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Unternehmen des Monats

Karrieresprung: Social Entrepreneurs (1)

Autoteilen auf soziale Art

Von Birgit Obermeier



Karrieresprung - Serie bei FAZ.NET
14. März 2008 
Auf den ersten Blick ist Stattauto München ein ganz normaler lokaler Car Sharing-Anbieter. Ein erfolgreicher: Der 1992 gegründete Betrieb zählt aktuell rund 6.500 vertraglich gebundene Kunden - so viel wie nie zuvor. Sein bestens gewarteter Fuhrpark umfaßt 250 Fahrzeuge, die an über 70 Stationen im gesamten Münchner Stadtgebiet zum Ausleihen bereit stehen.

Was kaum ein Kunde weiß: Stattauto München ist ein Zweckbetrieb, der sich die Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen auf die Fahnen geschrieben hat. Ältere, Ungelernte, Migranten mit begrenzten Deutschkenntnissen, ehemalige Drogenabhängige oder Häftlinge - insgesamt 30 „Menschen mit Vermittlungshemmnissen“, wie es im Behördenjargon heißt, finden hier einen Ein-Euro-Job. Angeleitet werden sie von elf fest angestellten, meist sozialpädagogisch geschulten Mitarbeitern.

Jürgen Tesch

„Natürlich könnte der Betrieb auch mit halb so vielen Mitarbeitern laufen“, sagt Stattauto-Geschäftsführer Jürgen Tesch. Aber: „Wir dröseln alle Tätigkeiten denkbar weit auf, um möglichst vielen Menschen einen Job zu bieten.“ Jeder Ein-Euro-Jobber bekommt von Anfang an ein sehr kleines Aufgabengebiet, für das er aber die volle Verantwortung trägt.

Integration unter marktnahen Bedingungen

Zu tun gibt es genug: Sämtliche Fahrzeuge werden alle zwei bis drei Wochen gewaschen, gereinigt und gewartet. Dachgepäckträger und Fahrradständer sind auf Wunsch des Kunden rechtzeitig auf das gebuchte Fahrzeug zu montieren. Die an den Stationen aufgestellten Tresore mit den Fahrzeugschlüsseln sind frei von Schmierereien und Rostflecken zu halten. „Wir haben kein Curriculum, sondern versuchen jedem Einzelnen nach seinen Möglichkeiten gerecht zu werden“, erläutert Tesch. Das koste Zeit, Geduld und mitunter auch Nerven: „Manche sind richtig von der Rolle, wenn sie zu uns kommen.“

Tesch ist studierter Pädagoge und Psychologe. Der Mann mit den markanten Gesichtszügen ist außerdem ein echtes Urgestein der sozialpolitischen Szene Münchens. Seine Mission: Die Verlierer auf dem Arbeitsmarkt mit sozialpädagogischer Begleitung, aber unter marktnahen Bedingungen qualifizieren. 1985 gründete er dazu mit Unterstützung der evangelischen Landeskirche in Bayern den gemeinnützigen Verein Spectrum e.V. und unter dessen Dach eine Kfz- und Fahrradwerkstatt sowie einen Gartenbaubetrieb.

Anfang der 90 Jahre klopfte der umweltorientierte Verkehrsclub Deutschland (VCD) bei Tesch an: Ob er sich vorstellen könne, das Prinzip Car Sharing - es begann in Deutschland gerade Fuß zu fassen - in Form eines Zweckbetriebs umzusetzen? Tesch konnte und stellte kurzerhand sein eigenes Auto als eines von vieren in den Fahrzeugpool des neuen Betriebs ein. Dessen Erfolg stand in den Sternen.

Autoteilen leicht gemacht

Wer Menschen zum Autoteilen bewegen will, braucht einen attraktiven, gut gewarteten Fuhrpark - und also Geld - sowie eine professionelle Organisation. Die Startfinanzierung leistete die evangelische Landeskirche in Bayern. Als die Zahl der Vertragskunden nach wenigen Jahren die Tausendergrenze überstieg - nicht zuletzt dank einer Kooperation mit den Münchner Verkehrsbetrieben - bildeten die hinterlegten Kautionen ein solides Betriebskapital.

Tesch und seine Kollegen wußten damit klug zu wirtschaften. Sie entwickelten ein transparentes Preissystem, ermöglichten die Buchung über eine benutzerfreundliche Internetplattform, stockten nach und nach die Zahl der Autos und Abholstationen auf und: Sie erhoben Kundenorientierung zum obersten Gebot. „Stattauto muß funktionieren wie ein normales Unternehmen“, fordert Tesch.

Freilich mit ein paar Einschränkungen: Arbeitsagentur und Landeshauptstadt München leisten einen Zuschuß für die Integrationsarbeit, die der Betrieb leistet. Aufgrund seiner Zweckorientierung ist er zudem steuerbegünstigt. In der Car Sharing-Szene wird dies teils kritisch beäugt. Aber, so Tesch: „Wir erfüllen schließlich einen sozialpolitischen Auftrag.“ Und den sehr gut, lobt Michael Baab, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für Beschäftigung (ARGE) München. „Stattauto hat viele Menschen mit Vermittlungshemmnissen wieder in Arbeit gebracht oder zumindest sozial stabilisiert.“ Anders als andere Betriebe akzeptiere das Unternehmen jeden Bewerber für einen Ein-Euro-Job.

Verantwortung von Anfang an

Nicht alle sind den Anforderungen eines geregelten Arbeitsalltags gewachsen. Am Anfang gebe es meist ein paar harte Wochen, erzählt Tesch. Stattauto versucht, den individuellen Leistungsgrenzen gerecht zu werden, verlangt aber zwei Tugenden: Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Schließlich müsse man den Kunden eine gleich bleibend hohe Qualität bieten, so Tesch. Ist der Einstieg geschafft, gibt es selten Probleme. Manche Ein-Euro-Jobber übernehmen sogar freiwillig die Rufbereitschaft am Wochenende.

Kein Wunder, meint Tesch: „Die Leute erfahren bei uns Respekt und bekommen vom ersten Tag an Verantwortung.“ Das schaffe eine ungeheure Form von Zufriedenheit. Wer mehr leisten will und kann, bekommt anspruchsvollere Aufgaben. Menschen, die sich oft jahrelang nicht als wirksam erlebt haben, merken plötzlich, daß sie einen Beitrag leisten, sagt Tesch: „Und zwar nicht in einer versteckten Nische, sondern einem Betrieb mit Partnern in Autowerkstätten und der Verkehrspolitik sowie zufriedenen Kunden.“

Die Stiftung Warentest verlieh Stattauto München vor ein paar Jahren mit 1,8 die zweitbeste Note unter allen deutschen Car Sharing-Anbietern. Tesch freut das, klar. Mehr aber noch, „daß wir es in all den Jahren durchgehalten haben, Stattauto als Zweckbetrieb zu führen.“

Sie denken pragmatisch, innovativ und langfristig - kurz: unternehmerisch. Dabei wollen sie nicht ausschließlich ihren Gewinn maximieren, sondern einen Beitrag zum gesellschaftlichen Wandel leisten. Die Rede ist von Social Entrepreneurs. Geprägt hat den Begriff die 1980 gegründete Organisation Ashoka, die weltweit soziales Unternehmertum unterstützt. Wie erfolgreich dies sein kann, hat nicht zuletzt der Ökonom und Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus mit seiner Grameen Bank eindrucksvoll bewiesen. Im Rahmen unserer Serie „Karrieresprung“ stellen wir in den kommenden Wochen gesellschaftlich engagierte Unternehmer aus Deutschland und ihre Geschäftsmodelle vor.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Stattauto München
 
 
   
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