Golfkrieg

Zerschellt am Schild des Zeus

Von Alessandro Topa

03. Juli 2008 Flugkapitän Mohsen Rezaian wähnte sich nicht vor dem Märtyrertod, als er am Morgen des 3. Juli 1988 gegen 10.15 Uhr den Tower von Bandar Abbas um Starterlaubnis für seinen Airbus bat. Der Linienflug von der südiranischen Hafenstadt über den Persischen Golf nach Dubai war ein Kinderspiel für den erfahrenen, in den Vereinigten Staaten ausgebildeten Piloten: Starten, in einem südwestlichen Korridor auf 4000 Meter steigen und bald darauf zur Landung ansetzen. Ein Katzensprung, etwa wie der von Düsseldorf nach Frankfurt, bei dem das Drumherum länger als der Flug selbst dauert.

Gegen 10.25 Uhr waren Kapitän Rezaian sowie 275 Passagiere und 14 weitere Besatzungsmitglieder tot. Zwei Flugabwehrraketen des amerikanischen Kreuzers „USS Vincennes“ hatten Iran Air 655 abgeschossen. Während im Westen der Abschuss des Passagierflugzeugs vor zwanzig Jahren längst vergessen ist, gilt Iran Air 655 aus persischer Sicht noch heute als Chiffre des im Iran-Irak-Krieg erlittenen Unrechts.

Grund war der „Tankerkrieg“

Der achtjährige Krieg begann im Jahr 1980 in der Folge der islamischen Revolution von 1979 als irakischer Eroberungsblitzkrieg. Die irakischen Militärs glaubten, die Schwäche der iranischen Streitkräfte ausnutzen und einen Krieg um Meereszugänge, ölreiche Provinzen und die Vormacht in der Region zügig gewinnen zu können. Zudem führte Saddam Hussein einen ideologisch motivierten Krieg, um zu verhindern, dass die Ideen Chomeinis die schiitische Mehrheit im Irak erfassen.

Gegen Ende des Krieges waren die damaligen Supermächte Amerika und Sowjetunion zunehmend über die Sicherheit der Schifffahrt im Persischen Golf besorgt. Grund war der sogenannte „Tankerkrieg“, zu dem Iran und der Irak von 1984 an übergegangen waren, um die Ölindustrie des Gegners zu zerstören, dessen Einnahmen zu verringern und so die Kriegskassen der Gegenseite zu leeren.

Als diesem Seekrieg zunehmend auch internationale Handelsschiffe zum Opfer fielen und 37 Matrosen einer amerikanischen Fregatte bei dem Angriff eines irakischen Mirage-Kampfflugzeug umkamen, beschloss die amerikanische Regierung unter Präsident Reagan, im Persischen Golf durchzugreifen: Von Juli 1987 bis September 1988 wurden mehr als 250 Handelsschiffe von amerikanischen Streitkräften im Golf geschützt und durch das Nadelöhr der Weltwirtschaft - die Straße von Hormuz - eskortiert.

Bis zu 200 Ziele gleichzeitig

Die Verstärkung der Militärpräsenz führte bald auch zu einem schwelenden Nebenkrieg zwischen Amerika und Iran. Im April 1988 übten die Amerikaner zum Beispiel Vergeltung für die schwere Beschädigung der Fregatte „USS Samuel“ Robertson durch iranische Seeminen. Die „USS Vincennes“ erreichte den Golf im Mai 1988, um zunächst beim Abtransport der „USS Robertson“ als Schutzschild zu dienen.

Als eines von fünf amerikanischen Schiffen, das über das Aegis-Radarsystem verfügte, war der Kreuzer hierfür gut gerüstet. Bis zu 200 Ziele gleichzeitig sollte das computergestützte, nach dem Schild des Blitze schleudernden Zeus benannte System, das für die Seeschlachten des Kalten Krieges gebaut war, erfassen, identifizieren und bekämpfen können. In der Praxis, so lautete später eine Fehleranalyse des amerikanischen Militärs, sei das System durch Softwarefehler schon mit einem einzigen Ziel überfordert gewesen.

In iranischen Hoheitsgewässern

Am frühen Morgen des 3. Juli 1988 soll die „USS Vincennes“ in ein Scharmützel mit iranischen Schnellbooten verwickelt gewesen sein. Laut der amerikanischen Darstellung hatte zuvor der liberianische Tanker „Stoval“ um Hilfe gebeten, der sich von iranischen Kanonenbooten bedroht sah.

Im Juli 1992 veröffentlichte Recherchen des Senders ABC und des Magazins „Newsweek“ wiesen nach, dass ein solcher Tanker nicht existierte und die amerikanische Regierung selbst daran beteiligt war zu vertuschen, was damals wirklich geschah. Datenanalysen, Vergleiche und Angaben beteiligter Militärs und Beamter zeigten auch, dass sich die „USS Vincennes“ zum Zeitpunkt des Beschusses von Flug 655 in iranischen Hoheitsgewässern befand. Zudem legte die Rekonstruktion der Ereignisse die Vermutung nahe, dass der Kreuzer an jenem Morgen versuchte, mit simulierten Frachter-Funksignalen iranische Boote ins offene Meer zu locken und zu stellen.

„Danke, einen schönen Tag noch“

Der Flug Iran Air 655 wurde erstmals um 10.17 Uhr von der „USS Vincennes“ erfasst. Die automatische Anfrage, die von dem Airbus ebenso beantwortet wurde, ergab „Mode 3“, mithin die Auskunft, dass es sich um ein ziviles Flugzeug handele. Da Bandar Abbas auch ein Militärflughafen ist, beschließt man im „Combat Information Center“ der „USS Vincennes“, vorsichtig zu sein. Dabei, so rekonstruierten John Barry und Roger Charles in Newsweek, übersieht Unteroffizier Anderson den Flug 655 auf den Listen, die er mit seinen Radarinformationen abgleicht. Sei es aufgrund der vielen Zeitzonen im Persischen Golf, sei es aufgrund der Nervosität an einem dunstigen Morgens mit Feindkontakt: Die Fehlerverkettung nimmt ihren Lauf.

Um 10.20 Uhr zirkuliert in Kommandozentrale der „USS Vincennes“ die Hypothese, die sich nähernde Maschine sei ein Kampfflugzeug vom Typ F-14. Unteroffizier Anderson sendet eine zweite Identitätsanfrage und erhält nun tatsächlich einen besorgniserregenden „Mode 2“ zur Antwort, da er den Airbus mit einem Militärtransporter verwechselt, der gerade zur Landung in Bandar Abbas ansetzt. Um 10.21 Uhr bestätigt der Unteroffizier daher den Verdacht, eine feindliche F-14 in 60 Kilometer Entfernung nähere sich. Warnrufe an die Passagiermaschine auf Notfallfrequenzen bleiben unbeantwortet, da Kapitän Rezaian diese nicht empfängt, während er Freundlichkeiten mit dem Tower austauscht. „Danke, einen schönen Tag noch“, sind die letzten Worte, die von ihm aufgezeichnet werden.

Auch die zweite trifft ihr Ziel

Um den letzten Akt der Tragödie zu erklären, haben Psychologen eine Symptomatik namens „Szenario-Erfüllung“ ins Feld geführt: Anstatt an ihren Monitoren zu registrieren, dass der Airbus bei konstanter Geschwindigkeit steigt, interpretieren Unteroffiziere die Informationen dergestalt, dass sich vor ihrer konditionierten Einbildungskraft eine F-14 im Sturzflug abzeichnet. Um 10.24 Uhr sieht sich Kapitän Rogers gezwungen, zwei Flugabwehrraketen auf das nur noch 20 Kilometer entfernte Flugzeug abzufeuern. Um 10.25 Uhr trifft die erste Rakete einen Flügel des Airbus. Auch die zweite trifft ihr Ziel.

Nur wenige Wochen später willigte Revolutionsführer Ajatollah Chomeini nach langjährigem Sträuben überraschend in einen Waffenstillstand mit dem Irak im Sinne der UN-Resolution 598 ein.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

 
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