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Suchthilfe in der Schwarzwaldklinik

Wenn Manager sich durch den Tag dopen

Von Ursula Kals




13. November 2006 
Auf dem Klinikboden trocknen die Bilder. Einige zeigen leere Landschaften. In der Ödnis steht eine einsame Figur. Schwere Wolken verdüstern den Horizont. Auf einem Bild sind vier schwarze, symmetrische Rechtecke zu sehen, schräg daneben drei rot-orange Rechtecke: ein geordnetes, eher konventionelles Bild von dezenter Farbigkeit. "Aber dieser Patient empfindet das, was er gemalt hat, als unkontrolliert", erklärt der Kunsttherapeut Sieverts-Rust. Den Zugang zu seinen Gefühlen hat der Erkrankte im Laufe leistungsgetriebener Berufsjahre offenkundig verloren.

Sieverts-Rust ist Gestaltungstherapeut der Oberbergklinik in Hornberg. Die private Akutklinik liegt in einem Seitental des Schwarzwaldortes. Sie bietet Hilfe und medizinisch-psychotherapeutische Behandlung bei Abhängigkeitserkrankungen, Burn-out, Depression und Angsterkrankungen. Die Kunsttherapie hilft bei der Heilung. Die meisten Patienten haben seit Jahrzehnten nicht mehr gemalt und tun sich schwer mit der Aufgabe, "ihr Problem zu malen". Im Beruf sind sie gewohnt, punktgenau gute Ergebnisse abzuliefern, spontan etwas aufs Zeichenpapier zu bringen kostet Überwindung. "Ich lade Sie zu einem fröhlichen Dilettantismus ein, zum Experimentieren. Wir machen hier keine Kunst, es gibt keine Noten", ermutigt der Therapeut dann. "Die meisten stellen fest, das macht ja Spaß, einige entdecken das Malen für sich." Beim Gestalten mit Ton scheint es manchen leichter zu fallen, den Intellekt auszuschalten. Im Regal steht eine Plastik, die ein alkoholabhängiger Lehrer zum Thema "Kraft" geformt hat: eine Vase ohne Boden, eine Plastik ohne Zentrum. So sieht es in seiner Seele aus.

Führungskräfte, die sich permanent überfordern


Götz Mundle lotet diese Zustände in Einzelgesprächen aus. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie erlebt viele erfolgreiche, leistungsbereite Führungskräfte, die sich permanent überfordern. "Wer das Einfache nicht mehr wahrnimmt, sich keinen Ausgleich mehr zugesteht, der bekommt ein Problem. Manche gleiten in die Sucht", sagt der Chefarzt.

Es gibt keinen überzeugenden Grund, diesen Kontrollverlust zu tabuisieren. Mut macht vielen Patienten, denen das Leben entgleitet, die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte der Klinik: Gegründet wurde sie vor 20 Jahren von dem Neurologen Matthias Gottschaldt. Jung wurde er Chefarzt, erkrankte an einem Burn-out-Syndrom und wurde Alkoholiker. Später hat der Medizinprofessor über diese Zeit gesagt: "Ich wurde vom Oberarzt, von der Chefsekretärin und anderen gedeckt. Das hat meine Krankheit verlängert."

Als er 43 Jahre alt war, ließ er sich stationär in einer Suchtklinik aufnehmen. Diese Zeit nutzte der Patient, um ein auf Leistungsträger zugeschnittenes Therapiekonzept zu entwickeln, darunter ein Spezialangebot für suchtkranke Mediziner. Etwa acht Prozent der Ärzte in Deutschland sind suchtkrank, in der Gesamtbevölkerung sind es zweieinhalb Prozent. Was Gottschaldt - der vor einigen Jahren durch einen Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist - wichtig war: "Sucht ist ein emotionales Phänomen, Süchtige müssen emotional behandelt werden." Er drang darauf, daß jederzeit sofort mit der Therapie begonnen werden konnte, die Behandlung kurz ist, etwa sechs bis acht Wochen beträgt und so die Rückkehr an den Arbeitsplatz ermöglicht, eine Nachbehandlung garantiert und bei Rückfällen schnelle Hilfe möglich ist. Dieses Vorgehen wird in den mittlerweile drei Oberbergkliniken - eine ist nahe Berlin, eine weitere im Weserbergland - praktiziert. Erfolgreich. Die Rückfallquoten sind gering: 80 Prozent der Führungskräfte arbeiten wieder, ihre Krankheit eskaliert nicht mehr. Es gibt zwar Rückfälle, aber die Betroffenen erringen wieder Kontrolle zurück.

Verschütteten Gefühlen auf der Spur

In Hornberg bietet Götz Mundle eine medizinische Basistherapie und intensive Einzeltherapie, um verschütteten Gefühlen auf die Spur zu kommen. "Viele Patienten haben eine hohe Willenskraft und Intelligenz, aber ihren Zugang zu ihren Emotionen verloren, so daß sie Erschöpfung gar nicht mehr wahrnehmen", erklärt der Privatdozent. Einige kontrollieren ihre Gefühle eisern, lassen zum Beispiel Wut nicht zu, anstatt sie als Zeichen zu werten, um eine konstruktive Veränderung herbeizuführen. "Aber diese Wut und andere verdrängte Gefühle melden sich körperlich, dann kommt der Tinnitus, das Magengeschwür."

Manchmal lösen sie einen Zusammenbruch aus. So wie bei Kai Schmidt (Name geändert), einem von rund 50 Patienten in Hornberg. Der sportliche Mann ist Führungskraft in der Finanzdienstleisterbranche. Daß er unter Angsterkrankungen bis hin zu Panikattacken und vegetativen Störungen leidet, ahnt keiner. Schmidt ist Schwabe: "Schaffe' macht mir Spaß. I bin en Hundertprozentiger." Sein Arbeitstag ist lang, konkurrenzorientiert, fordernd. Daß er "körperlich mit einer Schmerzsymptomatik unterwegs ist", ignoriert er. Nebenbei hat er bis nachts sein Haus umgebaut und zehn Kilo abgenommen. Irgendwann bricht er zusammen. "Wenn ich zwei Jahre so weitergemacht hätte, hätte ich einen Herzinfarkt bekommen."

Die Gestalttherapie habe ihm "den ersten richtigen positiven Schub gegeben". Konkret die Atemübungen. "Es ist beeindruckend zu sehen, wie durch richtiges Atmen Last herunterfällt, wie man lernt loszulassen." Mit den anderen ist er barfuß über eine Wiese am leise gurgelnden Reichenbach gelaufen. "Das hat mir geholfen, Gefühle nach außen zu lassen, mich selbst wieder bewußt wahrzunehmen", sagt der Vierzigjährige, "seit vier Wochen bin ich schmerzfrei. Das erste Mal nach zehn Jahren." Gut hätten ihm auch die Gruppengespräche getan. "Das ist fast familiär und abgeschottet, was dort gesprochen wird, das bleibt da auch." Hilfe anzunehmen, der Gedanke war ihm zuvor fremd. "Ich war gewohnt, alles alleine zu bewältigen. Erst hier habe ich gelernt, Grundlagen zu schaffen, daß auch andere etwas für mich tun können. Zu sagen, mir geht es nicht gut: Könnt ihr mir helfen?"

„Die schlimmste Zeit meines Leben. Aber sie war gut“

Nach einem Belastungswochenende zu Hause - "wo man sehen soll, wie man zurechtkommt" - kehrt er jetzt in den Alltag zurück. In einen anders gestalteten Alltag. "Ich bin entschlossen, Raum und Zeit zu finden, mich um mich selbst zu kümmern. Es ist einfacher, jemanden von außen kennenzulernen als sich selbst", sagt er nachdenklich. ",Das hier ist die schlimmste Zeit meines Leben. Aber sie war gut', habe ich Herrn Mundle gesagt."

Der Arzt nickt verständig. "Es gibt eine rationale und eine emotionale Krankheitsakzeptanz. Und es geht darum, vom Herzen her die Krankheit anzunehmen und ein Grundverständnis zu entwickeln, daß das eine Chance sein kann. Eine Chance, ein Modell zu haben: Wie gehe ich mit mir um, wie mit meinen Schwächen?" Das schützt Arbeitssüchtige.

In überschaubaren Phasen viel zu arbeiten, möglicherweise noch beflügelt durch Endorphine, dagegen sei nichts einzuwenden. Jeder Existenzgründer kennt das. "Kurzfristig im roten Bereich zu laufen, das ist gut, aber das ist wie bei einem Motor. Mache ich das immer, dann wird es schwer", sagt Mundle. "Erfolg macht süchtig. Ich habe äußere Anerkennung, das schafft innere Zufriedenheit. Da findet eine Dopamin-Ausschüttung statt, ein positiver Verstärker, der Mensch will das wieder haben. So gerate ich in die Spirale, in den Teufelskreislauf des Belohnungssystems."

Gesunder Egoismus

Hat jemand ein hohes Leistungs- und Anspruchsideal, dann ist er dafür anfällig. Oft haben diese Menschen früh erfahren, daß es Lob für gute Schulleistung gibt, nicht aber für Beziehung. "Wir schauen uns solche emotionale Schemata an", erklärt Mundle. "Ziel ist es, zu erkennen, wie kann ich mich fordern, ohne mich zu überfordern." Das haben die Patienten verlernt, von denen einige erst überzeugt werden müssen, daß sie Handy und Fax ausschalten und Abschalten ein menschliches Grundbedürfnis ist.

Und daß es einen gesunden Egoismus gibt. Im besten Sinne egoistisch zu handeln, das ist eine Hausaufgabe für Ingrid Sauter (Name geändert). Die Fünfzigjährige kam in ihrem Leben als Politikergattin eigentlich nicht mehr vor. "Ich habe das Leben meines Mannes mitgelebt", sagt die Oberstudienrätin aus der Region Friedrichshafen. Als die drei Kinder aus dem Haus sind, bricht ihr Lebensmittelpunkt weg. Sie wird Alkoholikerin - 1,7 Millionen Alkohlabhängige gibt es in Deutschland, einen riskanten Alkoholkonsum haben 10,4 Millionen Menschen zwischen 18 und 69 Jahren. Die gepflegte Frau - sportlich in Jeans und mit Kurzhaarschnitt - hat anfangs eine große Scheu, sich in der Gruppentherapie zu öffnen. "Mir bringt die Körpertherapie viel, Qi Gong und Akupressurmassagen. Dabei habe ich das früher belächelt."

An diesem Abend soll sie einen Abschiedsbrief an den Alkohol schreiben. Sie soll die negativen Pfeiler formulieren, darüber schreiben, daß der Alkohol klares Denken, freies Reden, unbefangene Freizeitgestaltung verhindert. "Mein Mann darf den lesen, das ist gut, um ins Gespräch zu kommen", sagt sie. Ihr Lächeln ist zaghaft.

Text: F.A.Z., 11.11.2006, Nr. 263 / Seite C1
Bildmaterial: F.A.Z.-Cyprian Koscielniak
 
 
   
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