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Studium und Arbeit in Polen Lockruf aus dem Osten Von Jan und Katarzyna Opielka
Steffen Möller macht es vor. Der gebürtige Wuppertaler, der im Jahr 1994 im Alter von 25 Jahren nach Polen gezogen ist, hat in dem Land eine atemberaubende Karriere hingelegt. Zunächst Deutschlehrer und Dozent für deutsche Sprache in Warschau, machte der Philosoph und Theologe nach und nach sein Hobby zum Beruf und wurde Kabarettist und Schauspieler, der in polnischen Unterhaltungssendungen und TV-Serien den unkonventionellen Deutschen gibt - und so in Polen eine immense Popularität erreicht. Mittlerweile schwappt sein Ruhm auch in seine alte Heimat, das Buch Viva Polonia. Als deutscher Gastarbeiter in Polen war auf deutschen Bestseller-Listen vorn dabei (Bringt polnischen Schülern mit Humor die deutsche Sprache bei!). Möller gehört jedoch einer seltenen Spezies an. Denn nach wie vor sind es nur wenige Deutsche, die den Sprung über die Oder wagen - sei es für einen Arbeitsplatz oder das Studium. So haben sich 2006 nur rund 4000 Deutsche für einen längeren Aufenthalt angemeldet. Und unter den 13.700 Ausländern, die polnische Hochschulen im laufenden Studienjahr als Bildungsstätten wählen, sind gerade mal 400 Deutsche. Der Anteil ausländischer Studierender wächst zwar schnell, allerdings auf niedrigem Niveau. Studium auch für Ausländer gebührenfrei
Dabei ist das Studien-Angebot groß. Mehr als 300 staatliche und private Hochschulen gibt es in Polen, ein Regelstudium an den staatlichen Einrichtungen ist auch für Ausländer gebührenfrei. Die Studiengänge werden in der Regel so angeboten, dass Leistungen europaweit im Europäischen Credit-Point-System ECTS angerechnet werden können. Zwischen Deutschland und Polen gibt es zudem ein Äquivalenzabkommen, dass die Anerkennung von Studienleistungen und Abschlüssen regelt. Neben klassischen Volluniversitäten sind für deutsche Studierende auch einzelne Spezialangebote interessant, bei denen in internationalen Verbünden gelehrt wird. So bieten die deutsch-polnische Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder und das Collegium Polonicum Slubice grenzüberschreitende Lehre und Forschung. Die Neisse University wiederum offeriert ein trinationales Studium im Informations- und Kommunikationsmanagement, Studienorte sind Deutschland, Polen und Tschechien - Studiensprache: Englisch. Wiebke Rohrer wählte es klassisch. Die 31-jährige Archäologin hat den einjährigen Studienaufenthalt in Polen in vollen Zügen genossen und genutzt - und profitiert weiterhin davon. Neugier und der Wille, ihre Grundkenntnisse der polnischen Sprache auf ein höheres Niveau zu heben, haben sie nach Poznan verschlagen, eine der prosperierenden polnischen Großstädte. Ich habe in Polen vor allem meine Nische gefunden, sagt Rohrer. Die Polen freuten sich unheimlich darüber, wenn Ausländer auch nur zwei Sätze Polnisch von sich geben - eine wichtige Motivation zum Spracherwerb, wie sie sagt. Überhaupt sollte man sich bei einem befristeten Studienaufenthalt weniger auf das Studium konzentrieren, als auf die Sprache und das, was das Leben zu bieten hat, sagt sie schmunzelnd. Der Aufenthalt hat sie auch beruflich weiter gebracht, seit 2004 arbeitet sie in Marburg im Herder-Institut, einer der größten Einrichtungen in Deutschland für historische Mittel- und Osteuropaforschung. Hier nutzt sie Ihre Sprach- und Fachkenntnisse aus Polen - und ein Mehrwert für ihre Dissertation fällt auch noch ab. Technische Berufe gefragt Neben einem Studium sind aber auch Arbeitsaufenthalte für Deutsche in Polen zunehmend eine Alternative; der polnische Arbeitsmarkt ist für sie seit Januar 2007 uneingeschränkt offen (In Polen sind die Deutschen einfach billiger). Die Arbeitslosigkeit in Polen hat in den vergangenen Jahren massiv abgenommen und betrug im Februar 2008 nach Eurostat-Berechnungen 7,7 Prozent. Zum Vergleich: Im Jahr 2004 lag die Quote noch bei 19 Prozent. Manche Städte, vor allem die großen Agglomerationen wie Warschau, Katowice und Poznan, verzeichnen Arbeitslosenraten von unter 4 Prozent. Das Wirtschaftswachstum im Jahr 2007 betrug 6,6 Prozent. Und es fehlen Fachkräfte (Auch in Mitteleuropa fehlen Fachkräfte). Laut einer Studie der deutschen Auslandskammern (AHK) sowie Kienbaum Management Consultants über Mittel- uns Osteuropa wird die Verfügbarkeit von Ingenieuren, Technikern und Anwendungsprogrammierer in Polen momentan gerade einmal als ausreichend bewertet. Nach einer Untersuchung der polnischen Marktforschungsgesellschaft TNS OBOP von 2007 fehlen an hochqualifizierten Akademikern vor allem Maschinenbau-, Elektro-, Bau- und Umweltschutzingenieure. Aussichten auf Beschäftigung haben auch Informatiker sowie Bergbau- und Nahrungsmittelingenieure. Gute Karrierechancen gibt es der Studie zufolge für Ambitionierte vor allem bei polnischen Unternehmen - sie zahlen häufig nicht nur besser als die ausländischen, sondern haben Firmensitz und mögliche Top-Positionen in Polen. Glaubt man Maria Montowska, Mitglied der Geschäftsführung der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer in Warschau, lohnt es sich für Deutsche in der Perspektive auf jeden Fall, in Polen zu arbeiten. Der polnische Arbeitsmarkt ist zwar nicht so stabil wie der deutsche, doch viele Branchen müssen und wollen sich schnell entwickeln, um den Anschluss an die Mitgliedsländer der Alt-EU zu erreichen. Vor allem in den Bereichen Finanzen, Informatik, Verwaltung, Bau- und Bildungswesen kann man hier viel erreichen, sagt Montowska. Allerdings sei die Kenntnis der polnischen Sprache Voraussetzung, als unentbehrliche Zweitsprache gelte Englisch, Deutsch liege von der Bedeutung her in der Regel an dritter Stelle. Der Vorteil, in Polen studiert zu haben und dann mindestens zwei Länder zu kennen, falle bei Bewerbungen besonders stark ins Gewicht, sagt Monika Hepner-Jaworska, Beraterin der europaweit aktiven Job-Vermittlung Eures in der Industrieregion Slask (Oberschlesien). Deutsche Unternehmen, die sich neu in Polen ansiedeln wollen, suchen Leute vor Ort, denn sie sollen sich in der jeweiligen Region auskennen. Es werden aber auch erfahrene Mitarbeiter ins Land mitgebracht, meint die Eures-Beraterin. Allerdings sind es in Polen momentan fast die gleichen Branchen, die händeringend Leute suchen, wie in Deutschland und im übrigen Europa, räumt Hepner-Jaworska ein. Die Sache mit den Löhnen Dies ist wohl ein Grund, warum sich bislang nur wenige Deutsche in dem Land östlich der Oder versuchen. Ein anderer ist sicherlich die Vergütungssituation. Denn trotz rasanter Zunahme der Verdienste von zuletzt zehn Prozent pro Jahr im Schnitt aller Branchen, bewegen sich die Einkommen von Arbeitnehmern im mittleren Einkommensbereich bei gut einem Drittel der deutschen Entgelte (Gehaltszuwächse in Polen). Insbesondere Berufseinsteiger müssen sich mit den relativ geringen Einkommen auseinandersetzen, vor allem auf den niedrigeren Stufen der Karriereleiter, denn die niedrigeren Lebenshaltungskosten in Polen kompensieren die geringeren Bezüge immer weniger, bestätigt Montowska. Zugleich resultiert aus der Kienbaum-Studie, dass Vergütungen in Mittel- und Osteuropa insgesamt, und besonders in Polen und Russland, zwei- bis fünfmal so rasch wachsen wie in Westeuropa und sich mit großen Schritten dem westeuropäischen Niveau annähern. Städte wie Warschau liege dabei ganz vorn. Rainer von Daak ist trotz geringerer Bezüge hochzufrieden mit seinem Leben in Polen. Seit 2001 lebt der technische Ingenieur in Polen und sieht viele Perspektiven. Es ist mittlerweile kein Problem, in Polen eine Arbeit zu finden, sagt der 43-Jährige. Es sei für den beruflichen Erfolg jedoch elementar, die polnische Sprache zu beherrschen, dann würde man in Polen schnell akzeptiert. Und noch mehr sagt der Wahl-Warschauer: Ich habe erlebt, dass es für viele polnische Unternehmen eine Ehre ist, dass sich ein Deutscher bei Ihnen bewirbt oder für sie arbeitet. Der Elektronik-Experte sieht das Made in Poland auf dem Vormarsch - viele im Ausland wüssten das nur noch nicht. Bildmaterial: ddp, dpa |
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