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08. September 2008

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Jobmotor Pharmabranche: Fachkräfte sind gesucht

Gesundheit als Jobmotor

Patentrezept gesucht

Von Michael Psotta



18. November 2007 Rund 4 Millionen Menschen arbeiten allein in Deutschland in der Gesundheitswirtschaft. Lohn und Brot bieten ihnen die Pharmaindustrie, die Medizintechnik, Arztpraxen, Apotheken und Krankenhäuser. Langfristig erscheint die Branche besonders krisenfest. Das gilt jedenfalls in Deutschland und den übrigen Industrieländern, deren alternde Bevölkerungen eine zunehmende Nachfrage nach medizinischer Versorgung sicherstellen.

Doch auch in der übrigen Welt geht es mit der Gesundheitswirtschaft aufwärts. So richten Schwellenländer wie China und Indien flächendeckend medizinische Basisversorgungen ein. Zudem bringt der technische Fortschritt die Branche voran. Forscher auf der ganzen Welt arbeiten an neuen Medikamenten und Impfstoffen. Zudem setzt die klassische Industrie neue Hoffnungen in den Gesundheitsmarkt. Das zeigt die Entscheidung von Siemens, die Medizintechnik neben dem Energiegeschäft und der Infrastrukturausrüstung zu einer der drei Säulen des Konzerns auszubauen.

Traumhafte Renditen, Argwohn an der Börse

Langfristig und grundsätzlich spricht also eigentlich alles für die Gesundheitsbranche. Doch der Teufel liegt in den eher kurzfristigen Herausforderungen. Das zeigt der Blick auf die Pharmabranche. Sie erwirtschaftet Umsatzrenditen nach Steuern von meist deutlich mehr als 20 Prozent – davon können mit Ausnahme einiger Software- und Internetkonzerne andere Wirtschaftszweige nur träumen. Doch schon der Blick auf die Börsenkurse zeigt, dass mit der Pharmabranche zumindest in jüngerer Zeit einiges im Argen liegen muss. Mit Ausnahme der beiden deutschen Marktführer Bayer und Boehringer Ingelheim haben alle großen europäischen Konzerne seit Jahresbeginn zweistellige Kursverluste erlitten und damit schlechter abgeschnitten als die wichtigen Konzerne anderer Branchen. Die Ausnahme Boehringer erklärt sich allerdings dadurch, dass sie als Familienunternehmen nicht börsennotiert ist. Bei Bayer honorieren die Anleger, dass der Konzern nach starken Rückschlägen in den Vorjahren allmählich und mühsam wieder Anschluss an die Spitze findet.

Für die führenden europäischen Pharmakonzerne wie Glaxo Smith Kline, Sanofi-Aventis, Novartis, Roche oder Astra Zeneca gilt derzeit aber dasselbe wie für den amerikanischen Weltmarktführer Pfizer: Sie stehen vor allem wegen des Patentauslaufs für wichtige Medikamente unter starkem Druck. Pfizer beispielsweise wird 2010 die Exklusivrechte für den Cholesterinsenker Lipitor verlieren, das 2006 mit 12,8 Milliarden Dollar umsatzstärkste Medikament überhaupt. Schon jetzt ist absehbar, dass Pfizer von 2010 an nur noch einen Bruchteil des bisherigen Lipitorumsatzes verbuchen wird, da dann die Hersteller von Nachahmerpräparaten (Generika) sofort mit billigen Kopien einspringen werden. Pfizer ist also auf Ersatz dringend angewiesen, um den Umsatz und den Gewinn zu halten.

Von 10.000 Wirkstoffen einer marktreif

Die Suche nach einem solchen Ersatz wird aber immer schwieriger. So verlor der Konzern kürzlich seinen wichtigsten Hoffnungsträger: Die Entwicklung des neuen Cholesterinsenkers Torcetrabip musste nach Todesfällen in der klinischen Überprüfung eingestellt werden. Auch die Konkurrenz berichtet immer wieder über Rückschläge in der klinischen Entwicklung neuer Medikamente. Das ist bitter angesichts der Dimensionen, in denen die Pharmaindustrie inzwischen forscht. Daniel Vasella, Präsident und Vorstandsvorsitzender von Novartis, hat sie folgendermaßen umschrieben: „Von 10.000 untersuchten Wirkstoffen schafft es nur einer bis zur Marktreife. Dafür braucht man zehn bis fünfzehn Jahre und 1 Milliarde Euro.“ Solche Erfolge werden aber immer seltener. Im Jahr kommen nur ein bis zwei Dutzend neue Medikamente tatsächlich auf den Markt – mit abnehmender Tendenz.

Das hat einen wesentlichen Grund: Die wichtigsten Genehmigungsbehörden FDA in den Vereinigten Staaten und Emea in Europa legen zunehmend strengere Maßstäbe an, nicht zuletzt, weil einige Medikamente – wie der Cholesterinsenker Lipobay von Bayer – erst nach der Zulassung tödliche Nebenwirkungen zeigten. Zudem scheint die pharmazeutische Forschung derzeit in einer Klemme zu stecken: Auf der einen Seite sind auf Gebieten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen wirkungsvolle Medikamente auf dem Markt, die von Neuentwicklungen nur noch graduell übertroffen werden. Auf der anderen Seite lassen echte Durchbrüche etwa in der Behandlung von Krebs auf sich warten. Offenbar war die Branche nach der Entschlüsselung des Genoms vorschnell der Hoffnung, dass dies in Kürze auch zu einer Welle neuer Medikamente führen werde.

Auch der Generikamarkt ist unter Druck

Darin erschöpfen sich die aktuellen Herausforderungen der Pharmaindustrie nicht. Immer aggressiver versuchen die Hersteller von Nachahmermedikamenten (Generika), den Patentschutz von Originalpräparaten anzugreifen. Angriffspunkte bieten etwa benachbarte Technologien, die die forschenden Unternehmen bei ihren Patentstrategien ehemals vernachlässigt haben. Daraus haben die Pharmakonzerne zwar gelernt, so dass die aktuellen Neuerscheinungen patentrechtlich deutlich besser gesichert sein werden, wie Alessandro Banchi versichert, der als Sprecher der Unternehmensleitung den Pharmakonzern Boehringer Ingelheim leitet. Das ändert aber nichts daran, dass viele heutige Originalpräparate durch Nachahmermedikamente bedroht werden.

Doch auch die Generikahersteller selbst stehen unter wachsendem Druck, jedenfalls in Deutschland. So haben die Gesetzlichen Krankenkassen damit begonnen, für einzelne Wirkstoffe Rabattverträge auszuschreiben. Wer zu den drei bis vier Herstellern gehört, die zum Zuge kommen, erhält zwar starke Impulse für den Absatz – allerdings zu Preiszugeständnissen von bis zu 30 Prozent. Da derartige Verträge letztlich für alle patentfreien Wirkstoffe abgeschlossen werden sollen, wird sich das Marktvolumen für Generika auf Dauer spürbar verringern.

Für die Originalpräparate besteht die politische Schleuse in der behördlichen Entscheidung darüber, ob ihre Verordnung von den Kassen getragen wird oder nicht. Nach einer drastischen Verschärfung der Kriterien – so wurden einige Medikamente wie etwa Schlankmacher gegen den lautstarken Protest der Industrie als Lifestyle-Präparate abgelehnt – hat sich die Lage der forschenden Anbieter zuletzt wieder entspannt, jedenfalls auf dem Papier: Nach der jüngsten Reform fließt in die Erstattungsentscheidung nicht nur die Betrachtung der Kosten, sondern auch eine Abwägung mit dem Nutzen eines Präparats ein.

Zahl der Jobs um 20.000 gestiegen

Ob dies die Lage der Produzenten von Originalpräparaten wieder etwas entspannt, lässt sich wegen der geringen Fallzahl noch nicht beurteilen. Klar ist aber schon heute, dass Rabattverträge und politische Eingriffe ihre Auswirkungen auf die Unternehmen haben. So beschloss der Generikahersteller Stada, seinen gesamten deutschen Außendienst für Arztbesuche mit 230 Stellen abzubauen. Gleichzeitig intensivieren viele Anbieter ihren Außendienst für Apotheken. Und der deutsche Ableger von Pfizer zieht 2008 mit seiner gesamten Verwaltung von Karlsruhe nach Berlin, auch um den politischen Entscheidungsträgern näherzurücken.

Gleichzeitig baut Pfizer Personal ab: Auf der ganzen Welt 10.000 Stellen, allein in Deutschland rund 750 von gut 5000. Astra Zeneca streicht in Deutschland sogar 1000 von 2300 Arbeitsplätzen. Beide Unternehmen begründen dies mit dem Zwang zum Kostensenken nach Rückschlägen in Forschung und Entwicklung. Doch der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) sieht darin keinen neuen Trend. „Langfristig gilt weiterhin, dass die Nachfrage nach Medikamenten auch in Deutschland schon aus demographischen Gründen stetig zunimmt“, sagt Cornelia Yzer, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes. Zumindest die jüngsten zur Verfügung stehenden Daten scheinen dem VFA recht zu geben: Allein zwischen 2000 und Ende 2006 ist die Zahl der Beschäftigten in der forschenden Pharmaindustrie, trotz aller politischen Eingriffe und wissenschaftlicher Rückschläge, von 74.400 auf 95.100 noch einmal kräftig gewachsen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, F.A.Z., F.A.Z. - Cyprian Koscielniak, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb
 
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