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Kolumne Buzzwords im Büro Von Georg M. Oswald
Seit Hertel da war, hatte sich ein neuer Ton in der Abteilung etabliert, über den Kalb nicht sehr glücklich war. Wenn Hertel sagte: "Das macht Sinn", verzog Kalb das Gesicht, als hätte er auf etwas Saures gebissen, und fuhr dazwischen: "Es hat Sinn, Herr Kollege Hertel, es hat Sinn!" Hertel sprach, wenn er Mehrwertsteuer meinte, grundsätzlich von Märchensteuer, so lange und so oft, bis es irgendwann aus Kalb herausbrach: "Mehrwertsteuer, Herr Kollege, Mehrwertsteuer." Wenn Hertel erwähnte, dieser oder jener Gesichtspunkt könne "außen vor" bleiben, zog Kalb die Unterlippe zwischen die Zähne, und spätestens beim dritten Mal rief er: "Bleibt unberücksichtigt, Herr Kollege Hertel, bleibt unberücksichtigt!" Hertel sprach von "engen Zeitfenstern". "Wieso denn ,eng' und ,Fenster', wieso nicht wenig Zeit?", zischt Kalb in sich hinein. "Nicht wirklich", sagt Hertel. "Warum nicht einfach: Nein!", denkt Kalb. "Ich bin ganz bei Ihnen", sagt Hertel - warum nicht: "Ich verstehe Sie", plagt es Kalb. Kalb ist eigentlich kein Pedant, er legt nur Wert auf einen Sprachgebrauch, der dem Unternehmen, auch nach außen hin, die Würde erhält, und das geht nun einmal nicht, wenn man sich ausdrückt wie ein Telefonverkäufer, womit, bitte schön, nichts gegen Telefonverkäufer gesagt sein soll. Was Kalb verwundert, ist die Tatsache, dass die anderen Mitarbeiter in den Sitzungen so lasch reagieren, wenn er Hertel korrigiert. Sie halten Kalbs Einwände wohl für irrelevant, weil sie scheinbar nichts zur Sache tun. Dabei verrät doch die Sprache, die jemand verwendet, wie nichts sonst, wes Geistes Kind er ist. Es ist eben ein Unterschied, ob man Synergieeffekt sagt, wenn man Zusammenarbeit meint, ventilieren für verbreiten, updaten für mitteilen, Philosophie statt Ansicht, Agenda statt Plan, Burnout für Erschöpfung . . . Das Bedenklichste daran aber war, dass es den anderen, auch wenn sie ihm gegenüber gleichgültig taten, Spaß zu machen schien, sich eine unsinnige Mode nach der anderen auszudenken, Anglizismen, Neologismen, Buzzwords, die bedeutend und kompetent klangen und doch einfach nur schlechtes Deutsch waren. Kalb schritt zur Tat. Beim nächsten Meeting - warum heißt es eigentlich nicht Treffen? - brachte er seinen Vorschlag: Einer aus ihrer Mitte sollte einen Vortrag zum Thema "Sprachkultur im Unternehmen" halten. Die Resonanz war bescheiden. Nur Hertel war spontan begeistert und rief: "Super Approach. Ich mach das Wording." Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München. Bildmaterial: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak
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