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Management-Gurus (1)

Der Popstar

Von Ralf Nöcker



„How to become sexy”, erklärt Kjell Nordström den Managern
25. Juli 2007 
Kjell Nordström sieht nicht aus wie jemand, der sich akademisch mit Fragen der Unternehmensführung auseinandersetzt. Kahlköpfig, schwarzes Schlabber-Sweatshirt, darunter weißes T-Shirt, Schlangenleder-Stiefel, fünf Ringe an der linken, zwei an der rechten Hand. Sein nicht nur für Wirtschaftsdenker ungewöhnliches Äußeres hat nur zum Teil mit Nordströms persönlichem Geschmack zu tun. Das Anderssein hat Methode. Nordström lebt, was er predigt.

Als Management-Guru müsse man sich wie in jeder Branche abheben, sagt er. Unternehmen, die sich allein aufs Kopieren beschränken, hätten keine Zukunft. Deshalb sieht Nordström aus wie der Disc-Jockey eines Technoclubs. Und deshalb seien kreative Köpfe mehr denn je das wichtigste Kapital des Unternehmens. Denn nur sie könnten die Andersartigkeit begründen. "Marx hat also heute wieder recht: Den Arbeitern gehört das Kapital", sagt der gebürtige Finne, den "The Thinkers 50", eine Rangliste der bedeutendsten Managementdenker, immerhin auf Rang 9 führt.

„Amerika profitiert vom Marxismus“

Vom modernen Marxismus profitierten ausgerechnet die amerikanischen Unternehmen in besonderer Weise, ist Nordström überzeugt: "Amerika wird noch auf Jahre hinaus die treibende Kraft der Wirtschaft sein." Der Grund: "Weil die Besten dorthin gehen." So komme etwa der Google-Mitgründer Sergei Michailowitsch Brin aus Russland. Und bei der Ölexplorationsfirma Schlumberger finden sich unter 160 Top-Managern immerhin rund 90 verschiedene Nationalitäten. Nordström verweist auch auf die typisch amerikanischen Organisationsmerkmale von Unternehmen: Hierarchie, Verhaltenskodex, Berichtswesen, Erfolgsmessung, ein starker Chef.

Diese Faktoren klingen nicht gerade kuschelig, haben aber den Vorteil, dass sich Ausländer darin sofort zurechtfinden. "Das amerikanische Unternehmen ist gebaut für Klein-Arnold, der mit 19 Jahren nach Amerika kommt und sein Glück machen will", erklärt Nordström mit Verweis auf Gouverneur Schwarzenegger von Kalifornien. Dagegen funktionierten etwa Organisationen in Schweden informell, mit flacher Hierarchie, ohne viele Formalismen. Jeder kennt sich eben. Diese Organisation als Außenstehender zu verstehen gelinge erst nach einem gewissen Zeitraum. "Um amerikanischer Staatsbürger zu werden, braucht es drei bis fünf Jahre. Um Finne zu werden, 180 Jahre", sagt Nordström.

Wer schert sich um Outsourcing-Insourcing-Reengineering-Wellen?

Er erzählt viel über das Umfeld, in dem Unternehmen wirtschaften, aber nur wenig über Unternehmensführung selbst. Er sei an Trends und längerfristigen Entwicklungen interessiert, nicht an Moden, erklärt Nordström. Aktienkurse kümmerten ihn ebenso wenig wie Outsourcing-Insourcing-Reengineering-Wellen, die Manager in ständiger Bewegung halten. Wer also erwartet, aus Büchern und Vorträgen einigermaßen konkrete Anregungen für sein Alltagsgeschäft beziehen zu können, sollte sich besser einen anderen Guru suchen. Was er dann verpassen würde, ist schlicht eine gute Show.

Nordström versteht sein Handwerk, das wie bei anderen Denkern aus der Recherche einprägsamer Zahlen und mehr oder minder tragfähiger Analogien besteht, zum Beispiel aus der Zoologie. Der Pfau taugt laut Nordström als interessante Metapher. "Er kann nicht fliegen, nicht rennen, er sieht merkwürdig aus und hat Schwanzfedern, die ihn an der Flucht hindern. Eigentlich müsste er nach den Gesetzen der Evolutionstheorie verschwunden sein. Es gibt ihn aber noch. Warum?" Die Antwort bleibt er dem gespannten Auditorium nicht lange schuldig: Weil der männliche Pfau extrem attraktiv für ein Weibchen sei. Das nennt die Wissenschaft "Handicap-Theorie" - wer mit derart ungünstigen Eigenschaften und groteskem Aussehen noch am Leben sei, müsse unheimlich clever sein, folgert das Weibchen, und findet den Pfau "sexy".

Übertragen auf Unternehmen, heißt das: Nicht nur mit optimierten Prozessen, sondern auch mit erotischer Ausstrahlung des Unternehmens und seiner Produkte lasse sich ein temporäres Monopol errichten. "Erfolgreiche Unternehmen sind entweder extrem fit oder sexy." Wobei man mit Fitness allein keinen Blumentopf mehr gewinnen könne.

„Karaoke-Capitalism“?

Und so weiter. Das ist alles unterhaltsam und lehrreich, aber Handlungsempfehlungen lassen sich daraus nicht ableiten. Auch Nordströms Buch "Karaoke-Capitalism" liest sich spannend, lässt den Leser aber so faktenbeladen wie ratlos zurück - was wollten mir die Autoren denn nun mitteilen? Nordström zugehört zu haben verursacht ähnliche Gefühle wie der Besuch im Fastfood-Restaurant: Man schlingt alles hinunter, doch satt wird man nicht wirklich.

Wie aber wurde er der vielleicht schrillste Vertreter der Guru-Zunft? "Das war nicht geplant. Es hat sich so ergeben", sagt Nordström. Eigentlich hatte er mit einer Ingenieur-Ausbildung begonnen. Der Beruf hatte zu dieser Zeit jedoch viel mit "brutaler Kalkulation", aber nicht viel mit Innovation zu tun. Also entschloss sich Nordström zu einem wirtschaftswissenschaftlichen Studium. Ein "extrem guter Student" sei er gewesen, und einer seiner Professoren an der Stockholm School of Economics, Jan-Erik Vahlne, überredete ihn, an der Universität zu bleiben und über den Internationalisierungsprozess von Unternehmen zu promovieren. Als Vahlne für ein Semester im Ausland tätig war, übertrug er die Vorlesungen seinem Schüler. "Er hat mich ins kalte Wasser geworfen", sagt Nordström. Seine Vorlesung, so wusste er sofort, würde ganz anders sein als die der anderen Stockholmer Professoren, die ihn so sehr gelangweilt hatten. Schon als Hochschullehrer gab Nordström also den Popstar.

Seine eigene Zukunft sieht Nordström vergleichsweise nüchtern: "Im Geschäftsleben geht es nicht um Wettbewerb. Es geht um temporäre Monopole." Immer kürzer sei der Zeitraum, in dem ein Unternehmen eine Vormachtstellung in einem Markt halten könne. Das gelte auch für das Ein-Mann-Unternehmen Nordström auf dem Markt für Management-Gurus. Sein Konzept, sich als Denker von anderen abzusetzen, sei derzeit erfolgreich - aber wer wisse schon, wie lange noch? "Möglich, dass schon bald ein Guru aus Kalifornien kommt, der noch schriller ist als ich. Dann ist es eben vorbei."

Text: F.A.Z., 21.07.2007, Nr. 167 / Seite C4
Bildmaterial: Archiv
 
 
   
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