07. Mai 2008 In Burma wächst nach Einschätzung von Fachleuten der Druck der Bevölkerung auf das Militärregime. Ihre Wut über das schlechte Krisenmanagement vor und nach dem verheerenden Zyklon Nargis könnte in Aufruhr umschlagen, wenn es der politischen Führung nicht bald gelinge, die Lage in den Griff zu bekommen, warnen sie.
Einen Aufstand im vergangenen September hatte das Militär noch mit Gewalt niederschlagen. Doch in der Bevölkerung gärte die Unzufriedenheit weiter. Die Sturmkatastrophe, durch die Zehntausende Menschen ums Leben kamen und Millionen ihr Hab und Gut verloren, könnte nun das Fass zum Überlaufen bringen.
Bei den Menschen, mit denen ich sprach, herrscht große Wut, berichtete eine Mitarbeiterin der britischen Botschaft in Rangun. Sie haben das Gefühl, die Behörden hätten vor und nach dem Sturm mehr machen können, um das Ausmaß der Schäden zu begrenzen. So hätten es die Behören trotz frühzeitiger Sturmwarnungen versäumt, die Menschen zu warnen, und hätten die Opfer auch danach weitgehend sich selbst überlassen. Und bis heute ließen sie nur zögerlich fremde Helfer ins Land.
Das Regime hat den letzten Kredit verspielt
Im Moment sind die Menschen mit ihrem Überleben beschäftigt. Doch ist diese Phase erst einmal überwunden, kann ich mir gut vorstellen, dass die Wut überkocht, sagte Sean Turnell, ein Fachmann für Burma an der australischen Macquarie-Universität. Aufstände seien geradezu vorprogrammiert: Mit ihrer Reaktion auf die Proteste vom September haben die Generäle bereits ihren letzten Kredit verspielt.
Auch nach Ansicht des thailändischen Politikwissenschaftlers Win Min hängen die Beziehungen zwischen der Junta und ihren Untertanen am seidenen Faden. Sollte sich die Lage der Menschen innerhalb der nächsten zwei Wochen nicht spürbar bessern, dann kann es schon sein, dass etwas geschieht - denn dann haben sie nichts mehr zu verlieren.
Bisher gebe es nur wenige Anzeichen dafür, dass die Junta dazugelernt habe: Statt auf Hilfen konzentriert sie sich auf das Referendum, kritisiert er. Tatsächlich wollen die Behörden die Volksabstimmung über eine Verfassungsänderung wie geplant am Samstag abhalten. Nur in den am schwersten verwüsteten Regionen wurde sie um zwei Wochen verschoben.
Jetzt drohen Seuchen
Unterdessen kommen die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen in dem durch den Zyklon in weiten Teilen zerstörten Land kaum voran. Auf den Flüssen kann man sich nicht fortbewegen, so viel Schutt ist da drin, heißt es bei Care Deutschland-Luxemburg. Auch viele Straßen seien kaum passierbar.
Als größte Gefahr für die Bevölkerung bezeichnete Care-Mitarbeiter Wolfgang Jamann das verseuchte Wasser. Durch die Fäkalien im Wasser drohen Seuchen wie die Cholera. Care verteile als Erstmaßnahme Tabletten zur Wasserreinigung und Plastikplanen. Insgesamt hat Care nach Angaben des Geschäftsführers etwa 500 Mitarbeiter in Burma, die meisten davon sind Einheimische.
Das Ernährungsprogramm der Vereinten Nationen hat derweil in Rangun die ersten Essensrationen verteilt. Das Kinderhilfswerk Unicef ist mit gut 100 Mitarbeitern in der Küstenregion unterwegs und verteilt Erste-Hilfe-Pakete. Überall fehlt es an Wasser, Zelten, Medikamenten und Nahrungsmitteln. Die Vereinten Nationen schätzen, dass 24 Millionen Menschen von dem Unglück betroffen sind. Auch aus Deutschland ist eine Gruppe von Aktion Deutschland Hilft, einem Bündnis der großen Hilfsorganisationen, auf dem Weg nach Burma.
Die Helfer sitzen in Thailand fest und warten auf Visa
Unterdessen wächst die Kritik an einer mangelnden Kooperation der Regierung mit ausländischen Hilfsorganisationen und einer ungenügenden Hilfeleistung aus eigenen Mitteln. Helfer sitzen im Nachbarland Thailand fest und warten auf Visa. Vor der Küste liegen Kriegsschiffe der amerikanischen Marine, deren Besatzungen bei anderen Naturkatastrophen schon oft geholfen haben. Eine Einreisegenehmigung haben sie jedoch bisher nicht. Selbst Bangladesch, eines der ärmsten Länder der Welt, hat ein Flugzeug mit Arzneien, Tabletten zur Wasserreinigung, Nahrungsmitteln und Kleidung losgeschickt.
Der Malteser Hilfsdienst kritisierte erhebliche Behinderungen der Hilfsorganisationen. Wir dürfen nicht in die hauptsächlich betroffenen Gebiete in der Region Irrawaddy-Flussdelta hinein. Das wird auch von der UN beklagt, sagte der Asien-Leiter Roland Hansen. Wir können nur hoffen, dass sich dort etwas ändert. Jeder Ausländer werde außerhalb der Hauptstadt überwacht, sagte Hansen. Einige bereits erteilte Genehmigungen seien unerwartet wieder entzogen worden. Die Vereinten Nationen haben bereits dringend an die Militärregierung appelliert, die Visa-Bestimmungen zu lockern.
Proteste im vergangenen Jahr mit Gewalt beendet
Wir haben noch keine konkrete Vereinbarung mit der Regierung, sagte Unicef-Sprecher Patrick McCormick im Fernsehsender BBC. Wir haben die Bitte um Hilfe einfach als grünes Licht interpretiert, dass wir in die betroffenen Gebiete vordringen können. Die Militärregierung habe auch eigene Ressourcen, die mobilisiert werden müssten. Wir brauchen zum Beispiel dringend Hubschrauber, sagte McCormick.
Burma zählt zu den ärmsten Staaten der Welt. Seit 1962 wird das südostasiatische Land vom Militär regiert, das die einstmals aufblühende Wirtschaft in den Ruin trieb. Als die Treibstoffpreise im vergangenen August in die Höhe gingen, kam es zu heftigen Protesten. Rasch schlugen sie zum größten Aufstand gegen die Junta seit fast zwei Jahrzehnten um: Angeführt von buddhistischen Mönchen gingen allein in Rangun bis zu hunderttausend Menschen auf die Straße. Nur mit Gewalt konnten die Behörden den Aufstand beenden. Mindestens 31 Menschen wurden nach UN-Angaben getötet, rund 700 sollen bis heute in Haft sitzen.
Text: FAZ.NET mit AFP
Bildmaterial: AFP, dpa
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