Paris

Die Haute Couture zieht wieder an

Von Anke Schipp

03. Juli 2008 Haute Couture hat viele Facetten. Eine davon ist italienisch. Fast glaubt man, beim Defilee von Valentino in ein Familientreffen geraten zu sein - und das, obwohl das Familienoberhaupt den Clan verlassen hat. Nun ist das robuste Private-Equity-Unternehmen Permira für die Geschäfte und - seit dem Weggang des Gründers Anfang des Jahres - die fragile Alessandra Facchinetti für das Design verantwortlich. Am Mittwochabend musste sie sich erstmals in der Königsklasse beweisen, der Haute Couture, der hohen Schneiderkunst, mit der Valentino gekonnt über Jahrzehnte die Kundinnen aus dem Jet Set an sich band.

Facchinetti, munkelte man im Vorfeld, sei sehr nervös, weshalb ihr die High Society der italienischen Mode Rückendeckung gab: Giorgio Armani (der zwei Tage zuvor seine Couture-Kollektion gezeigt hatte), seine Nichte Roberta, Tod's-Chef Diego Della Valle, Franca Sozzani, Chefredakteurin der italienischen „Vogue“, waren angereist. Man kennt sich, man grüßt sich, man küsst sich. Man ist vielleicht Konkurrenz, aber im Ausland doch irgendwie auch eine famiglia.

Das Valentino-Kostüm ist in der Moderne angekommen

Facchinetti hätte ihrer nicht bedurft. Sie zeigte eine ausgereifte Kollektion für Herbst und Winter, die höflich an den Firmengründer erinnert, aber vor allem mutig genug ist, die über Jahrzehnte eingefahrenen Wege zu verlassen. Das Valentino-Kostüm überführt sie in die Moderne, indem sie den Rock zu einem weiten Ballon aufbläht, der mit Tüll unterfüttert ist, oder aus dem Schößchen der Jacke wilde Volants wachsen lässt. Die sonnen gebräunte Jet-Set-Frau wird bei ihr zum ätherischen Wesen, das betörende Kleider trägt, die mit hunderten glitzernder Wollperlen besetzt sind oder aus vielen Lagen geschnittenem Chiffon bestehen, die senkrecht aneinandergelegt und kurz geschnitten wie ein edles Buch aussehen, dessen Blätter im Wind flattern.

Mancher Entwurf wirkt etwas sperrig, wie die silberne Jacke ohne Arme, bei der die Hände aus zwei Schlitzen ragen. Aber das Abendkleid im berühmten Valentino-Rot mit chiffon-überzogenen Perlen, das diesmal das bei Couture-Schauen am Ende übliche Hochzeitskleid ersetze, war ein Beweis dafür, dass Facchinetti auch in Hollywood beste Chancen hat, wo Valentino viele Kundinnen hatte. Roberta Armani rief nach der Schau: „Bellissimo!“ Alessandra Facchinetti war sichtlich erleichtert und blickte Roberta an, als hätte sie ihr zum unerwartet bestandenen Abitur gratuliert.

Orgel-Inspirationen bei Chanel

Derlei Unsicherheiten sind Karl Lagerfeld nicht anzumerken, als er den Laufsteg abschreitet. Er ist hier der Veteran, an die 50 Couture-Defilees hat er für Chanel präsentiert - und nie die große Geste gescheut. Auch diesmal nicht. Lagerfeld ließ auf einen runden Laufsteg im Grand Palais Orgelpfeifen bauen so hoch wie ein Einfamilienhaus. Die Idee sei ihm bei einem klassischen Konzert gekommen, sagt er. Es scheint, als hätte sich auch die Kollektion von der U- zur E-Mode gewandelt, als seien die mädchenhaften Geschöpfe der vergangenen Saisons zu Frauen gereift, so wie Claudia Schiffer, die auch nach der Schau an der Seite des Meisters verharrte und das Gesicht der nächsten Kampagne sein wird. Die Models tragen kurze Pagenfrisuren im Stil der zwanziger Jahre und Kleider, die ernsthaft wirken, nicht nur, weil sie fast ausschließlich in dunklen Farben gehalten sind. Lagerfeld hat das Orgelthema auch auf die Kleider übertragen. Umgestülpte Ärmel sind nach oben offen. Ein Rock ist geformt wie ein Panflöte mit vielen kleinen plissierten Röhrchen aus Tüll. Manches Kleid wirkt wie eine Konstruktion und erinnert an die Bauhaus-Figurinen von Oskar Schlemmer, die er als Kostüme für die Bühne entwarf. Interessant, etwas abgehoben - und wahrscheinlich sehr erfolgreich.

Denn bei Chanel spricht man von einem Boom in der Couture. Die Verkaufszahlen stiegen um 20 Prozent. Sogar junge Kundinnen verlangen das Höchstmaß an Exklusivität: mit der Hand gefertigte Kleider, von nur einer dreistelligen Zahl von Frauen auf der Welt getragen, zu einem Preis, der dem Jahresgehalt eines Angestellten entsprechen kann. Nur noch elf echte Mitglieder, die dauerhaft ein eigenes Atelier mit Näherinnen unterhalten und mindestens zwei Dutzend Looks pro Saisobn herstellen müssen, verzeichnet die Chambre Syndicale de la Haute Couture.

Eine Geste an die gute Kundin Carla Bruni

Einen ähnlich großen Aufwand wie Chanel betreibt aber nur noch Dior. Mit John Galliano hat das Modehaus einen Designer, der sich am schönsten in der Haute Couture auslebt - die sein Prêt-à-porter und erst recht die Herrenkollektionen seiner eigenen Marke immer in den Schatten stellt. Seine Entwürfe, fast ausschließlich in Schwarz und Weiß gehalten, erzielten den Effekt über die Silhouette: Mal überbetonte Galliano die Schultern mit Pelz, mal schnürte er die Taille in einen Plexiglasgürtel, der sich bis zu den Hüften wölbt. Der weite Tellerrock aus Chiffon zur überweiten Krokojacke, die an der Taille zusammengeschnürt ist, zeigte, wie futuristisch und nostalgisch zugleich die Kollektion ist. Dass er seine Models im Stil von Carla Bruni schminken ließ, die nachhaltig die französischen Klatschblätter füllt, war fast ein bisschen viel an Effekthascherei, auch wenn es als Geste an eine gute Kundin zu verstehen ist, die als Präsidentengattin und oberste Botschafterin ihres Landes auch bei Auslandsreisen bevorzugt Dior trägt.

Die Haute Couture als Imagepflege

Es zeigt aber auch, dass es in der Haute Couture längst nicht mehr darum geht, wie hübsch ein Kleid aussieht, wie perfekt es gefertigt wurde und wie viele Arbeitsstunden es braucht, um 200 Seidenblumen an Häkelspitze zu applizieren. Nein, es geht um ein Image, das bei der Vermarktung von Taschen, Parfüm und Prêt-à-porter hilft. Am wenigsten Profit zieht daraus noch Christian Lacroix - vielleicht ist es daher kein Wunder, dass seine Kollektion die sinnlichste der Couture-Woche war. Er selbst ist so nett und uneitel, dass man sich fragt, wie er im Haifischbecken Mode überlebt. Er musste mit ansehen, wie sein Modehaus zum Spielball der Investoren wurde. Seit 2005 gehört die Marke der Beteiligungsgesellschaft Falic Group.

Dort hat er als Angestellter immerhin die Möglichkeit, eine Kollektion mit reich verzierten opulenten Entwürfen zu entwerfen, die an Velázquez-Gemälde ebenso erinnerten wie an Stierkämpfer- und Madonnen-Darstellungen. Meisterhaft mischte Lacroix Stoffe, Stile, Motive und bediente sich der typischen Couture-Handgriffe, indem er Seide raffen, Pailletten applizieren, Pelz verbrämen und Spitze besticken ließ. Ihre moderne Kraft entwickelt die Kollektion durch die mitunter schroffe Kombination der Stoffe, wenn zarte Spitze auf groben Filz trifft - ein Material, das wenig couturehaft wirkt, aber, wenn es von den Händen der französischen Näherinnen bearbeitet wird, am Ende doch so edel aussieht, als wäre es ein Stück Brokat. Wunder zu vollbringen und Träume wahr werden zu lassen - ihrer eigentlichen Aufgabe ist die Haute Couture auch in dieser Saison wieder meisterhaft nachgekommen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, Reuters

 
Mit hunderten glitzernden Wollperlen macht Valentino die Frau zum ätherischen... Alessandra Facchinetti, die für das Design bei Valentino verantwortlich zeich... Bei Karl Lagerfeld tragen die Models kurze Pagenfrisuren im Stil der zwanzige... Das Orgelthema hat Lagerfeld auch auf die Kleider übertragen: Die umgestülpte... Klare, schnörkellose Silhouetten dominieren Die unverkennbare Sanduhr-Silhouette von Dior Eine Mischung aus Futurismus und Nostalgie Eine silberne Jacke ohne Ärmel - dafür mit Schlitzen, aus denen die Hände ragen Abendrobe im berühmten Valentino-Rot, diesmal mit chiffon-überzogenen Perlen Ein klassisches Konzert hat Lagerfeld zum Orgelbau im Grand Palais inspiriert Seine Kleider sind überwiegend in dunklen Farben gehalten Nur eine dreistellige Zahl von Frauen auf der Welt trägt die mit der Hand gef... John Galliano hielt seine Kollektion fast ausschließlich in Schwarz und Weiß Für Galliano ist Bescheidenheit keine Tugend