Die Zahl derjenigen, die ihr Gehalt als eine Art Schmerzensgeld hinnehmen und innerlich die Kündigung eingereicht haben, wird auf bis zu 50 Prozent geschätzt. Je unsicherer die Wirtschaftslage, umso eher verzagen jedoch viele Arbeitnehmer. Sie richten sich in der Mittelmäßigkeit ein. Diese Duldungsstarre ist eine Anleitung zum Unglücklichsein. Zickzack-Biographien gehören längst zum Standard Die Unzufriedenheit mit dem Bestehenden und die Lust auf neue Herausforderungen sind zwei starke Motive, den Schritt zu wagen, einen zweiten Beruf zu ergreifen. Und zwar eine Tätigkeit, die in der aktuellen Lebensphase gut zu einem passt, die eine ordentliche Life-Work-Balance verspricht und sinnstiftend ist. Patchworklebensläufe und Zickzack-Biographien gehören inzwischen ohnehin zum Standard. Wer den Wechsel wagt und nicht in den Nix-geht-mehr-Blues einstimmen will, der muss sehr genau wissen, was er will, braucht einen klaren Plan und Durchhaltevermögen. Und er sollte seinen persönlichen Karrierebegriff und die von ihm erwünschte Führungskultur klären - welches Berufsmilieu, welche Organisationskultur entspricht meinem Begabungsprofil? Große Kamin-Karrieren oder zufriedener B-Level mit entspanntem Privatleben? Das alleine zu erkennen ist schwierig. Ein seriöser Coach hilft, die persönliche Wertedebatte zu führen: Was ist mir wirklich wichtig, unabhängig von sozialer Sicherheit? Dinge bewegen zu können? Teamgeist? Geld? Macht? (Übrigens ein fantastischer Wert, der ermöglicht, hehre Ziele durchzusetzen.) Ein Berufswechsel ist ein Entwicklungsprozess Der Wertekanon ist ein ausgezeichneter Wegweiser für einen sinnvollen Richtungswechsel. Man denkt auch mit dem Herzen gut. Bauchentscheidungen sind oft die besseren, um zu klären: Was möchte ich mit dem Rest meines Lebens anfangen? In Luftschlössern lässt sich nicht wohnen, man kann sie aber in Gedanken beziehen. Was würden Sie denn werden und wählen, wenn Sie nicht scheitern könnten? Um Klarheit zu gewinnen, muss man das Hamsterrad verlassen und Auszeittage in den Arbeitsalltag einbauen: So lassen sich überzeugende Zukunftsbilder entwickeln. Ein Berufswechsel ist ein Entwicklungsprozess, sagt Brigitte Scheidt, in deren Berliner Praxis sich immer öfter Ratsuchende einfinden, die das Wagnis einer zweiten Karriere eingehen möchten. Die Diplompsychologin hat ein Fünf-Phasen-Modell zur Neuorientierung entworfen: Denn eine berufliche Neu- und Umorientierung fordert die ganze Person und ist nicht primär kognitiv steuerbar und verläuft natürlich auch nicht linear, sondern es handelt sich um Prozesse. Jeder hat dabei seinen eigenen Rhythmus, der unter anderem durch seine Biographie und Lerngeschichte bestimmt wird. Steht die Entscheidung fest, dann ist eine gute Strategie gefordert. Denn natürlich hat kein Personalchef auf den noch so engagierten 43-Jährigen gewartet, der sich um den Posten eines Trainees bewirbt. Keine Scheu vor Personalvermittlern Damit die Bewerbungsmappe nicht auf den Absagestapeln landet, hilft netzwerken. Erhöhen Sie Ihre Sichtbarkeit, teilen Sie möglichst vielen mit, dass Sie sich beruflich verändern möchten. Entwickeln Sie gezielt Aktivitäten, bevor eine Stelle ausgeschrieben wird, rät die Münchener Karriereexpertin Madeleine Leitner. So bringen Sie sich auf dem verdeckten Arbeitsmarkt ins Spiel. Und keine Scheu vor Personalvermittlern. Jedes Kontaktgespräch zu einem zukünftigen Arbeitgeber trainiert - auch die eigene Frustrationstoleranz. Sie brauchen nur eine einzige Stelle, auch wenn das 30 Fehlversuche einschließt. Machen Sie sich selbstbewusst klar: Trotz aller ausgebuffter Bewerbungsstrategien entscheidet am Schluss der S-Faktor, also die Sympathie. Das gilt für beide Seiten. Prüfen Sie kritisch die Firmenphilosophie. Werden Sie damit auf Dauer zurechtkommen?, empfiehlt der Frankfurter Personalberater Dorian Hartmuth. Viele Wechsler vermeiden diese Abhängigkeiten ohnehin und entscheiden sich für die Selbständigkeit. Der Aufbruch in dieses Abenteuer muss generalstabsmäßig vorbereitet sein. Ein, am besten zwei Existenzgründerseminare, die sollten es schon sein. Hospitanzen helfen, die Traumvorstellung mit der Realität abzugleichen, bevor man sich für eine Geschäftsidee entscheidet. Hat man den Durchhaltewillen für Durststrecken, genug Disziplin, ausreichend Geld- und Kraftreserven? Übrigens: Scheiden Sie nicht in Unfrieden aus Ihrem alten Unternehmen. Eine kurze Viertelstunde des Triumphs entschädigt nicht für einen jahrelangen Imageschaden. Ursula Kals: Mut zum Wechsel. So gelingt Ihnen der Aufbruch in die zweite Karriere. Frankfurter Allgemeine Buch. 224 Seiten. Hardcover mit Schutzumschlag, 24,90 Euro. Bildmaterial: fotolia.com
|
![]() |
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||


