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Jobs der Woche

Attraktivität

Schöne Karrierechancen

Von Ursula Kals




18. August 2007 
Die Recherche ernüchtert und erntet zunächst ein klares "Nein". Nein, auf äußere Attraktivität komme es bei Bewerbern nicht an. Da zählten Fachkenntnisse und - natürlich, natürlich! - die inneren Werte. Nein, ob jemand etwas runder, kleiner geraten sei, leichten Silberblick und Hakennase habe, das spiele bei der Stellenbesetzung und Beförderung absolut keine Rolle (lesen Sie, was die Nutzer von FAZjob.NET dazu sagen - Umfrage: Schönheit macht Karriere). Das betonen Personalleiter großer Unternehmen, um dann ("Das schreiben Sie aber bitte nicht!") bei ausgeschaltetem Mikrofon zu relativieren: So ganz sei man von äußeren Eindrücken nicht frei. Hhm. Ja, eigentlich sei es schon so, dass bei gleicher Qualifikation den Attraktiveren der Vorzug gegeben werde. Man habe halt Kundenkontakt . . . Sie verstehen? Aber damit möchte man "auf keinen Fall zitiert werden". Der nervöse Nachdruck in der Stimme der Interviewten, die sich nicht so recht interviewen lassen möchten, ist unüberhörbar.

Denn das, was die Sozialpsychologie dokumentiert hat und der gefühlten Wahrnehmung der meisten Menschen entsprechen dürfte, ist alles andere als politisch korrekt: äußere Attraktivität ist ein Karrierebeschleuniger, gut Aussehende verdienen in der Regel mehr (siehe Kasten). Großgewachsene, sportliche Männer mit maskulinen Gesichtern dominieren die Führungsetagen. In Zeiten des Antidiskriminierungesetzes hören das die Personalleiter nicht gerne, kein Wunder, sie fürchten - nicht zu Unrecht - juristische Probleme, sollten sie auf Attraktivität setzen.

Sie werden für schlauer gehalten

Schöne Aussichten - ein symetrisches Gesicht gilt als Karrierturbo

Ärzte, die sich auf ästhetische Chirurgie spezialisiert haben, sind da weniger dezent. Sucht man das Begriffspaar "Schönheit & Karriere" im Internet, erscheinen Hochglanzpraxen, die werben: Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance, Anziehungskraft lässt sich mit dem Skalpell herstellen. Der Hinweis fehlt nicht, dass inzwischen jede siebte Schönheitsoperation bei einem Mann erfolgt. Die Zahl der Erwachsenen, die mit einer Zahnspange Fehlstellungen korrigieren - und zwar nicht aus medizinischen Motiven - wächst.

Sieht jemand nach landläufigen Einschätzungen gut aus, hat er etwa ein symmetrisches Gesicht, wie Verhaltensbiologen erklären, dann bewirkt er eine positive Voreinstellung bei seinem Gegenüber und löst die archaische Assoziation aus: Der sieht gesund und nett aus, der muss was können. "Der Punkt ist: Attraktive sind nicht schlauer, werden aber für schlauer gehalten und kriegen bessere Chancen im Leben. Das führt dann letztlich dazu, dass sie etwas mehr verdienen und etwas leichter Karriere machen. Da gibt es leichte Zusammenhänge", sagt die Münchener Wirtschaftspsychologin Mahena Stief. "Wir glauben, dass attraktive Menschen intelligenter sind, wir schreiben ihnen positive Eigenschaften zu, zum Beispiel eine höhere Sozialkompetenz und größere Zufriedenheit, das ist ein durchgängiger Effekt", erklärt die Lehrbeauftragte der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität.

Dichtes Haar statt Segelohren

Doch nicht jeder hat die richtigen Maße

Stief nennt ein Experiment. Der gleiche Lebenslauf wurde mit zwei Fotos versehen, einem hübschen und einem weniger anziehenden Porträt. Nun sollten die Testpersonen den Kandidaten bewerten. Das Ergebnis verwundert nicht: Der Gesamtkompetenzwert beim Attraktiven war durchgängig höher. Hübschen Kindern wird mehr Aufmerksamkeit geschenkt als weniger anziehenden. Schöne Menschen erhalten mehr Vorschusslorbeer. Das wiederum zementiert ein selbstverstärkendes System. "Attraktive Menschen sind in der Regel selbstbewusster und kontaktfreudiger", sagt Mahena Stief.

Was aber tun, wenn man mit gängiger Schönheit nicht gesegnet ist? Das Thema nicht überbewerten, eine positive Einstellung zu sich selbst aufbauen und relativieren nach dem Motto: Vielleicht stehen meine Ohren etwas ab, aber ich habe dichtes Haar. "Fokussieren auf Dinge, die man an sich gut findet und das Gesamtbild in den Blick nehmen", empfiehlt Stief. "Wenn mich mein eigenes Gefühl zufrieden und fröhlich macht, ich eine positive Einstellung zu mir selbst aufbaue und gut mit mir umgehe, dann strahle ich das aus", bestätigt die Kölner Psychologin Doris Trappe: "Dieser positiven Ausstrahlung entzieht sich niemand, ob er es zugibt oder nicht. Davon ist auch ein Personalleiter nicht frei."

Ein gutes Selbstbild macht vieles wett

„Wir können nicht alle Heidi Klums sein”

Was aber strahlen ein Barbie-Puppen-Verschnitt, der sich verkrampft um seine XS-Größe sorgt oder ein spaßbefreiter Dressman-Typ aus, der ständig seinen Schopf nachgelt? Auf den ersten Blick haben sie es leichter, auf den zweiten nicht. Oder ganz im Gegenteil. Ein Aachener Mittelständler stellt in seinem Unternehmen keine auffallend schönen Mitarbeiter mehr ein, weil er um die Flur-Chemie fürchtet und ihm vor dem Schaulaufen graust: "Damit habe ich schlechte Erfahrungen gemacht. Dann gibt's die große Gockelei, das sprengt mir die Arbeitsteams. Was glauben Sie, was bei uns los war, als wir diese ausnehmend hübsche Vertriebsleiterin eingestellt hatten?" Ohnehin gehen die meisten Menschen zu extrem Schönen auf Abstand: Das kann mit Selbstbedrohung zu tun haben. Zu starke Unterschiede zu sich selbst finden viele nur aus der Ferne interessant, aus der Nähe nicht mehr. Das ist eine andere Welt und nährt den Neidfaktor.

Ob jemand als sehr gut aussehend empfunden wird, hängt nur zu 30 Prozent von dessen objektiver Schönheit ab, sagt der Wuppertaler Psychologieprofessor Manfred Hassebrauck: Rund 20 Prozent machen die individuellen Ansprüche des Beurteilenden aus und immerhin 50 Prozent dessen persönliche Vorlieben. Mag er also grundsätzlich keine Bärte, dann hat es der Bartträger schwer.

Ein korrektes Outfit hilft da oft schon weiter

Kein Unattraktiver steht auf verlorenem Posten. Das macht Doris Trappe in der Outplacementberatung für von Rundstedt klar: "Hauptsache, die Bewerber kommen gepflegt rüber." Ein guter Haarschnitt, eine modische Brille, auch wenn sie dick sei, das mache vieles wett. "Kommt dann ein nettes Wesen zum Vorschein, dann hat man an so einem Aussehen nichts auszusetzen", sagt Trappe. "Ein positives Selbstwertgefühl würde ich nicht vermuten bei denen, die sich eine neue Nase machen lassen." Das Stichwort vom "gepflegten Erscheinungsbild, das wichtig ist" nennt auch Sabine Zahnert, Teamleiterin Traineereferat bei Bosch und betont: "Das Aussehen der Bewerber spielt bei uns keine Rolle, weder im Einstieg noch bei der weiteren Entwicklung. Es gibt mit Sicherheit Branchen, da laufen trendigere Leute rum."

Schokoladenseite rausarbeiten

Worüber bei Karriereberatern Konsens besteht: Die Bedeutung des Bewerbungsfotos sollte keiner unterschätzen. Das Bild sollte aktuell und vom Profi gemacht sein. Ein bisschen "corriger la fortune" zu spielen, scheint sinnvoll. Immer noch schicken Bewerber private Familienfotos mit düsteren Gerichtsvollziehermienen und herausgeschnittenen Angehörigen. Anstatt ihre Schokoladenseite geschickt ausleuchten zu lassen, greifen Stellensuchende zu ihren Digitalkameras, hat Sylvia Knecht, Vorstandssprecherin der DIS AG, auf einem Karrieretag des Zeitarbeitsunternehmens beobachtet: "Eine Bewerberin hatte ihr Gesicht so unglücklich verschattet, als hätte sie einen Damenbart. Wir können nicht alle Heidi Klums sein, aber das sollte man vermeiden."

Im Übrigen sieht Knecht die Bedeutung des Aussehens eher schwinden, "da findet ein Umdenken statt". Für den amerikanischen Computerhersteller Dell hat ihr Unternehmen ein Recruitingonlineprojekt durchgeführt, um in Halle/Leipzig ein Businesscenter aufzubauen. Dell vertritt ein strenges Diversitysystem, Geschlecht und Alter der Bewerber waren nicht relevant, es gibt keine Fotos, sondern Fakten zur Qualifikation. Rund 10 000 Bewerber wurden rekrutiert, 500 Kandidaten präsentiert, 400 eingestellt. "Das war eine interessante Erfahrung, die Leute haben plötzlich eine Chance, wir haben Langzeitarbeitslose untergebracht", sagt die promovierte Politikwissenschaftlerin. Für all jene, die nicht zu den Brad Pitts dieser Welt gehören, gibt es tröstliche Ausblicke: "Das Aussehen ist in konjunkturell guten Phasen zweitrangig, in Zeiten demographischen Wandels gibt es einfach weniger Bewerber", sagt Knecht. Und Doris Trappe ist überzeugt: "Bei der Bewerberauswahl wird immer stärker darauf geachtet, ob jemand kommunikativ ist." Statt sich der Chirurgennarkose anzuvertrauen, macht ein Kommunikationstraining mehr Sinn.

Rolli als Tabubruch

Abgesehen davon, dass es in bestimmten Kulturkreisen bestimmte äußere Stereotypen gibt, ist die Gewichtung der äußeren Hülle von Branche zu Branche sehr unterschiedlich. Es liegt auf der Hand, dass in der Kosmetikindustrie Aknenarben und speckige Hängemattenarme seltener anzutreffen sind als etwa im Maschinenbau. Auch in der Werbung, der Automobilbranche, im Vertrieb und im Handel finden sich eher die Durchgestylten. Ein spezielles Umfeld besetzen Unternehmensberater und Wirtschaftsprüfer. Dort tummeln sich auffallend viele smarte Erscheinungen in dunklem Tuch, bei denen eine gewisse Uniformität ins Auge sticht und Leistungsfähigkeit als optisches Rundumpaket präsentiert wird. Böse Zungen nennen das "Pinguintreffen", auf dem schon ein Rollkragenpulli einen Tabubruch darstellt.

Musiker müsste man sein. Bei vielen Orchestern, zum Beispiel bei den Wiener Philharmonikern, spielen Kandidaten hinter einer spanischen Wand vor. Nur die Töne zählen, nicht das Aussehen. Denn die im Orchestergraben, die sieht man nicht.

Niedriger Stundenlohn für die Reizlosen

-Schönheit auf dem Arbeitsmarkt ist bares Geld wert. Die Ökonomen Daniel Hamermesh und Jeff Biddle haben das auf der Basis von Befragungen in Kanada und den Vereinigten Staaten herausgefunden: Die 9 Prozent Männer, die als reizlos bewertet wurden, mussten mit einem Stundenlohn rechnen, der um 10 Prozent unter dem Durchschnitt liegt. Die 32 Prozent der Männer, die als überdurchschnittlich gut aussehende beschrieben wurden, hatten im Schnitt 5 Prozent höhere Löhne.

-Ein Attraktivitätsindikator ist das Körpergewicht. Die Wirtschaftswissenschaftler Susan Averett und Standers Korenman haben den sogenannten "Fettleibigkeitseffekt" untersucht: Das Risiko eines geringeren Einkommens trifft vor allem Frauen und Männer, die sowohl in jungen als auch in späteren Lebensjahren übergewichtig sind.

-Wer mehr über die "Ökonomie der Schönheit" lesen möchte, findet das Kapitel im Buch von Norbert Häring, Olaf Storbeck: "Ökonomie 2.0. 99 überraschende Erkenntnisse", Verlag Schäffer-Poeschel, Stuttgart 2007.

Text: F.A.Z., 18.08.2007, Nr. 191 / Seite C1
Bildmaterial: F.A.Z.-Cyprian Koscielniak, Foto Franz Pfluegl, Fotolia, picture-alliance/ dpa
 
 
   
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