrophe könne wegen der unzugänglichen Gebiete immer noch nicht vollständig erfasst werden, sagt Fredrik Barkenhammar vom Deutschen Roten Kreuz. „Auch der Telefonkontakt zu unseren Helfern ist nach wie vor sehr schwierig. Bei einem einstündigen Telefonat bricht die Verbindung etwa zwanzigmal ab.“

In Burma seien zurzeit nur sechs ausländische Rotkreuzhelfer. Das Rote Kreuz habe jedoch auch etwa 200 hauptamtliche und 10.000 freiwillige einheimische Helfer im Land. „Eine Mitarbeiterin schilderte am Telefon, dass sehr viele dieser Helfer selbst von der Katastrophe betroffen sind“, sagt Barkenhammar. „Sie haben ihre Familien verloren, ihre Häuser sind zerstört. Trotzdem arbeiten sie weiter und verteilen Trinkwasser, Decken und Plastikplanen.“ Am Donnerstag traf die erste UN-Maschine mit Hilfsgütern in Rangun ein. Die Regierung genehmigte dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen mittlerweile auch Lastwagen-Transporte mit Plastikplanen und Zelten über die thailändische Grenze.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, Natascha Vlahovic, REUTERS

 
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