Finanzwerte

Trotz Dementi: Wachovia wohl zur Kapitalerhöhung gezwungen

Von David Bogoslaw

24. Juli 2008 Am 22. Juli bekam Wachovia gerade noch die Kurve, nachdem der neue Vorstandschef der Bank verkündete, dass es keine Pläne für eine Kapitalerhöhung durch Ausgabe neuer Stammaktien gebe. Analysten gehen jedoch davon aus, dass ein solcher Schritt mit Blick auf die rasante Kreditverschlechterung letztlich unvermeidbar sein könnte.

Die nach Bilanzsumme viertgrößte Bank der Vereinigten Staaten gab für das zweite Quartal einen unerwartet hohen Verlust von 8,9 Milliarden Dollar oder 4,2 Dollar je Aktie bekannt, der hauptsächlich auf Wertberichtigungen von Kreditportfolios zurückging, und einmal mehr verdeutlichte, dass der Blutverlust amerikanischer Hypothekenbanken noch immer nicht gestoppt ist.

Offiziell keine Pläne für eine Aktienemission

Der im zweiten Quartal ausgewiesene Fehlbetrag enthielt eine nicht liquiditätswirksame Abschreibung auf den Firmenwert in Höhe von 6,1 Milliarden Dollar, um der niedrigeren Marktbewertung und den gesunkenen Vermögenswerten Rechnung zu tragen. Angesichts von Nettokreditausfällen im Volumen von 1,3 Milliarden Dollar erhöhte die Bank zudem ihre Rückstellungen für mögliche weitere Kreditausfälle um 5,6 Milliarden Dollar auf nun 10,9 Milliarden Dollar. Im entsprechenden Vorjahresquartal erzielte das Unternehmen mit Sitz in Charlotte (North Carolina) noch einen Gewinn von 2,34 Milliarden Dollar oder 1,22 Dollar je Aktie.

Doch selbst ohne die Abschreibungen über 6,1 Milliarden Dollar sowie ohne Fusions- und Restrukturierungsaufwendungen im Umfang von insgesamt 128 Millionen Dollar lag der Verlust aus operativer Tätigkeit mit 1,27 Dollar je Aktie im zweiten Quartal erheblich über den Analystenschätzungen von durchschnittlich 0,78 Dollar. Dieser bereinigte operative Verlust je Aktie bewegte sich in der vom Unternehmen Anfang Juli in Aussicht gestellten Spanne von 1,23 bis 1,33 Dollar.

In Reaktion auf diese Zahlen wurde die Wachovia-Aktie vom Markt zunächst abgestraft und verlor in der Spitze 11,6 Prozent, ehe sie eine Trendwende vollzog und mit einem Kursplus von stolzen 27,4 Prozent bei 16,79 Dollar schloss. Der Stimmungsumschwung ereignete sich, nachdem Vorstandschef Robert Steel in einer Analystenkonferenz ausführte, dass das Unternehmen keine Pläne für eine Ausgabe neuer Stammaktien habe und über andere Möglichkeiten der Erhaltung und Freisetzung von Kapital verfüge.

„Ein großer Teil der Leerverkaufspositionen [auf die Wachovia-Aktie] basierte auf Erwartungen, dass die Erfordernis einer Kapitalerhöhung verkündet würde, mit der die bisherigen Aktionärsanteile verwässert worden wären“, sagt Gerard Cassidy, Analyst bei RBC Capital Markets aus Portland (Maine).
Notwendige Stärkung

Zu den Kostensenkungsmaßnahmen, mit denen Wachovia pro Quartal rund 700 Millionen Dollar einsparen möchte, zählt auch eine Kürzung der Quartalsdividende um fast 87 Prozent auf 0,05 Dollar, nachdem die Dividende bereits im April um mehr als 41 Prozent gekappt worden war. Zusätzlich plant das Unternehmen den Abbau von 6.350 Stellen.
Zur weiteren Verringerung seines Kreditrisikos wolle Wachovia außerdem sein Hypothekengeschäft über Kreditvermittler einstellen. Im vergangenen Monat beendete Wachovia die Möglichkeit der negativen Amortisation für jene Hypotheken mit variablen Zinszahlungen und Tilgungsraten, die das Unternehmen 2006 mit der 24 Milliarden Dollar schweren Akquisition des kalifornischen Hypothekenfinanzierers Golden West Financial übernommen hatte.

Mit diesen Maßnahmen solle in den kommenden 18 Monaten Kapital in Höhe von mehr als fünf Milliarden Dollar generiert oder erhalten werden. Wachovia verfügt nach eigenen Angaben über regulatorisches Kapital im Volumen von 50 Milliarden Dollar und weist Ende Juni eine Kernkapitalquote von acht Prozent auf. Für den Fall, dass eine Kapitalaufnahme erforderlich sein sollte, werde zudem die Veräußerung einiger nicht zum Kerngeschäft zählender Vermögenswerte erwogen.

Tom Kersting, Analyst bei Edward Jones in St. Louis geht davon aus, dass Wachovia wahrscheinlich eher einige Vermögenswerte abstoßen dürfte, als dass die Emission neuer Stammaktien vorgenommen werde. Kersting sieht die von Konzernchef Steel verkündeten Pläne zur Stärkung der Finanzsituation der Bank als ermutigenden Schritt, handelt es sich bei einer Dividendenkürzung und einer möglichen Veräußerung von Vermögenswerten doch um Entscheidungen, die alles andere als leicht fallen.

Gewerbliche Kredite als entscheidender Faktor

Kersting ist jedoch der Ansicht, dass sämtliche Anstrengungen zur Stärkung der verschiedenen Unternehmensportfolios einige Zeit in Anspruch nehmen werden - mehr als nur ein oder zwei Quartale. Die für die kommenden anderthalb Jahre angestrebte Erhaltung von Kapital im Umfang von fünf Milliarden Dollar werde vom Ausmaß der Kreditverschlechterung nicht nur auf dem Hypothekenmarkt, sondern auch von Wachovias Gewerbekreditportfolios abhängen, sagt Cassidy von RBC Capital, der die Aktie der Bank mit 'Sector Perform' einstuft. „Sollten sich ihre notleidenden Aktiva ausgehend von den gegenwärtigen Niveaus verdoppeln oder verdreifachen und dies von einer Verdoppelung oder Verdreifachung der Nettokreditausfälle begleitet werden, dann würde die Kapitalerhaltung von fünf Milliarden Dollar nicht ausreichen“, um einer Kapitalaufnahme etwa mittels Ausgabe von Stammaktien zu entgehen, so Cassidy.

Am 22. Juli schrieb Goldman-Sachs-Analyst Brian Foran in einer Studie, dass sich Wachovias Portfolio notleidender Aktiva seit dem ersten Quartal um 42 Prozent ausgeweitet habe, während der Zuwachs im Branchendurchschnitt 35 Prozent betrage, und dass der derzeitige Anteil notleidender Aktiva am Gesamtportfolio mit 2,4 Prozent einer der höchsten des Sektors sei. (Hinweis zu möglichen Interessenskonflikten: Goldman Sachs hat in den vergangenen zwölf Monaten von Wachovia Vergütungen für Investmentbanking-Dienstleistungen erhalten, erwartet Vergütungen für derartige Dienstleistungen in den kommenden drei Monaten und ist Market-Maker für Wertpapiere von Wachovia).

Wenn Wachovias notleidende Aktiva jedoch bei einer Zuwachsrate von 50 Prozent ihren Höhepunkt erreichen, nicht über 3,6 Prozent des Gesamtportfolios steigen und die Nettokreditausfälle auf dem gegenwärtigen Niveau kulminieren, dann könnte die Bank um eine Aufnahme zusätzlichen Kapitals herumkommen, meint Cassidy.

Die Achillesferse von Wachovia und anderen Geschäftsbanken bleibe laut Cassidy das Ausmaß der Verschlechterung ihrer Gewerbekreditportfolios. Gewerbliche Kredite, mit denen Unternehmen von Kapitalausgaben bis hin zu fremdfinanzierten Übernahmen alles Mögliche finanzieren, erweisen sich in Rezessionen für gewöhnlich als problematisch, was bislang allerdings noch nicht der Fall war, so Cassidy. Wenn die Gewerbekreditportfolios jedoch - wie in früheren Rezessionen üblich - kollabieren, dann „wird Wachovia nichts anderes übrig bleiben, als frisches Kapital aufzunehmen“.
Wie bei anderen Geschäftsbanken lagen die Ausweitung der Nettozinsmarge im Kerngeschäft und die Ergebnisse der Kapitalmarktaktivitäten ohne Abschreibungen über den Erwartungen, was bei Wachovia allerdings von der rapiden Verschlechterung ihres Kreditportfolios mehr als konterkariert wurde, so Foran von Goldman Sachs in seiner Studie.

Schwache Immobilienmärkten in Kalifornien und Florida belasten

Das Kernbankgeschäft Wachovias im Südosten der Vereinigten Staaten sei zwar erfolgreich, ihr Engagement auf den schwer angeschlagenen Immobilienmärkten in Kalifornien und Florida laste jedoch schwer auf den Ergebnissen, sagt Kersting von Edward Jones, der die Aktie mit „Halten“ einstuft.

Vor kurzem erhöhte die Bank ihre Prognose der kumulativen Ausfallrate für ihre Hypotheken mit variablen Zinszahlungen und Tilgungsraten von bislang sieben bis acht Prozent auf nunmehr zwölf Prozent. Nach derzeitiger Sachlage könnte dies die bestmögliche Annahme der Bank sein, Kersting rechnet allerdings damit, dass sich diese Zahl noch bewegen wird, wenn der Markt seine Abarbeitung der Immobilienkrise fortsetzt.

Auf der Analystenkonferenz bemühte sich Vorstandschef Steel zu betonen, dass Wachovia bei der Werterhaltung seines Hypothekenportfolios aktiv vorgehen werde, indem beispielsweise rund 1.000 bislang mit der Hypothekenvergabe betraute Mitarbeiter intern versetzt werden, um Kunden bei der Refinanzierung oder Restrukturierung ihrer Hypotheken mit variablen Zinszahlungen und Tilgungsraten zu unterstützen.

Kersting bezweifelt jedoch, dass Wachovia großen Einfluss auf den Wert seines Hypothekenportfolios haben werde, der weitgehend vom Ausmaß der sinkenden Eigenheimpreise abhänge. „Was aber sehr wohl ihrem Einfluss unterliegt, ist ihre Gesamtkostenbasis, das Anlagevolumen und die Geschäftsfelder, auf die sie sich langfristig konzentrieren möchten“, konstatiert Kersting.

David Bogoslaw ist Reporter für den Investing Channel der Business Week.



Text: BusinessWeek Online
Bildmaterial: AP, FAZ.NET

 
Tops & Flops+/-Prozent
VOLKSWAGEN AG STAMMA +45,13 +15,20
K+S AKTIENGESELLSCHA -0,15 -0,39
MAN AG STAMMAKTIEN O -0,40 -1,01
DEUTSCHE BANK AG NAM -5,99 -16,08
DEUTSCHE POSTBANK AG -3,87 -14,61
INFINEON TECHNOLOGIE -0,44 -13,68
NamePunkteProzent
Dax 4.544,31 -7,01
TecDax 516,75 -4,81
DowJones 8.451,19 -1,49
Nasdaq 1.649,51 +0,27
STOXX 50 2.421,87 -7,86
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