Nackt mit Spencer Tunick

Ich friere so, dass ich wehrlos bin

Von Katrin Hummel, Wien

12. Mai 2008 „Zu den Nackerten?“ fragt der Taxifahrer, als ich sage, dass ich ins Ernst-Happel-Stadion möchte. Ich nicke. „Sie ziehen sich aus?“ vergewissert er sich. Ich nicke wieder, er beäugt mich wie ein seltenes Insekt. Es ist peinlich.

Dabei geht es hier doch um Kunst. Ich will Bestandteil eines Kunstwerks werden, denn der New Yorker Fotograf Spencer Tunick, bekannt durch seine Körperinstallationen, bei denen er nackte Menschen sich an ungewöhnlichen Orten versammeln lässt, ist in der Stadt. Für 14 Uhr hat er zum Stadioneingang „Sektor B, 2. und 3. Rang“ gebeten. Als ich um halb zwei eintreffe, stehen schon hunderte Menschen da und fast ebenso viele Kamerateams.

„Einmal im Leben aus mir rauskommen“

Die Menschen sehen sympathisch aus. Fast alle tragen Freizeitkleidung und Rucksäcke, manche lesen Zeitung im Stehen, und die meisten geben so locker über ihre Motive Auskunft, als gehe es hier nur darum, sich für ein Eis anzustellen. Ein fünfzigjähriger Anwalt aus Frankfurt meint etwa: „Da ist die Idee dabei, einmal im Leben was Witziges zu machen. Und in Zeiten zunehmender Spießigkeit sollte man von seinen entlegeneren Grundrechten Gebrauch machen, bevor sie in völlige Vergessenheit geraten.“ Eine Frau Mitte dreißig, die im mittleren Management einer Versicherung arbeitet, hat niemandem von ihrem Vorhaben erzählt, doch möchte sie „einmal im Leben aus mir rauskommen und was tun, was keiner von mir erwartet.“ Dennoch hat sie Bauchkribbeln, was sonst angeblich keiner hier hat.

Wir gehen durch einen engen Eingang hinein ins Stadion, beim Anstellen steht man dicht an dicht, nicht neben allen möchte man später gerne nackt stehen. Ich habe diesen Gedanken, den ich manchmal auch beim Zahnarzt habe: Der Arme muss ja jedem in den offenen Mund gucken - ob er möchte oder nicht. Und so ähnlich wie ihm wird es mir auch gleich gehen. Am liebsten würde ich kehrt machen, obwohl ich vorher der Meinung war, es mache mir überhaupt nichts aus. Aber nun steigen wir schon zu den Rängen empor. Als ich oben bin, drehe ich mich noch mal um: Bestimmt 3000 sind wir, wenig Dicke, drei Viertel Männer, ein Viertel Frauen, schätze ich, die meisten zwischen 30 und 50 Jahre alt. Neben mir tauschen zwei Frauen Adressen aus, es scheint gut zu tun, sich vor dem Ausziehen anzufreunden. So entsteht wenigstens ein Hauch von Nähe.

Ihr Körper strahlt tröstliche Wärme ab

Ich lande auf einem Platz ganz vorne, Reihe 1d, wir werden locker über die Sitze verteilt, zwischen jedem sind ungefähr sechs Sitze frei. Dann sollen die Leute aus meiner Sektion sich umsetzen, weiter nach oben, der erste schimpft: „Das ist ja eine Organisation, das ist ja unglaublich!“ - „Der Fotograf sagt, hier darf keiner sitzen, fertig“, bescheidet ihm ein Ordner. Eigentlich sind die Sitze ja nummeriert, denke ich, warum haben sie das vorher nicht ausprobiert, mit einer Computeranimation? Wir werden jetzt hinter eine Glaswand geschickt, alle Sitze liegen im Schatten, es ist hier nicht gerade warm, dazu weht ein leichter Wind.

Ein Tunick-Kameramann sitzt mir im Nacken, außerdem ein junger Mann mit schwarzem Anzug und Krawatte, ein Mädel der Kunsthalle Wien steigt herum und macht Fotos, der Ort ist nicht ideal, beschließe ich, und setze mich wieder weiter nach unten. Dort haben sich inzwischen die ersten Grüppchen gebildet, Spott über die Organisation wird laut. Das Geläster tut gut, es schweißt zusammen. Ich lande neben einer dicken Frau, ihr Körper strahlt tröstliche Wärme ab, sie kommt aus London und ist schon das achte Mal bei einer Installation dabei. Es gibt ein Forum im Internet, auf dem sich Tunick-Bewunderer austauschen und verabreden.

„Lass es einfach passieren

Die Ordner scheuchen uns jetzt wieder woanders hin, für sie sind wir keine Individuen, sondern eine Masse, die es möglichst kunstvoll über die Ränge zu verteilen gilt. Ich beschließe, dass ich mich an einem Ort ausziehen möchte, wo ich noch keinen kenne, weil ich es zu intim finde, sich voreinander auszuziehen, wenn man sich zuvor kurz unterhalten hat. So ähnlich wie mit dem Chef in der Sauna. Also wechsele ich noch mal die Position und lande in einer Kinderecke: Rechts hinter mir eine junge Frau mit Säugling, vor mir ein Wochenend-Vater mit zwei Töchtern im Grundschulalter, links neben mir ein älterer Herr in blauem Bademantel und rosafarbene Schlappen (ob der wohl so hergekommen ist?), links hinter mir ein Rastafari (mit Intimpiercing, wie sich später herausstellen wird). Die Pressevertreter sitzen auf dem Sonnenrang, uns gegenüber. Sie wirken gefräßig wie Leguane, ich frage mich, wie weit sie uns ranzoomen können.

Jetzt versammeln sich zehn Leute in der Sonne am Rande des Spielfelds, einer trägt einen Anzug mit Hut, die anderen weiße oder schwarze T-Shirts, Schirmmützen und Sonnenbrillen. Keiner von denen scheint älter als 30 zu sein, außer Spencer Tunick (41), der, ganz in Schwarz, nun zu ihnen tritt. „Hello, I'm Spencer“, sagt er in ein Mikrophon, und wir klatschen. Wir sollen uns hinsetzen, dabei sitzen wir doch schon. „Ich glaube, der Künstler will, dass wir eine Erkältung bekommen“, sagt eines der Mädchen, es heißt Kira. „Rotznasen kriegt man überall, auch beim Spencer Tunick“, entgegnet der Vater. Die Crew zeigt mit Fingern auf uns. „Das heißt, es kann jeden Moment anfangen, Papa?“„Lass es einfach passieren.“

Das Baby brüllt jetzt sehr laut

Wir sollen den Schmuck ablegen und Kamerahandys ausschalten. Der Rastafari legt seine Dreadlocks über seinen martialischen Ohrschmuck. Das Baby beginnt zu schreien. „Vielen Dank für Ihre Geduld“, sagt Tunick, seine Worte werden anschließend übersetzt. So, wie wir jetzt aufgeteilt sind, füllen wir zirka ein Viertel des Stadions. Auf einer großen Leinwand werden die Ränge abgefilmt, die Kamera gleitet über uns hinweg, die Leute winken sich selbst zu, es sieht so dämlich aus wie bei „Wer wird Millionär“, wenn die Leute diese Plüschtiere in die Kamera halten. Wenn man sich nicht Gedanken darüber machen würde, dass man sich gleich ausziehen muss, wäre es langweilig.

„Die, die morgen einen Sonnenbrand haben, waren definitiv nicht hier“, sagt der Rastafari sehnsüchtig. Spencer erklärt uns jetzt, dass wir heute viele Kunstwerke machen, nicht nur eins, und dass das letzte das Schönste werden wird. Dann dankt er uns von Herzen, dass wir gekommen sind. Ach ja, und wir sollen keine Sonnenbrillen aufsetzten. Alle kreischen vor Lachen. „Ein normales Gesicht machen!“ ruft Spencer, sein Übersetzer fügt hinzu: „Er wünscht euch eine gute Zeit!“ Das Baby brüllt jetzt sehr laut und bekommt einen Hustenanfall, entnervt bricht die Mutter auf. „Salami!“ fordert Kira. „Das ist der falsche Ton“, meint der Vater. Er muss jetzt versprechen, dass man nachher auf jeden Fall noch zum Prater fährt.

Die Stuhlkante bohrt sich in mein Schienbein

„Legen Sie die Kleidung hinter den Sitz, damit man sie nicht sieht“, sagt Spencer. Dann zählt er auf drei, und wir sollen uns ausziehen. Bewegung kommt in die Menge, alle stehen auf, plötzlich grölen und applaudieren die Leute auf den oberen Rängen, weil ein altes Ehepaar - er im sandfarbenen Mantel, sie mit blausilberner Dauerwelle - die Ränge verlässt. Die wollten wohl nur mal gucken. Dafür ist die Mutter mit dem Baby jetzt wieder da, beide sind nackt, wie wir alle inzwischen. Es ist nicht richtig peinlich, aber auch nicht entspannt. Viele Männer halten sich schamhaft die Hände vor; einige Frauen verschränken die Arme vor der Brust. Das Baby brüllt wieder, und die junge Mutter zieht alle Blicke auf sich. Wir sollen uns jetzt auf die Klappstühle stellen, sie wackeln, der Wind ist kalt, und dann will sich der erste wieder anziehen und wir müssen warten. Die Mutter verlässt uns jetzt abermals, es ist grotesk, dieses Stadion voller stummer nackter Menschen, das von Babygeschrei durchdrungen ist.

Dann aber geht es wirklich los: Wir dürfen uns nicht mehr bewegen, die Hände müssen am Körper liegen, und natürlich juckt sofort meine Nase, es juckt überall. Spencer fotografiert fünf Minuten lang, dann müssen wir uns umdrehen, danach in Embryonalstellung auf unsere Sitze kauern. Ich blicke durch das rote Lochmuster auf den grauen Betonfußboden, die Stuhlkante bohrt sich in mein Schienbein, und frage mich, was ich hier eigentlich mache. „Die hinter der Glaswand haben Ledersitze“, raunt der Rastafari, es klingt amüsiert. Wir sollen jetzt auf Spencer zugehen, „Hasen, jetzt kann man uns auf dem Foto erkennen, wie beim letzten Mal“, sagt Kiras Vater.

„Soll er sich doch selber ausziehen“

Alle sind jetzt ein gutes Stück von ihrem Platz entfernt, und nun sollen wir uns auf die Sitze legen. Es ist so kalt, dass ich das eigentlich für unmenschlich halte, aber dann fallen mir die Aufnahmen ein, die Spencer auf dem Aletsch-Gletscher gemacht hat, und ich suche eine geeignete Haltung, um die Auflagefläche meines Körpers auf dem Metall zu minimieren. Spencer macht wieder ein paar Aufnahmen, dann wählt er abermals eine andere Perspektive, und jedes Mal muss ein ganzes Gerüst auf- und wieder abgebaut werden. Eine Frau neben mir - wir haben uns ein bisschen durchmischt - ist genervt: „Er hätte das alles besser vorbereiten sollen.“ Ein junger Mann meint: „Jetzt hat er uns so weit von unseren Plätzen weggelockt, jetzt kann er alles mit uns machen.“ Eine andere Frau sagt: „Ich habe mir das irgendwie sinnlicher vorgestellt.“ „Soll er sich doch selber ausziehen und sitzen bleiben“, mault ihr Freund. Die ersten schalten ihre Handys wieder ein und fotografieren sich gegenseitig.

Spencer bittet nun eine kleine Gruppe von Leuten, sich auf den Rasen zu legen. Unter ihnen ist eine ziemlich dicke Frau und eine, die aussieht wie ein Model. Die beiden sollen sich nebeneinander legen, und dann muss ein Mann seinen Kopf zwischen die geöffneten Schenkel der dicken Frau legen. Das Ganze wird gefilmt und an die Leinwand geworfen. Spencer macht Fotos von der Leinwand, die in das Meer unserer Leiber auf den Rängen eingebettet ist.

Quer über den Platz - vor die Pressetribüne

Danach, es ist sechs Uhr, dürfen wir in die Sonne. Alle rennen, es ist uns egal, dass der einzige Sonnenplatz im ganzen Stadion nun direkt vor der Pressetribüne ist. Die Kameras klicken wie auf der Bundespressekonferenz, das ist Absicht, so hat er sie hergelockt, denke ich, aber ich friere so, dass ich wehrlos bin. Einige von uns posieren nun, andere wenden sich mit Grausen ab, als sie das sehen. Neben mir steht plötzlich der Anwalt, „es ist schon interessant, wie bereitwillig die Leute Tunicks Kommandos folgen“, findet er.

Spencer möchte jetzt Aufnahmen von uns machen, die später die Kunsthalle in Wien umrahmen werden, wo seine Aufnahmen vom 23. Juni an ausgestellt werden sollen. Danach sollen wir noch ein großes V bilden und zuletzt wird er 1000 Fußbälle auf uns herabfallen lassen. Noch bis 19.30 Uhr wird das dauern, sagt er, und dass wir dazu wieder in den Schatten müssen. Ich beschließe, dass es mir nun reicht. Auf der Einladung hatte gestanden, um 18 Uhr sei die Installation vorbei, und außerdem sollten wir demzufolge nur kurz nackt sein. Quer durchs Stadion gehe ich zurück an meinen Platz und ziehe mich vor den Augen einer joghurtlöffelnden Kleinfamilie, die weiter oben auf den Rängen pausiert, an. Kiras rosa Sandalen stehen noch an ihrem angestammten Platz. Da wird sie aber später ganz schönen Appetit auf Salami haben.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, ASSOCIATED PRESS, dpa, KEY, REUTERS