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Jobs der Woche

Bewertungsportale im Netz

Schlechte Noten für den Chef

Von Julia Roebke



Virtueller Maßstab: "Es ist in Mode, auf Chefs einzuschlagen"
27. Februar 2008 
Schnell mal das Internet nach Lebensstil, Umfeld und persönlicher Einstellung eines Bewerbers durchsuchen - das gehört für viele Personaler zur täglichen Arbeit (lesen Sie über Bewerber im Internet: Achtung, privat!). Doch jetzt können Bewerber den Spieß umdrehen. Denn die Zeiten, in denen außer mit einem Blick auf die Homepage des Unternehmens über einen potentiellen Arbeitgeber so gut wie nichts in Erfahrung zu bringen war, sind vorbei: Auf Internet-Bewertungsportalen können Angestellte ihre derzeitigen oder auch die ehemaligen Chefs bewerten.

Kostenlos und anonym natürlich - als Konsequenz fällt die Kategorisierung der Arbeitsbedingungen oder der Atmosphäre oft auch nicht gerade zimperlich aus: Ein "mangelhaft" bei der Gleichberechtigung oder "genügend" bei der Beurteilung der Kommunikation innerhalb des Unternehmens ist auf solchen Seiten keine Seltenheit. Und auch mit einem deftigen Kommentar macht sich manch Verärgerter Luft: "Ausbeuterei ohne Ende", schimpft da zum Beispiel der ehemalige Angestellte eines gehobenen Restaurants im Taunus. In dem Unternehmen herrsche eine "opportunistische Gruppenkultur", "freie Meinungsentfaltung oder gar Eigeninitiative gibt es nicht", lautet das vernichtende Urteil der ehemaligen Führungskraft eines Chemiekonzerns im Rhein-Main-Gebiet.

Wer schreibt da wirklich?

Doch wer schreibt da wirklich und kratzt damit eventuell am Image des Unternehmens? "Ich bin fest davon überzeugt, dass der absolut überwiegende Teil der Bewertungen ehrlich ist", sagt Martin Poreda, Gründer des mit derzeit knapp 3500 Bewertungen von mehr als 2000 Unternehmen größten deutschsprachigen Arbeitgeber-Bewertungsportals kununu.de. Der Name ist Suaheli und steht für "unbeschriebenes Blatt". Sein Portal solle auf keinen Fall ein Hetzforum sein. Wer genau die Bewertungen schreibt, weiß aber natürlich auch Poreda nicht.

Doch nicht alle beurteilen ihren Arbeitgeber schlecht. Die Durchschnittsnote liegt bei Kununu zwischen "befriedigend" und "gut". Auch werden alle eingehenden Bewertungen kontrolliert. Das heißt, dass überprüft wird, ob die hauseigenen Regeln eingehalten werden: keine Namen, keine Firmeninterna, die dem Unternehmen schaden könnten, keine beleidigenden Äußerungen. Weiter gilt: Wer seinen Arbeitgeber in allen Kategorien mit "mangelhaft" beurteilt, kommt nicht ins Netz. "So schlecht kann kein Unternehmen sein", begründet Poreda dieses Auswahlkriterium.

Wenn, wie bisher zu einem Großteil der Unternehmen auf Kununu, jedoch nur eine oder wenige Bewertungen vorliegen, sei das Urteil mit Vorsicht zu genießen, warnt Poreda. Trotzdem sei es hilfreich. Denn die Kommentatoren geben nicht nur Noten, sondern zeigen zusätzlich auf, welche Lohnnebenleistungen das Unternehmen bietet: Gibt es einen betrieblichen Kindergarten, ist eine Kantine vorhanden, darf ich das Internet nutzen, oder kann ich meinen Hund mit zur Arbeit bringen? "Das sind Antworten auf Fragen, die sich Bewerber oft stellen", sagt der Gründer. Mit sechs bis zehn Urteilen könne man bereits ein Gespür für ein Unternehmen bekommen. Also alles eine Frage der Masse an Bewertungen - und da spielen die Arbeitnehmer fleißig mit. Kununu, seit acht Monaten online, wächst mit bis zu 20 neuen Bewertungen jeden Tag kräftig. So ein Urteil kostet ja auch nicht viel Zeit: Rund zwei Minuten braucht man zum Ausfüllen der Express-Version - und schon steht die Aussage im Netz. Auch das zweite große Arbeitgeber-Bewertungsportal jobvoting.de setzt auf Wachstum, um "Ausreißer" bei den Beurteilungen auszugleichen. Außerdem würde er schon erkennen, wenn eine Beurteilung nicht stimmig sei, behauptet Jobvoting-Gründer Ronny Skrzeba.

Kommentare hart an der Grenze zur Beleidigung

Und trotzdem tauchen bei beiden Portalen Kommentare auf, die in rechtlicher Hinsicht als hart an der Grenze zur Beleidigung aufgefasst werden könnten. "Unternehmen müssen nicht alles hinnehmen", sagt der auf Medienrecht spezialisierte Anwalt Jens Eckhardt von der Kanzlei Juconomy. Schließlich könne so ein Eintrag ja auch vom schärfsten Konkurrenten stammen. Werde zum Beispiel behauptet, ein bestimmtes Unternehmen zahle den Lohn immer erst verspätet, dann könne dieses Unternehmen dagegen vorgehen, wenn die Tatsache nachweisbar falsch sei. Der Experte empfiehlt, immer erst mit dem Forenbetreiber zu reden. Vor Gericht könne man auch verlangen, dass nachweislich falsche Behauptungen aus dem Netz genommen werden. Schwieriger sei es jedoch für Unternehmen, gegen Meinungsäußerungen vorzugehen.

"Es gilt der Schutz der Meinungsfreiheit", sagt Eckhardt. Ein Kommentar wie "Der Chef behandelt seine Mitarbeiter nicht fair" sei zum Beispiel nicht eindeutig beleidigend. Es komme auf den Kontext an. Die Rechtsprechung zu Spickmich.de, der Lehrerbewertung im Internet, zeige, dass Wertungen in gewissen Grenzen grundsätzlich erst einmal zulässig seien. Vor Gegenäußerungen des Unternehmens im Internet-Forum warnt der Rechtsanwalt. "Unter Umständen gießt man damit Öl ins Feuer." Manchmal sei es für das betroffene Unternehmen am besten, gar nicht zu reagieren.

Rechtsstreit erscheint schwierig

"Die Situation ist für Unternehmen äußerst schwierig", sagt auch Michael Karger, Fachanwalt für IT-Recht in der Kanzlei Wendler Tremml. Wie Eckhardt bezweifelt Karger, dass es sinnvoll ist, gegen schlechte Beurteilungen im Netz vorzugehen. "Wird ein Eintrag auf Bestreben eines Unternehmens in einem bestimmten Forum gelöscht, taucht er oft ganz schnell wieder woanders auf", sagt er. Hat der Forenbetreiber seinen Sitz im Ausland, sei die Lage fast aussichtslos. Möglicherweise helfe es da nur, mit den gleichen Waffen zurückzuschlagen und positive Bewertungen ins Netz zu stellen.

"Natürlich passt einigen Arbeitgebern ihre Bewertung nicht", gibt Martin Poreda zu. Auch er erwartet deshalb rechtliche Schwierigkeiten. Und doch habe sein Forum nicht nur Nachteile für die Chefs. Aus Angst vor Repressalien wagten es viele Mitarbeiter im Gespräch nicht, auf eventuelle Missstände im Unternehmen hinzuweisen. Selbst der Gang zum Kummerkasten sei vielen zu riskant, sein Forum daher die ideale Lösung, um dem Vorgesetzten anonym Hinweise zu geben.

Gabi Rujoub, Leiterin der Unternehmenskommunikation des Fahrzeugteileherstellers Brose, kann der Plattform jedoch nur wenig Positives abgewinnen. Brose beschäftigt fast 10.000 Mitarbeiter und wurde bei Kununu bisher zehnmal bewertet. Das Gesamturteil ist eher schlecht, die Kommentare sind zum Teil erschreckend. "Das können wir so nicht stehenlassen", sagt Rujoub. Die Angaben seien aus dem Zusammenhang gerissen und zeichneten ein falsches Bild ihres Unternehmens. Man stehe den Arbeitgeber-Bewertungsplattformen grundsätzlich nicht ablehnend gegenüber. Wichtig seien jedoch klare und faire Verhaltensregeln.

"Es ist in Mode, auf Chefs einzuschlagen", sagt Rüdiger Hossiep, Psychologe an der Ruhr-Universität Bochum. Rund 80 Prozent der Deutschen geben bei Umfragen an, dass sie ein Problem mit ihrem Vorgesetzten haben. Für viele sei die schnelle Beurteilung im Netz daher sicherlich ein reinigender Prozess. Wirklich von Bedeutung sei es jedoch, das Verhältnis zum Vorgesetzten systematisch zu analysieren. "Nur wenn man wirklich weiß, was genau die Beziehung zum Chef so schwierig macht, lässt sich diese auch verbessern." Mit seinem Team hat Hossiep daher ebenfalls einen Bewertungsbogen entwickelt, den man anonym im Internet unter testentwicklung.de ausfüllen kann. Das Beantworten der Fragen dauert mit rund 30 Minuten länger als bei Kununu und Co. Dafür erhalte man jedoch mit der Auswertung einen echten Gegenwert, verspricht der Psychologe (lesen Sie dazu Psychologische Diagnostik: Der Korruptionstest)

Text: F.A.Z., 23.02.2008, Nr. 46 / Seite C2
Bildmaterial: fotolia.de
 
 
   
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