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Gute Eltern trotz 60-Stunden-Woche

Von Oliver Hollenstein



Verschlungene Wege zum Elternglück
22. April 2008 
Gute Eltern trotz 60 Stunden Arbeit pro Woche? Immer mehr Londoner Manager und Banker lernen in Seminaren, wie sie die knapp bemessene Zeit mit ihren Kindern am besten nutzen können. Dafür opfern sie bereitwillig ihre Mittagspause. Zahlreiche Firmen in der City - wie Londons Finanzdistrikt genannt wird - bieten Kurse und Diskussionsgruppen an, in denen gestresste Eltern Tipps zur Kombination von Kind und Karriere erhalten. In London hat sich inzwischen eine ganz Branche um diesen Trend entwickelt: Erzieher, Lehrer, Psychologen und Mediziner geben sich in den Seminarräumen der Unternehmen die Klinke in die Hand.

„Wie man mit den Kindern fertig wird, ohne den Kopf zu verlieren“, „Ins-Bett-Geh-Kämpfe“, „Kooperation ohne Schreien und Nörgeln“, aber auch „Mathe-Unterricht verstehen“, „Lesen mit Kindern“ und „Erste Hilfe“ heißen die Seminare. Die Kundenlisten der Beratungsfirmen lesen sich wie ein „Wer ist wer?“ der internationalen Finanzmärkte: Deutsche Bank, Citigroup, HSBC, Bank of England, Credit Suisse, Merrill Lynch, Pricewaterhouse Coppers und Morgan Stanley gehören ebenso dazu wie die Großkonzerne BP oder BBC.

Die Unternehmen erhoffen sich von den Seminaren motivierte Mitarbeiter und einen guten Ruf als sozial engagierter Arbeitgeber. „Diese Eltern hätten niemals die Zeit zu solchen Sitzungen zu gehen, wenn sie außerhalb der Arbeit stattfänden“, erklärt Beraterin Rachel Vecht die Idee, die Kurse während der Mittagspause anzubieten.

Mutters Marktlücke

Eine der ersten, die diese Idee hatte, ist die ehemalige Betriebswirtin Kerry Summer. Nach der Geburt ihres ersten Kindes 1997 stolperte die berufstätige Mutter über die Marktlücke: „Es gab zwar jede Menge Leute, die dir was über Kinder erzählen wollten - aber keinen, der das ohne Standpauke und Verurteilungen tat.“ Es hätte für alles Fortbildungen gegeben - nur nicht für das „Eltern-Sein“. Heute sollen die Mitarbeiter ihrer „Parent Company“ den Eltern Fähigkeiten vermitteln, ihr „Familienleben zu verändern“.

„Die Angestellten in der City arbeiten extrem viel und die Unternehmen wollen ihnen etwas zurückgeben“, sagt Beraterin Rachel Vecht. Die 34-Jährige war Grundschullehrerin bevor sie begann, Eltern zu beraten - anfangs direkt in den Familien. „Eines Tages sagte ein Investment-Banker zu mir, es wäre eine großartige Idee, dieses Seminar in seiner Firma zu machen.“ Heute hat ihr Unternehmen „Educating Matters“ mehrere gut ausgelastete Mitarbeiter.

„Als ich vor sechs Jahren angefangen habe, waren Eltern-Netzwerke noch völlig unbekannt“, erinnert sich Vecht. Mittlerweile sind in vielen Firmen Netzwerke für berufstätige Mütter und Väter etabliert, auch dank der Seminare. Hier können sich die berufstätigen Eltern austauschen - vom Pförtner bis zum Vorstandschef.

Von Mitternachts-Shopping bis Homöopathie

Bei der Citigroup gehören mehr als 700 Eltern zu den „CitiParents“. Das Netzwerk ist Teil der offiziellen Firmenpolitik und bietet Aktivitäten von Mitternachts-Shopping bis Homöopathie. „Wir wollen den Eltern helfen, die Anforderungen von Elternschaft und Arbeit auszubalancieren - für ein erfülltes Privat- und Arbeitsleben“, heißt es auf der Internetseite.

Viele Eltern sagen, dass ihnen die Seminare und der Austausch mit anderen tatsächlich helfen, zufriedener im Job und zu Hause zu sein. Aber gibt es einen Unterschied zwischen Berufstätigen im Finanzdistrikt und anderen Londoner Eltern? Beraterin Kerry Summers gibt zu, dass sie das lange geglaubt habe. „Heute sehe ich das anders. Alle Eltern sind gleich: Sie wollen Zeit mit ihren Kindern verbringen und ein harmonisches Familienleben führen.“

Text: dpa
Bildmaterial: fotolia.com
 
 
   
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