08. Oktober 2008
Die Arbeitslandschaft in Deutschland wird sich in den kommenden Jahrzehnten dramatisch verändern. Bedingt durch den Strukturwandel wird im Jahr 2030 fast jeder zweite Arbeitsplatz auf Dienstleistungsbranchen entfallen, während der Anteil der Industriejobs entsprechenden sinken wird. Weil die Gesellschaft bis dahin sowohl altert als auch schrumpft und somit wesentlich weniger Arbeitnehmer zur Verfügung stehen, werden zudem bis zu 7 Millionen qualifizierte Arbeitskräfte fehlen.
Dies geht aus einer Studie der Prognos AG im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft hervor. Die Autoren haben errechnet, dass sich die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts in einer Durchschnittsbetrachtung von 2004 bis 2030 halbieren würde, woraus für diese Periode ein Wohlstandsverlust von 4,6 Billionen Euro resultiert.
Industrie verliert an Bedeutung als Arbeitgeber
Der Studie zufolge wird sich die Arbeitsnachfrage stark verändern. Vor allem der Bedarf an unternehmensnahen Dienstleistungen (Zeitarbeit, Logistik, Beratung) wird zunehmen, ebenso im Gesundheitswesen, bedingt durch die alternde Bevölkerung. Dagegen werden weniger Menschen in den Branchen Handel, Verkehr und im öffentlichen Dienst beschäftigt sein. Auch die Industrie wird an Bedeutung als Arbeitgeber verlieren, weil im verarbeitenden Gewerbe die Produktivität erheblich schneller steigen als der Output ausgeweitet wird“. Hier geht der Personalbedarf bis 2030 deutlich um fast 1,7 Millionen zurück. Generell gewinnen wissensintensive Tätigkeiten an Bedeutung für Unternehmen und Verwaltung“, heißt es. Nach Qualifikationen profitieren von der Mehrnachfrage ausschließlich Facharbeiter und Akademiker. Auf den übrigen Qualifikationsstufen sinkt die Nachfrage.
Demgegenüber steht ein wesentlich kleineres Angebot an Arbeitskräften. Zwischen 2004 und 2030 schrumpft die deutsche Bevölkerung um rund 4 Millionen. Bilden derzeit noch die 35- bis 44- Jährigen die stärkste Bevölkerungsgruppe, werden es 2030 die 60- bis 69-Jährigen sein. Der daraus resultierende Mangel tritt zunächst vor allem bei Akademikern auf, im Jahr 2015 können 11 Prozent der Stellen für Ingenieure und Naturwissenschaftler nicht besetzt werden. Bis 2030 weiten sich die Probleme dann auf mehr als die Hälfte aller Fachrichtungen aus. In den sogenannten Mint-Fächern – Mathematik, Ingenieurs- und Naturwissenschaften sowie Technische Berufe – kann dann eine Dreiviertelmillion Stellen nicht besetzt werden, der Bedarf an Krankenpflegern beträgt mehr als 200 000. Trotz rückläufiger Nachfrage werden auch der Industrie eine halbe Million Arbeitnehmer fehlen.
Vier Gegenvorschläge
Damit es nicht so weit kommt, schlagen die Autoren vier Maßnahmen vor.
 |
| Alles im Fluss: Sieben Millionen Arbeitskräfte werden fehlen |
Erstens die Abschaffung starrer Berufsbilder und damit eine höhere Durchlässigkeit zwischen Fachrichtungen und Tätigkeiten. Ähnliche Vorschläge hatte vor kurzem auch die Bertelsmann-Stiftung vorgelegt (Kritik an starren Berufsbildern).
Zweitens müsse die Erwerbsbeteiligung vor allem von Frauen und Älteren erhöht werden, in Verbindung – drittens – mit einer Ausweitung der wöchentlichen Kernarbeitszeit auf bis zu 40 Stunden. Während im Jahr 2004 rund 74 Prozent der erwerbsfähigen Männer auch tatsächlich berufstätig waren, lag der Anteil der Frauen bei 62 Prozent, viele davon arbeiteten Teilzeit. Von den 60- bis 65-Jährigen war gerade mal noch jeder Vierte beschäftigt.
Und viertens müsse eine höhere Bildungsbeteiligung erreicht werden. Dies könne durch die Stärkung frühkindlicher Bildung, eine höhere soziale Durchlässigkeit an Schulen und die Stärkung der Weiterbildung von Angestellten geschehen.
Um das Ziel ausgeglichener Arbeitsmärkte zu erreichen, müssen einige der Maßnahmen unverzüglich eingeleitet werden, vor allem im Bildungswesen“, lautet das Fazit der Autoren. Es könne leicht zehn bis zwanzig Jahre dauern, bis erfolgreiche Reformen ihre Wirkungen am Arbeitsmarkt entfalten.