Von Philipp Vetter
03. Juli 2008 Es sind nur acht Schüler gekommen. Ein Mädchen aus einer arabischen Familie ist heute morgen einfach nicht erschienen. Da kann man durchaus Absicht unterstellen, sagt Lehrerin Elke Menzel, und ich mache das auch mal. Menzel war auch nicht sicher, ob Zafer heute kommen würde. Aber jetzt sitzt er neben den anderen Fünftklässlern auf der Bank im Erdgeschoss des Jüdischen Museums in Berlin. Muss ich da mit, ich bin doch gar kein Jude, hatte Zafer ein paar Tage zuvor im Unterricht gefragt. Er musste.
Zafer und seine Mitschüler sind an diesem Freitagmorgen gemeinsam die zwei Stationen mit der U 1 vom Kottbusser zum Halleschen Tor gefahren. Der Weg von ihrer Kreuzberger Grundschule zum Jüdischen Museum ist nicht weit. Man könnte sagen, das Museum liegt im Kiez der Schüler. Trotzdem waren sie noch nie hier. Der Besuch an diesem Morgen gehört zur Projektwoche Gemeinsam leben. Das ist ein Thema, um das es bei uns eigentlich jeden Tag geht, sagt Menzel. 96 Prozent der Kinder an ihrer Schule haben Eltern, die nicht in Deutschland geboren wurden. Bei der Gruppe im Jüdischen Museum hat heute kein Schüler deutsche Eltern.
Er will darüber reden, was verbindet, nicht was trennt
Lustlos stehen die sieben Jungs und Dalia, das einzige Mädchen, von der Bank auf und stellen sich in einem unförmigen Halbkreis vor dem Museumsführer auf. Er trägt das rote Halstuch, an dem man die Mitarbeiter des Museums erkennt, dazu eine Brille und Dreitagebart. Ich heiße Ufuk Topkara. Ufuk ist ein türkischer Name und bedeutet Horizont, sagt er. Sofort beginnen zwei Schüler zu tuscheln. Ist der Türke?, fragt einer den andern auf Türkisch. Ein Türke führt durch das Jüdische Museum? Kann das sein?
Der siebenundzwanzig Jahre alte Geschichtsstudent Ufuk Topkara arbeitet seit 2005 im Museum. Bei einem Vortrag über die Berufsaussichten von Historikern hatte er von der Suche des Jüdischen Museums nach einem türkischsprachigen Führer gehört. Die Museumsleitung versuchte damals mit türkischsprachigen Flugblättern und Anzeigen auch türkische Besucher anzulocken - ohne Erfolg. Nicht einmal einen türkischsprachigen Führer fand man in den ersten vier Jahren nach der Eröffnung des Museums im Jahr 2001. Dann bewarb sich Topkara, bekam den Job und entwickelte den Rundgang Ist das im Islam nicht auch so? für Klassen mit vielen muslimischen Schülern. Er will darüber reden, was verbindet, nicht was trennt.
Anfangs wirken siene Zuhörer lustlos, aber nicht feindselig
Topkara fragt die Schüler nach ihren Namen. Mein Name ist auch türkisch und bedeutet Sieg, sagt Zafer. Es klingt gleichzeitig stolz und ein bisschen skeptisch. Er weiß noch nicht, was er von Topkara halten soll. Dann stellen sich auch Mohammed, Dalia und die anderen vor. Die meisten Schüler lehnen dabei mit dem Rücken an der Wand oder sitzen wieder auf der Bank, von der sie aufgestanden waren, als Topkara sie begrüßt hat. Sie wirken immer noch lustlos, aber nicht feindselig.
Gleich bei einer seiner ersten Führungen vor drei Jahren war das anders. Damals stand Topkara eine Gruppe Siebtklässler mit verschränkten Armen gegenüber und weigerte sich, das Museum überhaupt zu betreten. Die haben mich richtig kalt angeschaut, erinnert sich Topkara. Er hat ihnen auf Türkisch von sich und seinem Leben als Muslim erzählt. Dass er aus einer konservativen, religiösen Familie stammt, dass er jahrelang in der Moschee lernte, den Koran zu lesen, dass er nach Mekka pilgerte und dass er seinem kleinen Bruder jeden Tag aus dem Koran vorliest. Irgendwann vertrauten sie ihm.
Ein Weg, die Nachbarn in die Ausstellung zu locken
Man müsste tief bohren, um an die Wurzeln ihrer Vorurteile heranzukommen, sagt Topkara. Meist schnappen sie bei den Erwachsenen irgendetwas über den Nahostkonflikt auf, zum Beispiel, dass die Juden Mörder seien, und dann gibt es in ihrem Umfeld keinen Widerspruch. Das Jüdische Museum könnte ein solcher Widerspruch sein. Es liegt mitten im türkisch und arabisch geprägten Stadtteil Kreuzberg. Man müsste nur einen Weg finden, die Nachbarn in die Ausstellung zu locken.
Topkara beginnt die Führung an diesem Morgen im zweiten Stock des Museums unter einem großen Plastikbaum. Er verteilt Kärtchen, die die Form von Granatäpfeln haben, und bittet die Schüler, einen Wunsch auf die Karte zu schreiben. Dann erzählt er von Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahrsfest, und dem Brauch, an diesem Tag Granatäpfel zu essen. Wer kann mir die Geschichte von Adam und Eva erzählen?, fragt er. Einige haben davon gehört. Neu ist für alle, dass auch Christen und Juden glauben, dass Gott die ersten Menschen erschaffen hat, die aus dem Paradies verbannt wurden, nachdem sie von der verbotenen Frucht gegessen haben. Im Koran und in der Tora ist die verbotene Frucht ein Granatapfel, erzählt Topkara.
Es sind immer die Mütter, die den Unterschied ausmachen
Dann meldet sich Dalia. Sie will wissen, wie das sein kann, dass alle Menschen von Adam und Eva abstammen. Man braucht doch mindestens zwei Paare, weil Bruder und Schwester keine Kinder kriegen dürfen, weil die sonst krank werden, sagt sie. Da hast du recht, antwortet Topkara. Manche religiösen Geschichten könne man nur glauben und nicht logisch erklären. Aber deine kritischen Fragen sind sehr gut, bewahr dir das.
Dalias Frage beschäftigt Ufuk Topkara auch noch nach der Führung. Das war die Cleverste in der ganzen Gruppe, hoffentlich wird sie gefördert, sagt er. Ohne Förderer bist du verloren. Topkara kennt das Leben als Kind einer zugewanderten Familie. Seine Eltern kamen 1971 aus der nordtürkischen Stadt Trabzon am Schwarzen Meer nach Berlin. Er selbst wurde in Deutschland geboren. Daheim sprachen sie auch Deutsch - aber deutlich mehr Türkisch. Meine Mutter hat mich immer unterstützt und angetrieben, erzählt er. Es sind immer die Mütter, die den Unterschied ausmachen. Topkaras Mutter hat ihn in Schwung gebracht, sein Vater hat den Weg frei geräumt. Als ich eingeschult wurde, war ich in einer Klasse mit achtzig Prozent Migranten. Da ist mein Vater zum Direktor gegangen und hat gesagt: Der Junge muss ordentlich Deutsch lernen, und das geht nicht in dieser Klasse. Ufuk Topkara durfte in eine Klasse wechseln, in der die Hälfte der Mitschüler deutsche Eltern hatte, einige Jahre später schaffte er es auf ein Gymnasium, und im Herbst wird er zum Forschen nach Harvard gehen. Ich habe heute immer noch den Eindruck, mehr leisten zu müssen, um gleichbehandelt zu werden, sagt er.
Zugleich Kumpel und Autorität
Vom Plastikbaum führt Topkara die Gruppe zu einer großen Torarolle, die wenige Meter entfernt in einer Vitrine liegt. Welche Sprache könnte das sein, in der die Tora geschrieben ist?, fragt Topkara in die Runde. Jüdisch, sagt Mohammed. Jüdisch ist keine Sprache, und meldet euch bitte, bevor ihr .., sagt Topkara. Da ruft Zafer auch schon Pergament! dazwischen. Topkara legt ihm die Hand auf die Schulter, schaut ihm in die Augen und ermahnt ihn auf Türkisch. Es klingt streng, aber die Berührung wirkt fast zärtlich. Zafer ist groß für sein Alter, er strotzt nur so vor Selbstvertrauen, aber Topkaras Reaktion hat ihn beeindruckt. Später nennt Zafer ihn einige Male Abi, was auf Deutsch großer Bruder heißt. Tatsächlich nimmt Ufuk Topkara genau diese Rolle ein. Er streicht den Schülern über den Kopf, wenn er sie für eine richtige Antwort lobt, klopft ihnen aufmunternd auf die Schulter, kann sie aber auch mit strengen Worten in ihrer Muttersprache zur Räson rufen. Er ist zugleich Kumpel und Autorität.
Lehrerin Elke Menzel steht etwas abseits der Gruppe und ist begeistert. Er macht das toll. Ich wünsche mir oft, dass ihnen auch mal jemand außerhalb des Unterrichts Grenzen setzt, sagt sie. Es ist vor allem die Sprache, die ihm Autorität verleiht. Dass ich türkisch spreche, ist wichtig für die Glaubwürdigkeit, sagt Topkara. Komplette Rundgänge auf Türkisch sind selten. Ich habe in den drei Jahren vielleicht zehn türkische Führungen geleitet, sagt er. Die Schüler würden ihn dann auch nicht verstehen, ihr Türkisch sei meist schlechter als ihr Deutsch. Topkara erklärt, dass sowohl die hebräische als auch die arabische Schrift von rechts nach links gelesen wird und beide heiligen Schriften, die Tora und der Koran, so rezitiert werden, dass es wie Gesang klingt. Auch die Beschneidung der Männer sei ein Brauch, den Juden und Muslime pflegen. Wer von euch kann sich noch an seine Beschneidung erinnern?, fragt Topkara, und alle Jungs heben die Hand. Aha, ihr habt also alle die Kohle und die Geschenke eingesackt, sagt er und lacht. Jetzt ist er wieder ganz der große Bruder.
Zum Abschluss gibt es Gummibärchen - koscher und halal
Zum Schluss gibt es für jeden eine Handvoll Gummibärchen. Sie kommen aus einer blauen statt aus einer goldenen Haribo-Tüte. Gummibärchen sind für Zafer und die anderen normalerweise tabu, weil sie aus Gelatine gemacht werden, die aus Schweineknochen gewonnen wird. Auch dieses Verbot gilt in beiden Religionen. Doch die Gummibärchen aus der blauen Tüte wurden mit Fischgelatine hergestellt und sind deshalb sowohl koscher als auch halal - entsprechen also den Speisevorschriften des Islam. Sie schmecken fast genauso wie gewöhnliche Gummibärchen, sind aber etwas zäher.
Spätestens mit den Gummibärchen hat Ufuk Topkara die acht Kreuzberger Schüler auf seiner Seite. Wie es ihnen so gefallen hat, will Lehrerin Menzel wissen. Gut, antworten alle fast gleichzeitig. Hat Topkara also etwas erreicht in der vergangenen Stunde? Konnte er Vorurteile abbauen? Ich glaube, der Effekt verpufft sehr schnell, wenn sie zurückkommen in ihr soziales Umfeld, sagt er nachdenklich. Vielleicht hat er recht. Vielleicht werden sie nicht als Einzige widersprechen, wenn jemand gegen Juden hetzt. Aber sie werden sich an den großen Bruder Ufuk aus dem Museum erinnern. Er hätte widersprochen.
Text: F.A.Z.