03. Juli 2008 Zum 14. und wohl zum letzten Mal bei der Tour de France: Altmeister Erik Zabel führt das Team Milram bei der am Samstag in Brest beginnenden Frankreich-Rundfahrt als Kapitän an - mit dem Auftrag, nicht zuletzt seinen Kollegen Christian Knees zu unterstützen. Der 37 Jahre alte Sprinter aus Unna hat trotz seiner Doping-Vergangenheit noch immer eine große Fangemeinde - allerdings schlagen ihm nach seinem Doping-Geständnis am 24. Mai 2007 auch Misstrauen und Zweifel entgegen.
Haben Sie überhaupt noch genügend Kraft für die Tour? Immerhin haben Sie schon den Giro und die Tour de Suisse bestritten – nicht gerade wenig für einen 37 Jahre alten Profi.
Ich hatte auch nicht geplant, den Giro zu fahren. Das hatte sich durch die Sperre für Alessandro Petacchi kurzfristig ergeben. Ich hatte vorher durch einen Sturz und eine Verletzung auch ein paar Tage Auszeit, so dass sich das kompensieren ließ. Ich fühle mich zur Zeit ziemlich fit, ich bin da optimistisch.
Das Feld der Sprinter hat sich gelichtet: Petacchi wird fehlen, Tom Boonen darf nach seinem Kokainkonsum nicht teilnehmen, Daniele Bennati sagte wegen einer Verletzung ab. Spekulieren Sie nun noch mal auf das Grüne Trikot?
Vor zwei Jahren war ich Zweiter, im letzten Jahr Dritter – das virtuelle Podium“ ist schon einen Gedanken wert. Durch die Abwesenheit der drei Genannten wird es natürlich sehr interessant. Es ist ganz schwer zu sagen: Ich fahre nur zur Tour, um mitzufahren. Es ist nachvollziehbar, dass man dann sagt: Es ist einen Versuch wert. Wie realistisch das ist, wird sich schon am ersten Tag zeigen. Es ist aber wichtig für das Team und den Sponsor, dass man ein solches Ziel offensiv verfolgt.
Sie haben insgesamt sechs Mal das Grüne Trikot gewonnen – jenes von 1996 wurde Ihnen nach Ihrem Doping-Geständnis aberkannt. Haben Sie es der Tour zurückgegeben?
Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt noch eines zu Hause habe. Das Team war immer sehr groß, die Freunde waren auch sehr zahlreich zu der Zeit, da musste man sehen, dass man überhaupt noch ein Trikot von Paris mit nach Hause nehmen konnte.
Ist die Zahl der Freunde inzwischen zurückgegangen?
Die der echten Freunde nicht.
Können Sie denn auf die Schnelle eine Handvoll Tour-Favoriten nennen?
Ja, Cadel Evans, Alejandro Valverde, Damiano Cunego, das ist schon ein guter Kreis. Dann wird es sicher noch zwei Überraschungen geben. Vielleicht knüpfen Oscar Pereiro und Denis Mentschow an die Leistungen der vergangenen Jahre an. Die Tour wird sehr offen sein. Darin liegt der Reiz in diesem Jahr.
Aber der Spanier Valverde zum Beispiel ist auch eine große Reizfigur: Ihm wurden Verbindungen zum spanischen Doping-Ring nachgesagt. Das könnte der Tour wieder erbittert geführte Diskussionen bescheren.
Da helfen Spekulationen nicht weiter, nur Fakten zählen. Da sollte man Valverde auch erst mal Vertrauen entgegenbringen. Er ist für mich übrigens nicht nur einer der Favoriten auf Gelb. Ich würde an seiner Stelle auch auf Grün fahren, im Stile eines Jalabert zum Beispiel. Der kann ja auch alles.
Sie stehen Valverde also unvoreingenommen gegenüber?
Ja. Die Debatte um ihn ist sicherlich eine deutsche Diskussion in erster Linie. In seinem Heimatland wird sie so nicht stattfinden. Da muss man kein Prophet sein. Die Aso und die UCI, die ja Einblick in die Unterlagen hatten, würden ihn auch nicht starten lassen, wenn es konkrete Anhaltspunkte für einen Verdacht geben würde.
Wie finden Sie, dass im Ausland offensichtlich weniger über Doping geredet wird als in Deutschland?
Ich kann es schlecht beurteilen, weil ich als Deutscher mit deutschem Wohnsitz in der Situation Deutschland stecke. Ich kenne nicht die tägliche Berichterstattung in Spanien, Italien oder Frankreich. Es bringt auch ziemlich wenig, zu lamentieren: Wir haben in meinem Heimatland die Diskussion, und der stellen wir uns ja auch.
Wird sie angemessen geführt?
Sie ist da, meine persönliche Meinung ist da sekundär. Ich denke nur, dass langsam der Zeitpunkt erreicht ist, neben der Aufarbeitung der Vergangenheit das Hier und Jetzt und vor allem auch die Zukunft wieder ins Auge zu fassen.
Hat der Radsport überhaupt eine Zukunft?
Ja. Salopp gesagt, gibt es den professionellen Radsport seit über 100 Jahren. Ihn gibt es und ihn gab es mit und ohne Deutschland. Deutschland ist ein interessanter und großer Markt für den Radsport – aber ohne uns zu wichtig zu nehmen: Den Radsport wird es künftig auch geben, die Frage ist nur, ob mit oder ohne Deutschland.
Es geht aber nicht nur um die reine Existenz des Sports, sondern auch darum, ob er möglichst sauber und glaubwürdig sein kann.
Lassen Sie mich so naiv sein und an den Radsport glauben.
Ihnen zu folgen fällt nicht leicht. Just vor zehn Jahren etwa erschütterte der Festina-Skandal die Tour de France – der Radsport aber scheint, zu sehen nicht zuletzt an der Fuentes-Affäre, nichts daraus gelernt zu haben.
Ihre Frage zielt im Prinzip auf das Wasserglas vor mir ab: Für Sie ist es halbleer, für mich ist es halbvoll. Das ist wahrscheinlich ein grundsätzlich unterschiedlicher Ansatzpunkt. Wenn man 1998 mit 2008 vergleicht, dann hat sich schon viel getan. Wenn es nicht der innere Drang des Mentalitätswechsels bei den Fahrern ist, was Sie vielleicht kritisieren, dann ist es doch die erhöhte Schwelle durch die gestiegene Zahl der Doping-Kontrollen. Man muss schon anerkennen, dass die Kontrollsysteme sich insbesondere in den vergangenen zwei, drei Jahren enorm verändert haben. Kontrolle ist immer noch die beste Abschreckung.
Kritiker bezweifeln allerdings, dass im Radsport wirklich intelligent kontrolliert wird.
Mir ist noch nichts davon bekannt, dass irgendeiner Anti-Doping-Behörde verboten wurde, intelligente Kontrollen durchzuführen. Ich kann Ihnen nur sagen, dass ich drei Tage nach der Tour de Suisse und vier Tage vor der deutschen Meisterschaft um 7.35 Uhr morgens eine unangemeldete Blutkontrolle hatte. Ich fand das schon ziemlich intelligent.
Glauben Sie, dass der neue biologische Pass ein wirksames Instrument im Kampf gegen Doping ist?
Es ist gut, dass alle Kontrollen zusammengefasst werden und ein Profil erstellt wird. Dann können die UCI, die Wada oder unabhängige Doping-Experten ein Urteil abgeben. Ich selber habe als Fahrer keinen Einblick, und das ist auch gut so. In dem Moment, wo der Kontrollierte selbst vielleicht Einfluss hat, wird die Geschichte schon wieder unglaubwürdig.
Gibt es mittlerweile eine neue Geschwindigkeit im Radsport? Mancher glaubt ja erkannt zu haben, dass bisweilen nicht mehr so häufig attackiert werde wie in der Vergangenheit.
Ach, Radrennen ist Radrennen. Es wäre ein bisschen Kaffeesatzleserei, persönliche Eindrücke sofort in einen gewissen Trend umwandeln zu wollen. Das Durchschnittstempo der Tour wird dafür auch immer wieder gerne herangezogen. Nur, in einem Jahr verläuft die Tour im Uhrzeigersinn, im nächsten Jahr andersrum. In einem Jahr geht es in der Bretagne wellig los, oder es beginnt mit Regen oder mit viel Sonne und Rückenwind. Man sollte sich lieber an die Fakten halten. Man sollte einfach sagen: Mittel wie Epo können durch Urin- und Blutkontrollen gefunden werden. Deswegen ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht benutzt werden, ziemlich groß. Sonst wäre die Entdeckungsrate viel höher.
Mit Verlaub: Es gibt doch genug andere Substanzen, die so einfach noch nicht nachgewiesen werden können oder derzeit gar nicht zu entdecken sind. Der Radsport gilt da ja als sehr flexibel.
Diesen Einwurf kann man machen, aber dann bitte überall. Wenn Sie jetzt annehmen, dass ein Mittel, das nicht gefunden wird, benutzt wird – warum sollte das nur im Radsport verwendet werden? Dann ist das doch keine Radsportdiskussion, sondern eher eine Gesellschaftsdiskussion.
Bleiben wir beim Radsport: Ist die Tour einfach nur noch als reines Spektakel zu betrachten? Oder haben Sie etwa die Hoffnung, dass von ihr doch einmal auch ein Zeichen für einen anderen Radsport ausgehen könnte?
Besser wäre, wenn Sie es glauben würden.
Das fällt natürlich schwer, zumal generell immer wieder Radprofis auffallen. Das Team Milram etwa löste unlängst den Vertrag mit Petacchi und will sich auch von dem Spanier Igor Astarloa trennen, der mit einem Mediziner außerhalb des Teams zusammengearbeitet hat.
Ich habe schon Verständnis für Ihren Standpunkt.
Zu den Problemen des Radsports zählt nicht nur Doping – er wird auch durch den Machtkampf zwischen dem Tour-Veranstalter Aso und dem Internationalen Radsportverband belastet. Wie wirkt sich dieser andauernde Streit auf Sie als Profi aus?
Mich berührt er wenig. Meine Kollegen, die in der Fahrervertretung sitzen, oder die Teammanager werden allerdings schon ein bisschen genervt sein – wenn sie dann auch immer wieder feststellen, dass sich in dieser schwelenden Diskussion nicht so viel tut.
Haben Sie den Eindruck, dass die UCI ein Verband ohne große Macht und Pat McQuaid ein eher schwacher Präsident ist?
Wie es sich im Moment darstellt, ist es für jede Seite kein Ruhmesblatt.
Wie es scheint, sitzt die Aso momentan am längeren Hebel. Die UCI hat oft gedroht in diesem Jahr, auch den Fahrern. Bisher aber hat sie nur den französischen Verband vorläufig suspendiert.
Das ist natürlich so eine Sache: Wenn immer gedroht wird, aber wenig passiert, sinkt die Bereitschaft, an Konsequenzen zu glauben.
Die Aso hat immerhin durchgegriffen und beispielsweise das Team Astana – und damit auch Tour-Sieger Alberto Contador – wegen seiner Doping-Vergangenheit nicht zur Tour eingeladen. Finden Sie das in Ordnung?
Die Tour kann nach dem Austritt aus der ProTour natürlich einladen, wen sie will. Den Ansatz von Tour-Direktor Christian Prudhomme, der sich von Astana im Vorjahr getäuscht gefühlt hatte, kann man verstehen. Man sollte ihn akzeptieren und respektieren. Der Ansatz von Astana, das darauf hinweist, ein neues Team zu haben, ist sicherlich auch verständlich. Für Contador ist das natürlich eine Tragödie, aber er ist noch jung, er wird das verschmerzen.
Gilt das auch für Boonen?
Das Interessante an diesem Fall ist eigentlich: Wieso ist Koksen im Training erlaubt und im Wettkampf verboten? Auf diese Antwort bin ich gespannt.
In diesem Zusammenhang wird nun etwa von Astana-Teamchef Johan Bruyneel auch gefragt, warum Stefan Schumacher zur Tour zugelassen wurde, obwohl in seinem Blut nach der WM in Stuttgart Spuren von Amphetaminen entdeckt wurden. Ist das auch für Sie eine Ungereimtheit?
Solche Fragen sind nachvollziehbar. Als Radsportler sollte man derzeit extrem kompromissbereit sein. Und man sollte viel Verständnis aufbringen für alle Argumente. Ich könnte zum Beispiel jetzt verwegen fragen: Warum ist mir 1996 das Grüne Trikot aberkannt worden, obwohl das Vergehen zum Zeitpunkt des Geständnisses verjährt war? Ich verstehe natürlich, warum – einfach aus dem moralisch-ethischen Ansatz heraus. Aber dann muss ich fragen: Warum sind Coppi und Thevenet noch Tour-Sieger, obwohl sie in ihren Biographien dasselbe zugegeben haben – und zwar die Einnahme verbotener Mittel? Da sind wir genau bei dem Thema: Wo fängt man an, wo hört man auf? Bei jedem Einzelnen nachzuhaken ist, glaube ich, gar nicht gut.
Sie müssen, das hatte Ihr Rennstall nach Ihrer Doping-Beichte beschlossen, den Radsportnachwuchs finanziell unterstützen. Inzwischen gibt es auch einen Erik-Zabel-Cup. Ist die Jugendförderung eine adäquate Buße für den Betrug?
Ich bin nicht ganz freiwillig auf die Idee gekommen. Den Anstoß habe ich schon gebraucht. Es ist Teil einer Vereinbarung zwischen mir und dem Hauptsponsor Nordmilch: Da ist dem Radsport auch durch mein Zutun definitiv ein Schaden entstanden, und man hätte gerne, dass ich wieder ein bisschen was geradebiege. Das ist auch keine Sache, die endet, wenn ich nach dieser Saison meine Laufbahn beenden sollte.
Angeblich will das Team Milram Sie noch ein weiteres Jahr als Fahrer beschäftigen. Wären Sie dazu bereit?
Im August werden sicherlich entscheidende Weichen gestellt werden, auf die ich keinen Einfluss habe. Das Fahrrad ist auf alle Fälle noch mein Freund. Ich denke, daran soll es nicht scheitern.
Ist, wenn Sie jetzt im Juli zu Ihrer 14. Tour antreten, von dem einstigen Idol Zabel noch etwas übriggeblieben?
Da müsste man eine Marktforschungsagentur beauftragen. Ich bin nicht in der Lage, da über mich selbst zu sprechen. Das ist ja sowieso immer das Problem mit Interviews: Im Grunde sind sie Promotion in eigener Sache. Da muss ein Journalist damit rechnen, dass sein Gegenüber nicht immer ganz die Wahrheit sagt – oder die Wahrheit so hinbiegt, dass es für ihn das Beste ist. Ich könnte Ihnen natürlich die schönsten Sachen auftischen, aber ich möchte das nicht. Was andere über mich denken oder schreiben, ob die mich kritisieren oder loben, ist für mich auch nicht mehr so wichtig.
Haben Sie mir denn die Wahrheit erzählt?
Ich habe mich bemüht. Es könnte durchaus sein, dass ich Ihnen vielleicht sogar eines der ehrlichsten Interviews gegeben habe, das ich in der letzten Zeit geführt habe. Auch wenn das breite Radsport-Spektrum darin ziemlich klein und der Anti-Doping-Komplex ziemlich groß war.
Das dürfte Sie aber nicht erstaunt haben.
Wenn ich Journalist wäre, würde ich zum Beispiel dies fragen: Der Zabel ist doch zu Milram gegangen mit Petacchi, dem besten Sprinter, den es zur Zeit gibt. Wie fühlt der Zabel sich jetzt, wenn der, für den er eigentlich arbeitet, nicht mehr da ist? Wenn der zum dritten Mal nacheinander bei der Tour fehlt? Weil er im ersten Jahr die Kniescheibe gebrochen hatte und im letzten Jahr suspendiert war, und dieses Jahr ist er gar nicht mehr im Team.
Geben Sie die Antwort.
Es ist für mich ziemlich schwierig, zum dritten Mal zur Tour zu gehen und eigentlich zu wissen: Ich kann nur dann noch erfolgreich sein, wenn die anderen Sprinter einen groben Fehler machen. Und wenn ich nicht gewinne, wird es Kritik geben. Trotzdem reizt mich die Tour immer noch so sehr, dass ich sage: Ja, lasst es uns trotzdem versuchen. Noch einmal einen Tag im Grünen Trikot, dafür lohnt es sich. Nur einmal noch auf das Podium gehen und das Trikot anziehen.
Das Gespräch führte Rainer Seele.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS