19. Oktober 2007
In Deutschland verdienen alle zu wenig. Zumindest wird das jede Umfrage unter den Beschäftigten behaupten. Denn wer gibt schon zu, angemessen bezahlt zu sein. Aber stimmt das wirklich? Und wie viel wäre das faire Gehalt?
Gerade jetzt lohnt es sich, diesen Fragen verstärkt nachzugehen. Denn wer zu wenig verdient, hat derzeit hohe Chancen, mehr Geld von seinem Chef zu bekommen. Durch die hervorragende Wirtschaftslage sind größere Gehaltssprünge als sonst möglich“, sagt Tim Böger, Chef der Vergütungsberatung Personalmarkt. Dazu muss nicht immer gleich das Unternehmen gewechselt oder eine neue Tätigkeit ausgeübt werden. Fünf Prozent mehr sind in stark nachgefragten Jobs drin.“ Dazu gehörten etwa Ingenieure und Entwickler, Vertriebsleute, Personalmitarbeiter und Experten in der Transport- und Logistikbranche. Vor allem in der Exportindustrie gebe es derzeit personelle Engpässe. In anderen weniger boomenden Sektoren seien aktuell nur 2 bis 3 Prozent Gehaltsaufschlag möglich (Überblick: Vergütung aktuell).
Fünf Kriterien entscheiden
Egal in welcher Branche: Mehr Geld gibt es nicht einfach so für jeden, selbst wenn es nur wenige Prozent sind. Fünf Kriterien entscheiden, wer gute Chancen auf eine höhere Entlohnung hat. Wichtig ist zuerst die aktuelle Position im Gehaltsgefüge des Unternehmens. Wer im Vergleich zu den Kollegen unterdurchschnittlich verdient, aber nicht weniger leistet, kann sich eher Hoffnungen machen als der Spitzenverdiener. Über die in der Branche üblichen Vergütungen geben Tarifverträge, veröffentlichte Gehaltstabellen, Gespräche mit Freunden und guten Kollegen und die an diesem Samstag veröffentlichte kostenlose Gehaltsaktion der F.A.Z. Hinweise.
Wer nun weiß, dass er wenig verdient, muss sich fragen, ob ein Aufschlag gerechtfertigt ist. Dabei gilt: Selbst wenn es dem Unternehmen gerade prächtig geht, muss ein Mitarbeiter ein höheres Gehalt mit mehr Leistung begründen können“, sagt Böger. Das können etwa ein erfolgreich abgeschlossenes Projekt oder gute Verkaufszahlen sein.
Scheint eine Gehaltserhöhung angebracht, muss der Betroffene prüfen, ob auch mehr Geld herauszuholen ist. Das entscheidet zum einen die aktuelle Finanzlage des Unternehmens. Eine Firma, die ganz knapp überhaupt einen Gewinn erwirtschaftet, wird für das Personal nicht viel zusätzliches Geld ausgeben wollen. Bei einem erfolgreichen Arbeitgeber ist das anders. Steigt die Auftragslage und damit auch meist die Arbeitsbelastung, wird er seinen Mitarbeitern mehr bieten müssen.
Das gilt vor allem dann, wenn diese Tätigkeiten auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind, wie dies derzeit etwa bei Ingenieuren und bald wohl auch bei IT-Spezialisten der Fall ist. Übertrieben werden sollten die Forderungen aber nicht. Der Chef darf sich nicht über den Tisch gezogen fühlen. Denn die nächste Krise kommt bestimmt. Und dann sind teure Mitarbeiter manchmal die ersten, die einem Personalabbau zum Opfer fallen“, warnt Personalmarkt-Chef Böger.
Große Sprünge nur beim Wechsel
Hier kommt das fünfte Kriterium ins Spiel, die Frage, wie ersetzbar der Angestellte ist. Da überschätzen sich die meisten. Der Großteil der Arbeit ist eben doch auch durch einen Kollegen zu erledigen“, weiß Böger. Wer also zu viel verlangt, muss mit der Konsequenz leben können, dass sich die Wege trennen.
Große Gehaltssprünge sind nur auf anderem Wege zu erreichen: durch einen Wechsel des Arbeitgebers. Bei gleicher Tätigkeit sind je nach Lage des Unternehmens und der Jobaussichten schon 10 bis 15 Prozent mehr üblich“, schätzt Christian Näser, Gehaltsfachmann von Kienbaum Management Consultants. Natürlich nur, wenn dem Interessenten nicht gekündigt wurde. Denn nur dann ist das höhere Gehalt als eine Art Prämie für die Aufgabe des sicheren Arbeitsplatzes zu rechtfertigen. Und der Sprung ist auch nur dann zu schaffen, wenn der mögliche neue Mitarbeiter in seiner alten Firma nicht schon weit überdurchschnittlich verdient hat. Denn auch der neue Chef muss darauf achten, dass die Gehälter in der gleichen Position nicht zu weit auseinanderklaffen.
Auch bei einem Jobwechsel sollte vorher recherchiert werden, wie viel das Unternehmen zu zahlen bereit ist. Das ist schwieriger, als wenn man schon dort arbeitet, weil man dann über Kollegen oft schon einen Hinweis darauf bekommt. Bei fremden Firmen sollte man schauen, wie hoch die Gewinne sind und wie stark sie steigen, ob deren Produkte gefragt sind und dafür neue Leute dringend gesucht werden“, erklärt Näser. Positive Antworten auf diese Fragen stärken die Position im Gehaltspoker.
Jede Ebene höher bringt 30 Prozent
Den größten Sprung machen freilich diejenigen, die eine neue Position annehmen. Vor allem Personalverantwortung werde deutlich besser honoriert, sagt Näser: Für jede Ebene höher kann man bis zu 30 Prozent mehr heraushandeln.“ Ist das neue Aufgabenfeld dann noch mit einem Jobwechsel verbunden, seien sogar bis zu 40 Prozent drin. Aber als Chef in ein fremdes Unternehmen zu gehen ist riskant, weil man seine künftigen Untergebenen nicht kennt“, warnt der Kienbaum-Experte.
Doch auch wer noch einen weiten Weg bis zur Personalverantwortung vor sich hat, kann sich freuen. In diesem Jahr sind die Einstiegsgehälter stärker gestiegen als die übrigen Gehälter. Hochschulabsolventen bekommen rund 8 Prozent mehr als 2006, schon Beschäftigte nur 3 bis 4 Prozent, hat die Vergütungsberatung Towers Perrin errechnet. Im Vergleich mit dem Ausland gab es in Deutschland Nachholbedarf in den unteren Gehaltsgruppen“, begründet das ihr Gehaltsexperte Martin Hofferberth. Vor allem größere Unternehmen würden stärkere Gehaltssprünge besser verkraften können als kleine Mittelständler. Die höchsten Einstiegsgehälter gibt es derzeit für Naturwissenschaftler. Sie können durchschnittlich mit 42.000 Euro, bestenfalls sogar mit über 50.000 Euro rechnen. Ein Aufbaustudium (Master) bringt dabei etwa 2000 Euro mehr im Jahr als ein Universitätsdiplom. Wie viel genau Hochschulabgänger in ihrem ersten Job verlangen können, ermittelt ebenfalls die kostenlose Gehaltsaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.