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Russland Arbeitskräftemangel im Überfluss Von Gerald Hosp
Visitenkarten haben in Russland eine geringe Halbwertszeit. So passiert es derzeit oft, dass der Versuch, den Ansprechpartner in einem russischen Unternehmen zu erreichen, mit der Antwort endet: "Die Person arbeitet hier nicht mehr." Dass Mitarbeiter mit gefragten Qualifikationen so häufig ihren Arbeitsplatz wechseln, ist eine Folge des Wirtschaftsbooms in Russland. In den vergangenen fünf Jahren ist die russische Wirtschaft durchschnittlich um mehr als 7 Prozent gewachsen. Das Wachstum soll auch in den kommenden Jahren anhalten: Für die Jahre 2009 bis 2011 rechnet die Regierung mit einem Anstieg von jeweils 6,5 Prozent. Das Angebot an qualifizierten Arbeitnehmern hält mit solchen Raten längst nicht mehr Schritt. Als wahrer Hochdruckkessel erweist sich der Arbeitsmarkt in Moskau, wo neben den offiziell gezählten 10,4 Millionen Einwohnern geschätzte 3 Millionen Menschen illegal leben. Während das russische Statistikamt für das vergangene Jahr für das gesamte Land eine Arbeitslosenquote von 6,6 Prozent - mit sinkender Tendenz - ausweist, soll sie in der Hauptstadt nur unglaubliche 0,8 Prozent betragen. In St. Petersburg, der zweitgrößten Stadt des Landes, herrschen inzwischen schon ähnliche Verhältnisse wie in Moskau. Und wenn man Sergey Frank glaubt, dem Russland-Experten des Personalberatungsbüros Kienbaum Executive Consultants, dann werden die Nachfrage nach qualifizierten Mitarbeitern und das Ausmaß der Fluktuationen auch in anderen Regionen bald stark zunehmen. Derzeit suchen laut Frank vor allem die Bau-, Automobil- und IT-Branche neue Mitarbeiter. Uni-Absolventen mit dreifachem Durchschnittslohn
Bewerber mit guter Ausbildung und Fremdsprachenkenntnissen werden am Arbeitsmarkt hofiert. Dementsprechend selbstbewusst und fordernd treten sie auf. Das nehmen sich auch schon die Studienabgänger zu Herzen. Viele Personalchefs sind angesichts der Schere, die sich zwischen der geringen bis überhaupt nicht vorhandenen Arbeitserfahrung auf der einen Seite und der Höhe des geforderten Lohns auf der anderen Seite öffnet, erstaunt. Laut einer Umfrage des Instituts Wziom rechnet jeder fünfte Absolvent einer Moskauer Universität damit, dass er nach dem Examen mehr als 50.000 Rubel im Monat verdienen wird, das sind umgerechnet rund 1350 Euro. Für russische Verhältnisse eine stattliche Summe: Der Durchschnittslohn liegt zurzeit bei 15.214 Rubel. Doch ihre Anspruchshaltung können sich die Studenten von den Werktätigen abschauen. Das Gehaltsniveau in der russischen Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Real nahmen die Löhne 2007 nach Angaben des Wirtschaftsministeriums um 15,5 Prozent zu; im Jahr zuvor waren sie um 13,4 Prozent gestiegen. In einer von Kienbaum durchgeführten Umfrage unter Unternehmen im Großraum Moskau gaben die Befragten an, die Gehälter in diesem Jahr um 11 bis 12 Prozent erhöhen zu wollen. Rohstoffunternehmen zahlen am meisten Das Lohnniveau hängt allerdings stark von der Branche ab. Die höchsten Gehälter werden bisher in exportorientierten Rohstoffunternehmen gezahlt, in den Holdings, die einem der sogenannten Oligarchen des Landes gehören, in der Telekommunikations- und Finanzbranche sowie in der Konsumgüterindustrie. Geschäftsführer, Vertriebsmanager und Finanzvorstände gehören derzeit zu den größten Profiteuren der Situation am Arbeitsmarkt. Am wenigsten lässt sich hingegen im Gesundheits- und Erziehungswesen sowie in der Landwirtschaft verdienen. Für die hohe Wechselbereitschaft der Beschäftigten gibt es aber außer dem finanziellen auch einen psychologischen Erklärungsansatz. In einer Wirtschaft, in der seit dem Zusammenbruch des Kommunismus vor allem der schnelle Gewinn zählt, stand Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber noch nie hoch im Kurs. Das gegenseitige Abwerben von Mitarbeitern ist unter diesen Voraussetzungen zum normalen Geschäftsgebaren geworden. Niedriges Bildungsniveau, Manager fehlen Hinzu kommt, dass es an qualifizierten Arbeitskräften mangelt. Am allgemeinen Bildungsniveau liegt das nicht: 38 Prozent aller Moskauer Arbeitnehmer beispielsweise haben eine höhere Ausbildung genossen. Oft aber passen ihre Kenntnisse nicht zum Bedarf der Unternehmen oder sind nicht mehr zeitgemäß. Zwar wurde schon in der Sowjetunion auf naturwissenschaftliche Fächer Wert gelegt, doch Ingenieure sind dennoch knapp. Auch Facharbeiter werden gesucht. Zudem sind aber auch die vor der Wende gelernten Management-Methoden nicht mehr en vogue. Deshalb ist vor allem auf höheren Ebenen der Hierarchie nicht Erfahrung, sondern Jugend Trumpf - es fehlt eine gesamte Manager-Generation. So wird der größte russische Bergbaukonzern, Norilsk Nickel, von einem 35 Jahre alten Vorstandsvorsitzenden und einem 36 Jahre alten Aufsichtsratsvorsitzenden geführt. Die beiden wehren sich gegen einen Übernahmeversuch des 40 Jahre alten Generaldirektors von UC Rusal, Russlands größtem Aluminiumproduzenten. Auch viele einflussreiche Politiker sind Mittdreißiger oder -vierziger. Prominentestes Beispiel ist der 42 Jahre alte neue Präsident Dmitrij Medwedjew. Russischen Hochschulabsolventen spielt eine weitere Entwicklung in die Hände. Wie Sergey Frank berichtet, besetzten früher internationale Unternehme neun von zehn ihrer Generaldirektorenposten in Russland mit Führungskräften aus dem Ausland. Heute ist das Verhältnis oft umgekehrt. Die Unternehmen stellen vor allem an der Spitze Inländer ein, um ihre Verbundenheit mit dem Land zu zeigen, in dem sie Geschäfte machen. Ausländer sind dagegen vor allem für Spezialistenjobs gefragt. Von der russischen Politik und Bürokratie werden sie allerdings - ob ungewollt oder gewollt - nach Kräften abgeschreckt: Die Klagen ausländischer Mitarbeiter über unklare Visabestimmungen, über behördliche Trägheit und Schikanen sind Legion. Ein neues Migrationsgesetz, das im vergangenen Jahr in Kraft getreten ist, hat zu keiner Klärung geführt. Eher das Gegenteil ist eingetroffen. Die Regierung wollte mit dem Gesetz vor allem den Strom der illegalen Immigranten eindämmen und eine geordnete Einwanderung zulassen. Denn Russland ist mittlerweile das zweitgrößte Einwanderungsland der Welt, die Zuzügler kommen vor allem aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Für gute Jobs sind sie aber meistens kaum ausgebildet, und besser qualifizierte Ausländer werden ihrerseits von der Praxis der neuen Richtlinien eher abgeschreckt. Ältere Mitarbeiter blockieren oft Karrierewege Die russischen Nachwuchs-Manager selbst haben an Kompetenz zugelegt, Ausländern gegenüber haben sie außerdem meist einen anderen wichtigen Vorteil: Sie verfügen über die in Russland so wichtigen Verbindungen. Gerade die ehrgeizigsten Studenten halten nach der Wziom-Studie die richtigen Beziehungen für den wichtigsten Beförderungsgrund. Studenten, die Professionalität und Fachwissen als entscheidende Faktoren nennen, hatten bescheidenere Gehaltsvorstellungen. Was den russischen Talenten rosige Aussichten verschafft, stellt für die Unternehmen zunächst ein Problem dar: Die steigenden Löhne machen einen immer größer werdenden Kostenblock aus. Außerdem hinkt der Anstieg der Produktivität den Gehaltssprüngen hinterher. Deshalb setzen immer mehr Unternehmen auf Zusatzleistungen wie betriebliche Altersvorsorge und Weiterbildungsmöglichkeiten, um ihre Mitarbeiter mittel- und langfristig zu binden, in ihnen Loyalität zu wecken und sie zu mehr Leistung anzustacheln. Zudem rücken auch die Aufstiegs- und Karrierechancen innerhalb des Unternehmens stärker in den Vordergrund. Denn in vielen russischen Betrieben herrscht noch immer ein autoritäres Hierarchieprinzip vor: Besonders ältere Mitarbeiter tendieren dazu, keine Verantwortung tragen zu wollen und Entscheidungen an ihre Vorgesetzten weiterzureichen - für die Produktivität ist das ein Hindernis, bei niedrigen Löhnen aber zu verkraften. Jüngere Manager hingegen übernehmen auch ganz bewusst Mitarbeiter- und Führungsverantwortung, wenn man sie denn lässt. So führt die Explosion der Gehälter am Ende zu moderneren, produktiveren Managementmethoden. Untätige und unmotivierte Mitarbeiter können sich die russischen Unternehmen nämlich nicht mehr leisten. Text: F.A.Z.Bildmaterial: AFP, REUTERS |
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