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Psychologie Charisma für alle! Von Gunda Achterhold
Mit dem Charisma verhalte es sich wie mit der Pornographie, schreibt der Journalist Gero von Randow: "Sie ist schwer zu definieren, aber unschwer als solche zu erkennen." Jedem fallen auf Anhieb charismatische Persönlichkeiten ein. John F. Kennedy, klar, und Nelson Mandela, Gandhi oder Willy Brandt. Schillernde Figuren der Zeitgeschichte, denen eine ganz besondere Aura zugeschrieben wird. Ein Begriff, dem etwas Mythisches anhaftet - selbst wenn er inzwischen geradezu inflationär verwendet wird. Abteilungsleiter stehen Schlange
Während sich die Wissenschaftler am Wesen des Charismas noch die Zähne ausbeißen, stehen Abteilungsleiter und Nachwuchsmanager Schlange, um in Seminaren ein wenig von dieser geheimnisvollen Kraft zu erhaschen. Das Geschäft mit der ursprünglich religiös verstandenen "Gnadengabe" blüht. Die Fähigkeit, andere Menschen inspirieren, überzeugen und führen zu können, steht in der modernen Gesellschaft hoch im Kurs. Die gute Nachricht gleich vorweg: Selbst schüchterne Typen können in puncto Ausstrahlung mächtig aufholen. Lichtgestalten werden sie deshalb zwar nicht, aber es geht ja auch eine Nummer kleiner. Selbst aufgeschlossenere Menschen sind schon froh, wenn sie einfach ein bißchen besser rüberkommen in Studium, Beruf und Gesellschaft. "Ausstrahlung kann man lernen, Charisma nicht." Mit dieser Feststellung liegt Managementtrainer Rolf H. Ruhleder auf einer Linie mit Psychologen und Sozialwissenschaftlern. Am Eindrucksmanagement läßt sich feilen
Am "Eindrucksmanagement" läßt sich feilen, so der Tenor, aber der wahre Charismatiker leuchtet von innen. Lassen sich Ausstrahlung und Charisma denn so einfach trennen? "Der Übergang ist nahtlos", sagt Ruhleder, der viele Prominente aus Politik und Wirtschaft für den öffentlichen Auftritt "bunt angemalt" hat. "Ich habe so viele Menschen getroffen, die völlig authentisch wirken und sich dieses Verhalten mit Sicherheit antrainiert haben." Souveränität, Wortgewandtheit oder das Talent, freundlich und offen auf andere zugehen zu können - eine charismatische Begabung setzt sich aus einer Summe von Fähigkeiten zusammen. Auch wenn sich die Wirkung der komplexen Eigenschaft nicht so einfach auf einen Nenner bringen läßt: Einzelne Faktoren wie Körpersprache, Ausdruck und Erscheinung lassen sich durch Selbstbeobachtung und Training nachhaltig verbessern. "Äußerlichkeiten bestimmen zu über fünfzig Prozent den Erfolg unseres Auftretens", betont Ruhleder und verweist auf die Macht des Faktischen. Stimme wichtiger als Inhalte Vierzig Prozent sind dem Klang der Stimme geschuldet. Inhalte dagegen sind weniger relevant. Gerade mal sieben Prozent der Ausstrahlung eines Menschen haben mit dem zu tun, was er sagt. Da lohnt es, sich genau hinzuschauen, woraus Charismatiker ihre Überzeugungskraft beziehen. "Sie wollen nicht cool sein", sagt Heiko Ernst, Chefredakteur der Zeitschrift "Psychologie heute", der sich als Autor ausführlich mit dem Thema beschäftigt hat. "Sie sind keine Abwarter und setzen den Faktor Gefühl ein." Paradebeispiel ist Bill Clinton. Nie würde er sagen "Ich kann Ihren Standpunkt gut verstehen" . Der ehemalige amerikanische Präsident kann "den Schmerz" seines Gegenübers "nachfühlen". Und das, ohne peinlich zu wirken. Charismatische Menschen sprechen in Bildern, die an große Gefühle appellieren, und machen sich dadurch zu Trägern von Hoffnungen und Sehnsüchten. Diesen Wirkungsmechanismus zu kennen heißt noch lange nicht, ihn auch anwenden zu können. "Für Charisma gibt es kein Rezept", betont Diplompsychologe Ernst. Es ist wohl eine Mischung aus Technik und Persönlichkeit. "Man kann Gutes verstärken, Schwächen ausgleichen, aber man sollte angeborene Eigenschaften nicht zu stark gegen den Strich bürsten." Wer eher vorlaut ist und witzig, wirkt wenig überzeugend, wenn er plötzlich auf gravitätisch macht. Im Gegenteil. Charismatiker ziehen Menschen in den Bann, weil ihr Interesse, ihre Begeisterungsfähigkeit ehrlich wirken. Im Gegensatz zu Narzißten, die ebenfalls aktiv, selbstbewußt und von ihrer Sache überzeugt sind, gehen sie auch mit ihren Macken offensiv um. Wer will sich schon mit einem Perfektionisten identifizieren? Brandt war schüchtern, Churchill ein Stotterer Viele der großen Charismatiker haben ihre Schwächen gehabt. Der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt war im Grunde ein schüchterner Mensch, aber auf Massen wirkte er phänomenal. Winston Churchill war Stotterer, und Bill Clinton erlebt allen Affären zum Trotz derzeit ein sensationelles Comeback. Ihren Weg zum Alphatier mußten sie sich mühsam bahnen. Was in der Öffentlichkeit offenbar als ganz besonders authentisch wahrgenommen wird. Doch nicht nur ein besonders hohes Maß an persönlichem Charme und Ausstrahlung spielt eine Rolle. Die Zeit muß reif sein. Mit einer einzigen Rede entmachtete Lafontaine seinen Parteikollegen Rudolf Scharping im Handstreich. Typischerweise schwingen sich Charismatiker vor allem in Krisen und Umbruchsituationen zu voller Größe auf. Andere in den Bann ziehen zu können ist allerdings eine Qualität, die so befeuernd wie verheerend sein kann. Nicht nur Martin Luther King oder Johannes Paul II. konnten mit ihren Ideen die Bevölkerung begeistern, auch Adolf Hitler und Mao Tse-tung haben Millionen in eine Massenhysterie versetzt. Um seine Wirkung entfalten zu können, braucht der Charismatiker mindestens zwei Voraussetzungen: eine bestimmte Situation und ein Publikum, das positiv auf ihn reagiert. "Im kleinen Maßstab gelingt es immer wieder, charismatisch zu sein", stellt Psychologe Heiko Ernst fest. Ein Ingenieur kann sein Team zu Höchstleistungen animieren, ein Unternehmer seinen Betrieb aus der Krise führen. Doch solche Erfolge lassen sich nicht beliebig verlängern. "Es gibt schwierige Phasen, Momente der Depression, in denen ein ansteckender Enthusiasmus entscheidend ist, um das Rad zu wenden", so Ernst. "Aber Charismatiker sollten ihre Aufgabe als Projekt verstehen." Wie Jürgen Klinsmann, der mit seinem Schwung die ganze Nationalmannschaft mitgerissen hat. Um nach erfolgreichem Abschluß den Arbeiter Löw ans Werk zu lassen. Die Euphorie des WM-Sommers hätte sich vermutlich bald abgenutzt. Ganz und gar uncharismatische Menschen können also aufatmen. Auch sachliche Typen finden ihre Nischen und haben Erfolg.
Bildmaterial: AP, duey - FOTOLIA |
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