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Unternehmen des Monats

Männerdomäne Ingenieursberufe

Er forscht, sie hilft ihm dabei

Von Josefine Janert



Naturwissenschaft statt Modedesign - unter deutschen Frauen noch die Ausnahme.
06. November 2006 
An ihren Schulunterricht kann sich Hannah Schmidt-Glenewinkel noch gut erinnern. Einen guten Mathematiklehrer hatte sie, der konzentrierte sich auf das Fachliche. Ob eine kluge Antwort von einem Mädchen oder einem Jungen kam, das war ihm egal. Bei anderen Lehrern war die Stimmung anders, „da habe ich manchmal von der Klasse Hohn und Spott geerntet, wenn ich wissen wollte, wie der Beweis für diese oder jene Formel war“, sagt die 26 Jahre alte Frau. Einige Mitschüler konnten nicht begreifen, warum sich ein Mädchen dafür interessiert. „Das hat meinen Kampfgeist erst recht angestachelt“, erinnert sich Schmidt-Glenewinkel. Sie schrieb sich an der Universität Greifswald für das Fach Biomathematik ein, flog zweimal zu Studienaufenthalten in die Vereinigten Staaten. Inzwischen promoviert sie am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

Mangel an Vorbildern

Hannah Schmidt-Glenewinkel ist begabt und selbstbewußt und leider eine große Ausnahme. In naturwissenschaftlichen Berufen sind Frauen in Deutschland in der Minderzahl. Sie begeistern sich eher für Sprachen, Literatur. Im vergangenen Wintersemester waren etwa für die Romanistik 6825 Frauen und 1680 Männer eingeschrieben. Bei den Juristen überwogen leicht die Frauen, hingegen saßen in den Informatik-Seminaren nur 10 744 Frauen und 67 626 Männer. Nicht einmal jeder zehnte deutsche Ingenieur ist eine Frau. Damit liegt die Bundesrepublik weit unter dem Durchschnitt der Europäischen Union und hinter Ländern wie Irland, Griechenland, Portugal und Frankreich.

Schmidt-Glenewinkel meint, daß es den technikbegeisterten Schülerinnen und Studentinnen an weiblichen Vorbildern mangele. In den Medien würden laufend männliche Experten interviewt. „Selbst bei einem Forscherehepaar wird der Eindruck erweckt, daß der Mann wissenschaftlich arbeite und die Frau ihm dabei helfe“, urteilt sie. An der Universität Greifswald hatte sie auch nur männliche Mathe-Professoren. Wie stark sie davon geprägt war, merkte sie erst in den Vereinigten Staaten. Da hielt sie die Frau im Dekanatsbüro für die Sekretärin. „Es ging gar nicht in meinen Kopf, daß es die Dekanin war“, erzählt Schmidt-Glenewinkel.

Pupertierende bevorzugen Modedesign

Es ist ja keinesfalls so, als schere sich in Deutschland niemand um das Problem. Seit Jahren schon fördert der Staat Initiativen, mit denen schon Schülerinnen für Physik, Chemie und das Basteln mit Lötkolben begeistert werden sollen. Eine davon ist in Rheinland-Pfalz erfolgreich. Sie wurde nach Ada Lovelace benannt, die sich im 19. Jahrhundert mit der Programmierung von Rechenmaschinen beschäftigte. Franziska Fellenberg, die das Ada-Lovelace-Projekt in Trier koordiniert, weiß, wie stark sich kulturelle Prägungen und die Erziehung auswirken. „Technikbegeisterte Mädchen werden von ihren Eltern nicht so ermutigt wie Jungen“, sagt die Psychologin. „Gerade in der Pubertät identifizieren sich außerdem viele mit ihren Geschlechtsgenossinnen, die eher Sprachen und Modedesign studieren wollen.“ Die jungen Frauen möchten unbedingt dazugehören zur Clique, auch, wenn sie dafür ihren Traumberuf aufgeben müssen. Das Ada-Lovelace-Projekt steuert dagegen, etwa mit Technikworkshops und einem Mentoringprogramm. Studentinnen erklären Schülerinnen, warum sie sich für Fächer wie Informatik entschieden haben.

Kreative Frauen wollen Praxisbezug

In der Fixierung männlicher Lehrkräfte auf die Jungen sieht auch Stephan Pfisterer von Bitkom, dem Branchenverband der Computer- und Telekommunikationsindustrie, eine Ursache für das Dilemma. „Wenn sie es erst einmal auf die Hochschule geschafft haben, erzielen Frauen in technischen Studiengängen ebenso gute Ergebnisse wie ihre Kommilitonen“, sagt er. Pfisterer verweist noch auf einen anderen Aspekt: Als die Informatik noch in den Kinderschuhen steckte, arbeiteten erstaunlich viele Frauen mit. Offenbar schätzten sie das kreative Potential der Datenverarbeitung. Erst als in den siebziger Jahren der wirtschaftliche Nutzen offenbar wurde, drängten viele Männer in die Branche.

Frauen sind gern kreativ und wollen den Praxisbezug naturwissenschaftlicher Arbeit erkennen, Männer begeistern sich hingegen für die Grundlagenforschung und für technische Detailfragen. Das zeigt sich auch bei den Ingenieurinnen. Nach Angaben des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) sind die Frauen im Maschinenbau und der Elektrotechnik noch stärker unterrepräsentiert als etwa im Bauwesen und in der Architektur, wo sie eigene Ideen wohl besser umsetzen können. Daß es so wenig Frauen in der Branche gibt, ist nach Ansicht von VDI-Sprecher Michael Schwartz auch eine Folge davon, daß die Kinderbetreuung vielerorts schlecht geregelt sei.

Wissenschaftlerinnen betreuen Kinder

An der Universität Karlsruhe gibt es seit dem vergangenen Jahr eine Kita mit immerhin 25 Plätzen für den Nachwuchs von Studenten und Angestellten. Dank der naturwissenschaftlichen Forschung setzte sie sich im Exzellenzwettbewerb durch und gilt nun als Elitehochschule. Frauen, die Professorin werden wollen, werden in Karlsruhe und an der RWTH Aachen unter anderem durch das Tandem-plus-Programm gefördert. Erfahrene Wissenschaftlerinnen betreuen den Nachwuchs. Neben vielem anderen lernen die Frauen außerdem, sich durch bessere Vortrags- und Redetechniken im Meeting gegen ihre männlichen Kollegen durchzusetzen.

Ob das wohl hilft auf dem Weg zum Nobelpreis? Hannah Schmidt-Glenewinkel scheint jedenfalls auch ohne Rhetoriktraining gut klarzukommen. Im vergangenen Jahr hatte Schmidt-Glenewinkel einen Lehrauftrag für Mathematik an der Universität Heidelberg. In ihren Seminaren saßen Studienanfänger. „Die Studentinnen waren wißbegierig und beteiligten sich rege an der Diskussion“, berichtet sie. Die Männer würden ihre Kommilitoninnen nicht belächeln. Wenn sie endlich an der Hochschule sind, erwartet diese junge Frauen jedenfalls mehr Gleichberechtigung als die Generationen vor ihnen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Fotolia
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [2]
War das Bild von Mozart oder Goethe? 06.11.2006, 10:22
warum sind "Frauendomänen" normal.... 06.11.2006, 03:16
 
   
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