 |
| Kind und Karriere? Die Lösung heißt oft Teilzeit |
30. Januar 2008
Die Anfragen von Unternehmen, die Mütter für sich gewinnen wollen, mehren sich. Das beobachtet zumindest Andrea Mohr, Beauftragte für Chancengleichheit der Arbeitsagentur in Frankfurt. "Eine Zeitarbeitsfirma wollte neulich sogar eine spezielle Veranstaltung abhalten, um vakante Stellen mit Berufsrückkehrerinnen zu besetzen." Doch die Sache hatte einen Haken: Das Unternehmen bot nur Vollzeitjobs für sehr flexible Arbeitnehmerinnen an. Mohr winkte daraufhin ab. Da passte etwas nicht zusammen.
Dieser Eindruck lässt sich derzeit häufiger gewinnen, wenn Politiker über Kinder, Unternehmen über Familien und Frauen über das Arbeiten reden. Nicht immer wissen die einen, was die anderen überhaupt wollen. 500.000 neue Krippenplätze, Elterngeld für Väter und Unternehmen, die sich reihenweise als familienfreundlich zertifizieren lassen - all das ist ein Anfang. Doch mit Finanzspritzen und Investitionen in die Kinderbetreuung allein ist es nicht getan.
Laut einer aktuellen Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung sind es vor allem die Arbeitszeiten sowie verständnisvolle Kollegen und Vorgesetzte, die im Kreis der Beschäftigten als wirklich familienfreundlich ankommen - und darüber entscheiden, ob und wann Mütter nach einer Babypause wieder in den Beruf zurückkehren.
Unkonventionelle Lösungen sind gefragt
Am zufriedensten sind Mütter - Kinderbetreuung ist fast immer noch allein ihr Thema - gemäß der Studie mit Wochenarbeitszeiten zwischen 20 und 30 Stunden. Betreuungslücken sind dabei nicht der Grund, warum Frauen ihre Arbeitszeit reduzieren wollen. "Nach meiner Erfahrung orientieren sich die meisten Frauen nach der Geburt ihrer Kinder neu und wollen nicht mehr Vollzeit arbeiten", sagt die ehemalige Unternehmensberaterin und dreifache Mutter Beatrice Thomas.
Dörte Paulys Rückkehr aus der Elternzeit ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich dieser Wunsch in die Realität umsetzen lässt. Als ihr Chef die Kreditspezialistin früher als geplant dringend brauchte, tüftelten sie gemeinsam eine unkonventionelle Lösung aus, damit sie trotz unterschiedlicher Sommerferien ihrer Kinder in Krippe und Kindergarten umgehend mit der Arbeit anfangen konnte. Er schloss mit ihr einen Dreimonatsvertrag für den Frühling ab, nach den Sommerferien der beiden Kleinen nahm sie ihr reguläres 20-Stunden-Arbeitsverhältnis wieder auf. Ihr Kapital: Sie hat Spezialkenntnisse, die die Bank sonst lange suchen muss.
Ich stand schon auf der Abschussliste
Von einer solch unkonventionellen Lösung können andere Frauen nach der Rückkehr aus der Elternzeit nur träumen. "Ich stand schon auf der Abschussliste", berichtet eine Einkäuferin. Ihr Chef wollte sich auf keinerlei Einschränkung der Arbeitszeit einlassen. Sie gab nicht auf, veröffentlichte ihr Stellengesuch im Firmen-Intranet und bekam plötzlich gleich von drei Seiten Einladungen zum Vorstellungsgespräch. "Mein Unternehmen hatte gerade einen generellen Einstellungsstopp verhängt, und da dachten sich wohl manche: Lieber eine halbe Kraft als gar keine."
Noch mehr Probleme hat, wer nicht an seinem angestammten Arbeitsplatz von Voll- auf Teilzeit reduzieren möchte, sondern eine neue Stelle sucht. Stellenanzeigen richten sich fast durchweg an eine unbeschränkt belastbare, mobile und flexible Klientel. "Es gibt in vielen Fachbereichen keinen Markt für Knowhow kleiner als 100 Prozent", weiß die ehemalige Unternehmensberaterin Thomas aus eigener Erfahrung. Zusammen mit einer Partnerin hat sie 2007 eine Vermittlungsplattform für hochqualifizierte Frauen mit Kind namens Profiplaza entwickelt. Die Resonanz unter Müttern sei groß. Auf Unternehmensseite müssten sie allerdings viel Überzeugungsarbeit leisten und Vorschläge machen, wie Aufgaben projektweise erledigt werden können.
Auch die Mütter stehen in der Pflicht
Auch Sven Hennige, Deutschland-Chef des Personalvermittlers Robert Half, kennt die Probleme, die der Teilzeitwunsch bei der Stellensuche mit sich bringt. Wer im Unternehmen bekannt sei, genieße Vertrauen. "Ansonsten erhalten wir wenig Anfragen für Teilzeitbeschäftigung", sagt Hennige. Sylvia Knecht von dem Zeitarbeitsunternehmen DIS hat Ähnliches zu berichten: "Wenn es der Wirtschaft so gut wie jetzt geht und Aufträge schnell abgearbeitet werden müssen, lassen sich verkürzte Wochenarbeitszeiten nicht immer umsetzen."
Arbeitsagentur-Expertin Mohr nimmt nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Frauen in die Pflicht. "Manche Mütter erwarten, dass ihnen die Gesellschaft für ihre familiären Verdienste die Türen auf dem Arbeitsmarkt öffnet." Das sei unrealistisch. "Ihnen muss ich deutlich sagen, dass es dem Unternehmen auf ihren betrieblichen Output ankommt und nicht darauf, ob es ihrer Familie gutgeht."
Neben der realistischen Selbsteinschätzung ist auch Ausdauer bei der Suche nach einem Teilzeitjob erforderlich. Anke Meier, Diversity Managerin des Industrieriesen Henkel, der schon seit vielen Jahren Maßnahmen für Frauen mit Kind vorantreibt, mahnt deshalb zu Geduld. "Wenn die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bis jetzt in einer Firma kein Thema war, wird es viel Zeit und viel Überzeugungsarbeit brauchen, um diese Grundeinstellung nachhaltig in den Köpfen aller Mitarbeiter zu verändern."