Die anderen Mitglieder ihres "Kollektivs", wie sie es nannten, gingen eigene Wege. Stromberg und Hack konnten bald von ihrer Firma leben. 1986 heuerten sie den ersten Mitarbeiter an. Heute befindet sich Sodasan in der ostfriesischen Stadt Uplengen und hat 25 Mitarbeiter. Jürgen Hack kümmert sich um das Technische, während sich die Öko-Pionierin Stromberg mit Marketing, dem Kaufmännischen und Personalfragen beschäftigt. Das betriebswirtschaftliche Wissen hat sie sich im Lauf der Jahre angeeignet. Dass große Handelsketten mittlerweile auch umweltfreundliche Ware im Sortiment haben, raubt Kerstin Stromberg nicht den Schlaf: "Grundsätzlich begrüße ich es, dass viele Öko- und Bio-Produkte verkauft werden, wenn die Qualität stimmt."
Längst ist diese Branche nicht mehr so exotisch wie in den siebziger Jahren, da die ersten Bio-Läden öffneten. Gründerinnen wie Stromberg und auch Susanne Schöning, die Chefin des Naturkostunternehmens Zwergenwiese in Silberstedt, haben sich zu höchst professionellen Managerinnen emanzipiert. Als sie anfingen, dachten sie kaum an eine gutbürgerliche Karriere, sondern vielmehr daran, ihr Leben nach ihren persönlichen Werten auszurichten. Schöning stieg regelrecht aus der Gesellschaft aus, wie sie auf ihrer Internetseite schreibt. Sie lebte in einer Landkommune, die sich mit Lebensmitteln selbst versorgte. Weil sie so konsequent bei ihren Wünschen blieben, wirken die Angehörigen dieser ersten Öko-Generation so überzeugend. Zwar betrachteten einige von ihnen den Kapitalismus mit Skepsis, doch nahmen sie ihn mit ihren originellen Geschäftsideen eher beim Wort als weniger kritische Altersgenossen, die in Angestelltenverhältnissen dahindämmerten. Wir wollten uns nicht ,Kornkammer' oder ,Rübchen' nennen Die jüngeren Öko- und Bio-Hersteller sowie der Fachhandel haben sich von dem ideologischen Ballast verabschiedet, welcher der Branche lange anhaftete. "Wir wollten uns nicht ,Kornkammer' oder ,Rübchen' nennen, sondern suchten nach einem modernen Begriff", sagt Sylvia Raabe von der Basic AG, einer Lebensmittelkette mit 22 Märkten in Deutschland und einem in Wien. Basic stehe "für Dinge, die wirklich wichtig sind", sagt Raabe, etwa für Äpfel, Tomaten, Bananen und Milch. Diese Waren werden von den Kunden am häufigsten gekauft.
Laut einer Studie des Marktforschungsunternehmens GfK steigerten die privaten Haushalte ihre Ausgaben für Bio-Produkte von Januar bis September 2006 um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im Jahr 2006 setzte die Branche nach Berechnungen des Kasseler Agrarwissenschaftlers Ulrich Hamm etwa 4,5 Milliarden Euro um, 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Die "Kontrollierte Naturkosmetik" verzeichnete ebenfalls Steigerungen. Dieses Gütesiegel wird vergeben, wenn die Hersteller natürliche Rohstoffe verwenden, auf Tierversuche verzichten und einige andere Richtlinien beachten. Rund 160.000 Arbeitsplätze gibt es nach Angaben des "Presse-Forums Biobranche" in der Erzeugung und dem Handel mit Bio-Produkten und bei Dienstleistern. Zahlen sind schwer zu ermitteln, da in großen Unternehmen oft ein und derselbe Produktmanager sowohl Bio-Milch als auch konventionelle Ware betreut. Der Siegeszug von Bio zeigt sich auch darin, dass kaum noch ein Supermarkt ohne auskommt. Die Handelskette "Plus" begann im Jahr 2002 mit 23 "BioBio"-Produkten und führt inzwischen 120. Das Unternehmen hat auch Naturkosmetik im Sortiment.
Manche alteingesessenen Bio- und Ökohersteller ärgern sich darüber, dass die Handelsriesen nun damit Umsatz machen. Bettina Bockhorst vom Naturkosmetikhersteller Logona betrachtet die Entwicklung allerdings gelassen: "Zu ,Plus' kommen andere Kunden als in den Fachhandel, wo es unsere Produkte gibt." Auch Kerstin Stromberg findet, dass Fachhändler mit besserer Beratung punkten können. "Wenn jemand im Supermarkt fragt, welche Kosmetik er bei einer Zinkallergie benutzen kann, kriegt er kaum eine befriedigende Antwort", glaubt sie. Nachhaltige Arbeitsplätze Die Bio-Branche wirbt für sich mit dem Argument, nachhaltig Arbeitsplätze zu schaffen. Auf den Homepages der Handelskette Alnatura, des Naturkosmetik- und Arzneimittelherstellers Weleda und einiger anderer Firmen sind zumindest beständig Stellenausschreibungen zu finden. Auch ein Trainee-Programm für den Öko-Landbau gibt es (siehe Kasten). Akademiker werden in den Entwicklungsabteilungen, der Qualitätssicherung, dem IT-Bereich, dem Produktmanagement und dem Marketing gesucht. Die Firmen erwarten dieselbe Qualifikation wie ihre konventionelle Konkurrenz. Bewerber sollen sich außerdem für Bio- und Öko-Ware begeistern. Allerdings sei nicht nötig, dass sie damit aufgewachsen sind, meint Sylvia Raabe von der Basic AG: "Jeder sollte die Chance haben, seine Konsumgewohnheiten zu ändern. Unter unseren Kunden gibt es ja auch viele, die vor zehn Jahren noch keine Bio-Produkte gekauft haben." Bei Weleda erwartet man von Pharmazeuten und Mitarbeitern, die in der Forschung tätig sind, nach den Worten der Firmensprecherin Susi Lotz durchaus "ein anthroposophisches Grundverständnis". Nach den Richtlinien dieser Weltanschauung wird bei dem Unternehmen gearbeitet. Als Martina Schmitt ein Kind war, hätte es sich ihre Familie kaum leisten können, nur Bio-Produkte zu kaufen. Sie wuchs mit drei Geschwistern auf. Zu Bio fand die Betriebswirtschaftlerin durch einen Studentenjob bei einem Unternehmen, das hochwertige Gebrauchsgegenstände und Lebensmittel vertreibt. Nach dem Examen wechselte sie zu Alnatura, einer Kette mit 30 Bio-Supermärkten. Schmitt fing als Assistentin an. Inzwischen ist die 32 Jahre alte Frau Produktmanagerin und Chefin von fünfzehn Mitarbeitern zwischen 24 und 41 Jahren. Dass sie nun nicht mehr Gleiche unter Gleichen war, sondern der Boss, sei für sie anfangs recht schwierig gewesen, meint Martina Schmitt. In der Bio-Branche findet man vor allem kleine und mittelständische Unternehmen, wo es oft erstaunlich viele Gestaltungsmöglichkeiten gibt. Während ihre Kollegen im herkömmlichen Handel vom Layout der Verpackung bis zu den Adressen der Lieferanten alles vorgegeben bekommen, diskutiert Schmitt mit ihren Mitarbeitern über neue Ideen für das Sortiment und die äußere Gestaltung der Produkte - und kann sie auch umsetzen. Unter den ersten Bio-Ladengründern gab es viele Quereinsteiger mit abgebrochenem Studium, die sich ihr Wissen autodidaktisch aneigneten. Inzwischen glänzen die Unternehmen durch Professionalität. Schließlich müssen sie Bestimmungen über Lebensmittelsicherheit und vieles andere einhalten. Mehr als bloße Erfüllungsgehilfen Den Firmen kommt zugute, dass sich viele Mitarbeiter stark mit den Geschäftsgrundsätzen identifizieren. Das steigert den Umsatz und verbessert das Betriebsklima. "Bei Alnatura habe ich die Möglichkeit, mich einer Idee anzuschließen", sagt der 1961 geborene Wolfram von Rotberg. "Wir Informatiker sind sonst in der Regel Erfüllungsgehilfen ohne die Gelegenheit, die Werte und Strategien des Unternehmens mitzubestimmen." Der Bio-Branche eilt auch der Ruf voraus, dass sie familienfreundlich sei und Frauen der Aufstieg in die Führungsetage leichtfalle. Die Karrieren von Kerstin Stromberg, Susanne Schöning und einiger anderer legen diesen Schluss nahe. "Es gibt die Tendenz, junge qualifizierte Fachkräfte einzustellen - das Geschlecht spielt dabei keine Rolle", meint allerdings Elke Röder vom Bundesverband Naturkost, Naturwaren, Herstellung und Handel. Bettina Bockhorst sagt von sich, dass sie das Führen von Mitarbeitern nie in einem Seminar gelernt habe. Die Literaturwissenschaftlerin ist Marketingleiterin beim Naturkosmetikhersteller Logona. Nach einigen Zwischenstationen als Journalistin und Texterin landete sie auf einem Posten, der in konventionellen Firmen oft von Betriebswirtschaftlern besetzt wird. Ihre Hemdsärmeligkeit komme ihr dort zupass, meint die 43 Jahre alte Frau: "Für mich stehen nicht Zahlen im Mittelpunkt, sondern die Menschen, die die Produkte kaufen."
Bildmaterial: AP, ddp, F.A.Z. - Cyprian Koscielniak, Franz Bischof
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