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Management-Gurus (4)

Der Kulturbeauftragte

Von Ralf Nöcker



Fons Trompenaars
11. August 2007 
Man stelle sich folgendes vor: Jemand ist mit dem Auto unterwegs, das Fahrzeug steuert ein Freund, und zwar deutlich zu schnell. Es kommt zu einem Unfall, bei dem ein Passant verletzt wird. Zeugen gibt es keine. Der Anwalt des Freundes rät nun dringend, diesen zu entlasten. man solle unter Eid bestätigen, die Geschwindigkeit sei nicht höher gewesen als erlaubt. Soll man nun lügen, um den Freund zu schützen? Oder steht das Gesetz über allem?

Es sind Fragen wie diese, die Fons Trompenaars 15 000 Managern in 28 Ländern der Erde vorgelegt hat, um etwas über kulturelle Unterschiede herauszufinden. Europäer und Nordamerikaner erwiesen sich dabei in der Diktion Trompenaars' als "Universalisten", sie befolgten das Gesetz ohne Rücksicht auf die Situation. In Frankreich mochten 70 Prozent der Manager nicht für ihren Freund lügen, in Venezuela dagegen nur noch ein Drittel - hier herrscht eher eine Kultur des "Partikularismus".

Neutral oder emotional?

Trompenaars hat ein ganzes System von Gegensatzpaaren entwickelt, mit denen er kulturelle Unterschiede im Verhalten nicht nur von Führungskräften ermitteln und beschreiben zu können glaubt. Auf diese Art kommt er auf ein System von sieben Kulturdimensionen. So unterscheidet er etwa Länder, in denen "diffuse" Beziehungen zwischen Menschen vorherrschen, von solchen, in denen diese Beziehungen "spezifisch" sind. In sehr spezifisch geprägten Kulturen wird etwa Privates und Geschäftliches klar getrennt.

Welche Ausprägung ein Land in dieser Dimension erzielt, ermittelt Trompenaars mit der Frage: "Würden Sie das Haus Ihres Chefs streichen, wenn er Sie darum bittet?" 91 Prozent der Schweden, aber nur 32 Prozent der Chinesen würden ihren Vorgesetzten in dieser Situation abblitzen lassen.

Ein weiteres Gegensatzpaar in der Diktion des Holländers bilden die Begriffe "Neutralität" versus "Emotionalität". Der Feststellung, es sei in ihrer jeweiligen Gesellschaft unprofessionell, offen seine Gefühle zu zeigen, stimmen 74 Prozent der Japaner zu, aber nur 19 Prozent der Spanier. Für besonders wichtig hält Trompenaars die Unterscheidung zwischen "individualistischen" und "kollektivistischen" Kulturen. Denn diese Dimension beschreibt einen wesentlichen Unterschied zwischen westlichen und asiatischen Gesellschaften.

Fingerspitzengefühl für andere Kulturen

Mit seinen Unterscheidungen möchte Trompenaars international tätigen Führungskräften eine Methodik an die Hand geben, um Fingerspitzengefühl für andere Kulturen zu entwickeln. Das gelte schon für die Interpretation von Begriffen: "In Lagos gelten Amerikaner als ,korrupt', weil sie stets die Rechnungen im Restaurant übernehmen."

Fons Trompenaars ist überzeugter Europäer. Und er sieht Europa im Vergleich mit Amerika in vieler Hinsicht vorn. "Würden die Amerikaner europäische Statistiken verwenden, stünden sie vergleichsweise schlecht da", sagt der Kulturexperte und rechnet sogleich vor, dass die Vereinigten Staaten eine Millionen mehr Arbeitslose haben, als sie eigentlich ausweisen. Denn jenseits des Atlantiks werden - anders als in Europa - Strafgefangene nicht den Arbeitslosen zugerechnet. "Und das ist nur ein Beispiel", stellt der Kulturforscher fest.

In den kulturellen Unterschieden innerhalb Europas sieht der Niederländer den großen Vorteil gegenüber anderen Regionen in der Welt. Den Unternehmen, die das meiste aus diesen Unterschieden herausholten, gehöre die Zukunft. Davon gebe es jedoch noch zu wenige - Volkswagen etwa gehöre dazu dank seiner Tochtergesellschaften und der Plattform-Strategie, womit gleichzeitig nationale Besonderheiten und Größenvorteile der Standardisierung berücksichtigt werden.

„Linares Denken tötet Innovationskraft“

Wobei Trompenaars bei seinem Lieblingsthema ist, der Dialektik. "Das ist im Prinzip aufgewärmter Hegel." Nur wenige Sachverhalte ließen sich sinnvoll als "Entweder-Oder" beschreiben und lösen, nach Trompenaars' Überzeugung liegt die Lösung vieler Probleme im "Sowohl-Als-auch". Unternehmen könnten gleichzeitig Wettbewerber und Kooperationspartner sein.

Nur schwache Führungskräfte würden nach dem Motto führen "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich". Starke Manager wünschten sich Opposition, um sich selbst fortzuentwickeln. Auch für die Innovationskraft eines Unternehmens gelte ein "Sowohl-als-auch", sagt Trompenaars: "Lineares Denken tötet Innovationskraft." Ideen und Innovationen entstehen danach in einem Umfeld, in dem Unterschiede herrschen, gleichzeitig aber auch Konsens über bestimmte Grundprinzipien. Und starke Manager seien in der Lage, mit Dilemmata umzugehen und diese zu lösen beziehungsweise in Einklang zu bringen.

"In der Art, wie Führungskräfte mit Dilemmata umgehen, zeigen sich aber auch kulturelle Unterschiede." Für den Forscher liegt hier sogar der Kern des Begriffs "Kultur", die er definiert als einen dynamischen Prozess der Problemlösung beziehungsweise des Auflösens von Dilemmata.

Zwist mit dem eigenen Lehrer

Der 1952 geborene Trompenaars selbst kennt kulturelle Diversität von Kindesbeinen an. Er hat eine französische Mutter und einen holländischen Vater. In den Niederlanden absolvierte er zunächst ein Wirtschaftsstudium, das er als Master of Business Economics abschloss. Ein Stipendium, gefördert durch seinen akademischen Lehrer Geert Hofstede, führte ihn an die renommierte amerikanische Wirtschaftsakademie Wharton.

Ein weiteres Stipendium, diesmal vom Ölkonzern Shell, ermöglichte ihm die Promotion. Nachdem er die Promotion 1982 abgeschlossen hatte, arbeitete Trompenaars für drei Jahre bei Shell, um schließlich mit zwei Partnern seine eigene Beratungsfirma zu gründen.

Seinen Lehrer Hofstede sieht Trompenaars heute durchaus kritisch: "Er hat sich nicht weiterentwickelt." Umgekehrt gehört Hofstede zu Trompenaars´ schärfsten Kritikern. Mit einiger Genugtuung bemerkt der Holländer, dass er selbst in der Denker-Rangliste "The Thinkers 50" weit vor seinem Lehrer liegt (Platz 25 versus Platz 47).

Text: F.A.Z., 11.08.2007, Nr. 185 / Seite C4
Bildmaterial: Trompenaars Hampden-Turner
 
 
   
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