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Arbeitnehmer

Der Urlaub ist eine heilige Kuh

Von Christian Siedenbiedel



Der Urlaub dient der Erholung: So hat es der Gesetzgeber festgeschrieben
23. Juli 2007 
Das Institut der deutschen Wirtschaft hat sich dieses Jahr richtig Ärger eingehandelt. Dabei wollten die Mitarbeiter doch nur einen kleinen Aprilscherz machen. Sie schickten eine Meldung über den Ticker, das Institut fordere die Streichung von einer Woche Urlaub für alle, mit der Begründung, wer weniger freihabe, könne auch weniger wegfliegen. So könne man den Kohlendioxidausstoß verringern – und das Klima schonen

Die Proteste waren erheblich – so wie immer, wenn es jemand wagt, das Thema Urlaubskürzung anzusprechen. Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller musste schon dieselbe Erfahrung machen wie die Bauarbeitgeber, der Bundesverband des Groß- und Außenhandels oder Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD), der im vorigen Jahr vorgeschlagen hatte, auf Ferientage zugunsten der Rente zu verzichten: Der Urlaub ist den Deutschen heilig. Unternehmensberater empfehlen ihren Mandaten daher bisweilen schon, selbst in schwierigen Zeiten lieber bei anderen Punkten zu kürzen. Das sorge für weniger Konflikte.

Bis zu sieben Tage Unterschied

Im Durchschnitt kommen die Arbeitnehmer in Deutschland auf einen Urlaubsanspruch von 30 Tagen im Jahr, wie die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung in einer Erhebung für 2007 festgestellt hat. Fragt man bei Arbeitgebern in der Region nach, so erfährt man von leichten Unterschieden. Während die Tarifangestellten der Banken beispielsweise alle Anspruch auf 30 Tage Urlaub haben – mehr gibt es beispielsweise bei der Frankfurter Sparkasse nur für Schwerbehinderte –, steigen die Ansprüche in anderen Branchen mit dem Lebensalter oder der Betriebszugehörigkeit. Das kann bis zu sieben Tagen Unterschied zwischen Älteren und Jüngeren ausmachen.

Unter dem Durchschnitt liegen etwa Arbeiter und Angestellten in der hessischen Landwirtschaft und die Beschäftigten im hessischen Hotel- und Gaststättengewerbe. Hier gibt es Mitarbeiter, die mit 22 beziehungsweise 26 Urlaubstagen auskommen müssen, auch der Einzelhandel (umgerechnet auf eine Fünf-Tage-Woche) und das Gebäudereiniger-Handwerk liegen unter dem Schnitt. Bei der Bahn fängt man mit 25 Tagen an. Wenn man 30 wird, bekommt man drei Tage Urlaub mehr, von 40 Jahren an noch einen. In Industrieunternehmen soll der Durchschnitt bei 29,8 Tagen im Jahr liegen – mehr übrigens als in den meisten anderen europäischen Ländern.

Wo es Schichtdienst gibt, wie beim Flughafenbetreiber Fraport, kann man durch selbigen zum Teil Anspruch auf zusätzlichen Urlaub erwerben. Ansonsten hat man, wie im Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst vorgesehen, 26 bis 30 Tage. Bei der Stadt Frankfurt hingegen gibt es noch eine Sonderregelung für Menschen, die älter als 50 Jahre sind: Sie können 33 Tage Urlaub nehmen.

Kürzungen in Krisenzeiten

Weniger Urlaubsansprüche haben die Beschäftigten zum Teil nach der Ausgliederung von Unternehmensteilen. Die Gewerkschaft Verdi kritisierte das wiederholt als eine Gefahr für die Beschäftigten bei Banken, bei Zeitungen, in Callcentern oder bei der Telekom. Auch wo neue, stärker auf Selbständigkeit setzende Arbeitsformen traditionelle Beschäftigungsverhältnisse ersetzten, habe das oft Auswirkungen auf die Möglichkeit, bezahlten Urlaub zu nehmen.

Wenn ein Unternehmen hingegen wirtschaftlich stark unter Druck gerät, einigen sich Unternehmensleitung und Beschäftigte bisweilen in langen Verhandlungen darauf, den Urlaub als Beitrag zur Beschäftigungssicherung zu kürzen – beim Porzellanhersteller Rosenthal beispielsweise ebenso wie beim Computerproduzenten Fujitsu Siemens.

Bei weitem nicht alle Urlaubstage, auf die Arbeitnehmer Ansprüche hätten, werden indes genommen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung sprechen von rund zwei Urlaubstagen pro Jahr und Kopf, die verschenkt würden – mit großen Unterschieden je nach Position. In einer Talkshow im Fernsehen war übrigens unlängst ein Unternehmer zu sehen, der vehement dafür plädierte, zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft die Urlaubsansprüche kräftig zurückzufahren. Als er gefragt wurde, ob er genauso reden würde, wenn er in der Tourismusbranche tätig wäre, stutzte er einen Moment. Und meinte dann ganz ehrlich: „Natürlich nicht.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP
 
 
   
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