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Psychisch krank

Angst vor dem eigenen Büro

Von Leonie von Manteuffel



Weglaufen hilft selten
25. Juli 2007 
Da geh' ich nie wieder hin!" Das schwor sich ein Bürokaufmann, der am Schreibtisch zusammengebrochen war: Herzinfarkt. Der Schock saß tief. Alles erinnerte an das furchtbare Erlebnis: der Teppichboden, auf dem er gelegen hatte, das Telefon, mit dem Kollegen den Notarzt alarmiert hatten. Eine Rückkehr ins Büro? Undenkbar. So schildert der Berliner Rehabilitationsforscher und Psychosomatiker Michael Linden einen typischen Fall von Arbeitsplatzphobie.

Es muss aber nicht ein Unfall sein, der Jobangst entstehen lässt. Oft lösen Spannungen im sozialen Umfeld Fluchttendenzen aus, die zu Langzeit-Arbeitsunfähigkeit oder Frühverrentung führen können. "Oft sind Konflikte im Betrieb der Auslöser, zum Beispiel wenn ein Streit mit Kollegen oder Vorgesetzten eskaliert", erläuterte Michael Linden kürzlich auf dem Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquium der Deutschen Rentenversicherung. Käme zu diesem - vielleicht banalen - Konflikt eine weitere Belastung hinzu, wie familiäre Probleme oder eine schwierige Aufgabe, seien die Betroffenen irgendwann überfordert. Dann sei die Versuchung groß, sich krankschreiben zu lassen, so Linden.

Immer mehr psychisch krank

Jede vierte Krankschreibung und jeder 12. Ausfalltag gehen inzwischen auf psychische Erkrankungen zurück, zeigen Statistiken des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen. Der Anteil dieser Störungen an den Krankheitstagen hat sich seit Beginn der neunziger Jahre mehr als verdoppelt (lesen Sie dazu auch Der eingebildete Gesunde). Als Angstauslöser nennt der Forscher Linden auch betriebliche Umstrukturierungen, bei denen die Persönlichkeit und die Anforderungen des Jobs in ein Missverhältnis geraten: "Zum Beispiel, wenn der zwanghaft gewissenhafte Buchhalter plötzlich als Servicekraft Kunden beraten soll", sagt Linden. Durch die subjektive Überforderung könnten sich Angstzustände bis hin zur Panik entwickeln. Auch schwere seelische Erkrankungen wie Schizophrenie könnten diese Ängste mit sich bringen.

Der Ausweg: die Auszeit? "Das Fernbleiben wirkt zunächst entlastend, indem der Arbeitsplatz als angstauslösender Reiz vermieden wird. Nach Vermeidungsphasen wird es jedoch zunehmend schwieriger, sich wieder an den Arbeitsplatz zurückzutrauen", gibt Linden zu bedenken. Je länger jemand zu Hause bleibe, desto schlimmer würden die Angstphantasien. Man sollte sich dem Arzt rechtzeitig anvertrauen, anstatt über Folgesymptome wie Erschöpfung oder Rückenschmerzen zu klagen, schlägt der Psychiater vor.

Wie bei Platzangst oder Spinnenphobie

Sind Ängste durch fortgesetztes Verleugnen verfestigt, hilft aus psychiatrischer Sicht nur die "Exposition". Dabei müssen sich die Patienten schrittweise an die angstauslösende Situation annähern, wie bei Platzangst oder Spinnenphobie. Einzelne Rehabilitationskliniken bieten neben Konfliktmanagement, ergotherapeutischem Training und Konfliktmanagement auch Arbeitserprobungen an: Dabei erlauben Unternehmen mit Sitz in Kliniknähe den Betroffenen, zeitweise mitzuarbeiten. Um arbeitsbezogene Ängste zu bestimmen, hat das Team von Michael Linden eine "Job-Angst-Skala" (JAS) entwickelt, die das Ausmaß der Sorgen rund um den Arbeitsplatz erfasst. Die Ängste seien aber keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom, betont der Reha-Mediziner.

"Angsterkrankungen bis hin zur Arbeitsplatzphobie stellen für Betriebsärzte einen häufigen Beratungsgrund dar", sagt Michael Peschke vom Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte. Arbeitsmediziner hätten weitreichende Möglichkeiten, angstauslösende Faktoren zu analysieren und in Abstimmung mit Psychiatern Behandlungspläne zu erstellen. Gute Chancen dafür sieht Peschke im gesetzlich verankerten Eingliederungsmanagement. Seit einigen Jahren müssen Arbeitgeber mit dem Betriebsrat oder mit Ärzten besprechen, wie längerfristig kranke Mitarbeiter ihre Arbeitsunfähigkeit überwinden können und wie weiteren Krankheiten vorgebeugt werden kann, damit der Job erhalten bleibt.

Mit dem „Seelenklempner“ ins Büro?

Mit dem "Seelenklempner" ins Büro - diese Vorstellung macht vielen Arbeitnehmern gleich noch mehr Angst. "Noch gelten seelische Probleme bei vielen Bürgern als Privatsache, über die am Arbeitsplatz nicht gesprochen werden sollte", weiß Leonore Julius von der Familienselbsthilfe Psychiatrie, dem Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker in Bonn. Aus Sorge, als "Simulanten" oder "Drückeberger" stigmatisiert zu werden und ihren Job zu verlieren, verschweigen viele Betroffene ihre Nöte so lange wie möglich.

Um Betriebsärzte, Führungskräfte und Personalverantwortliche für seelische Krisen und schleichende Erkrankungen zu sensibilisieren, bietet der Verband Vorträge und Seminare an. Sie sind Teil eines Präventionspakets, das der Bundesverband der Betriebskrankenkassen ins Leben rief. Eine Broschüre "Psychisch krank im Job. Was tun?" enthält Informationen über typische Belastungsfaktoren und Krankheitsbilder sowie ein Handlungskonzept, angelehnt an die Therapie bei Suchterkrankungen. Das Konzept umfasst fünf "H.I.L.F.E."-Schritte: von H wie "Hinsehen" bis E wie "Experten hinzuziehen" - das Gerüst für ein betriebliches Frühwarnsystem. Die Unternehmen sollten Betriebsvereinbarungen für den Umgang mit psychischen Erkrankungen abschließen, rät die Broschüre.

Text: F.A.Z., 21.07.2007, Nr. 167 / Seite C4
Bildmaterial: Michael Hauri
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [1]
Also wissenschaftlich ist das nicht 25.07.2007, 09:59
 
   
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