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Die beliebtesten Ziele (7) Mehr als die Lust am Surfen Von Christoph Hein
Das Paar aus dem Westfälischen ist Ende zwanzig, sie hat ihr Referendariat als Gymnasiallehrerin abgeschlossen, er ist Software-Ingenieur. Und dann brechen sie auf zum Südzipfel Australiens, nach Adelaide. Dort arbeitet sie heute an der Rezeption des Hyatt-Hotels und er als Fahrer für eine Computerfirma. Sie haben nur noch ein Viertel ihres vorherigen Gehalts. Und doch sagen beide: Wir bleiben hier. Wir haben uns noch nie so wohl gefühlt wie in Australien. Die Freiheit, die Freundlichkeit der Menschen, die Chance, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, das sind die Sehnsüchte, die ans andere Ende der Welt, nach Australien oder nach Neuseeland, locken. Dass man Down under noch einmal von vorne anfangen muss; dass man die Sicherheit einer Betriebsrente, gar des Beamtenstatus hinter sich lässt; dass der Lebensstandard in der Regel geringer ist: alles vergessen, wenn Sand und Sonne und Surfen locken. So das Klischee. Viel Platz zur Entfaltung
Die Probleme werden allzu leicht übersehen: Der Urlaubsflug zum 80. Geburtstag des Vaters dauert 30 Stunden und kostet viel Geld. Die Zeitverschiebung verschlingt wertvolle Urlaubstage und erschwert das Telefonieren. Freunde kommen nicht allzu oft zu Besuch, denn auch für sie liegt der fünfte Kontinent weit entfernt. Und Karriereförderer sind heute - wenn überhaupt - befristete Stellen in China oder Indien, nicht aber in Sydney oder Wellington. Zudem greift in beiden Ländern die Immobilienspekulation um sich, der Aktienmarkt hat viele Australier reich gemacht. Diesen Reichtum bekommt zu spüren, wer in die Metropolen ziehen will. In das "old boys network" einzudringen, das sich aus den Schulen in Sydney und Melbourne speist, ist Ausländern eh unmöglich. Gleichwohl können sie zumindest an einem lange währenden Aufschwung teilhaben. Beide Länder weisen seit Jahren ein beträchtliches Wirtschaftswachstum aus. Im dritten Quartal legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Australiens um 2,2 Prozent zu. Die Arbeitslosigkeit liegt mit 4,6 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit drei Dekaden. Allein im Dezember wurden 30 000 neue Stellen geschaffen. Nicht jeder neue Einwohner ist willkommen In Neuseeland liegt die Arbeitslosigkeit gar nur bei 3,8 Prozent. Das BIP legte dort zwischen Juli und September um 1,4 Prozent zu. Zwar sinkt die Geschwindigkeit des Wachstums, doch ist eine Rezession nicht in Sicht. Mit gut vier Millionen Einwohnern in Neuseeland und 20 Millionen in Australien bieten beide Länder viel Platz zur Entfaltung. Das Image der Nachbarinseln kommt der Wirklichkeit recht nah: Naturverbundenheit und Sport werden großgeschrieben. Das Einkommen zählt in Neuseeland noch nicht so viel wie in den Metropolen Europas, zumal das Land mit gut 20 000 Dollar BIP pro Kopf deutlich hinter seinem europäischen Vergleichsstaat Großbritannien mit mehr als 30 000 Dollar zurückbleibt. Noch lange nicht jeder indes ist den so touristenfreundlichen Staaten als neuer Einwohner willkommen. Australien und Neuseeland suchen Fachkräfte. Neuseeland etwa hat eine Liste mit 565 erwünschten Qualifikationen - von der Krankengymnastin bis zum Spezialisten für Feueralarm-Technologie. Aotearoa, die Inseln unter der weißen Wolke, verzeichnen eine Nettozuwanderung von knapp einhunderttausend Menschen jährlich - die meisten von den umliegenden Pazifikinseln. Hier einen Job zu finden führt in der Regel schnell zu persönlichen Beziehungen, denn 96 Prozent der neuseeländischen Betriebe haben weniger als 20 Mitarbeiter. 45 - die magische Altersgrenze Der Idealtypus des Einwanderers nach Australien ist aus Behördensicht nicht älter als 25 Jahre, hat eine Lehre zum Friseur und danach ein Vollstudium in Anglistik absolviert, möglichst zwei Semester davon in Australien, und nun mindestens sechs Jahre Berufserfahrung als Friseur. Alkoholiker, Diabetiker, Gewalttäter darf er nicht sein, aber dafür willens, mindestens zwei Jahre im Busch zu leben. Danach liegt ihm Sydney zu Füßen. Da solche Menschen aber nicht täglich an die Türen von Australiens Einwanderungsstelle klopfen, macht die sich auf die Suche und veranstaltet Seminare in den Metropolen des Auslands. Wer einwandern will, begibt sich in einen extrem regulierten Bereich. Sie müssen Kurse machen, Prüfungen ablegen, Zeugnisse übersetzen lassen. Zuallererst aber müssen Sie dem Anforderungsprofil Australiens entsprechen, sagt James Alan Hall. Als Migration Agent ist er einer der offiziellen Makler für Einreisevisa. Umgerechnet 3500 Euro kassiert er dafür, den Visumprozess zu übernehmen. Die Erfolgsquote liege dafür bei fast einhundert Prozent - aussortiert wird im Vorfeld. Für die attraktivsten Visumformen gilt ein Punkteschema. Wer nicht auf 120 Punkte kommt, braucht erst gar keinen Antrag einzureichen. Hält man aber das Visum als Fachkraft ("skilled labour") in der Hand, stehen einem praktisch alle Türen offen. Sie müssen dann nicht arbeiten, sie können auch am Strand leben, scherzt Hall. Der Neuankömmling, obwohl nur permanent resident, genießt unter diesem Visumschema gleichwohl nach zwei Jahren Aufenthalt denselben Schutz wie ein Citizen. Eine Grundregel indes ist nahezu unumstößlich: "Die magische Zahl ist 45: Wer älter ist, wird es sehr schwer haben, überhaupt noch ein Visum zu bekommen", sagt Hall. Text: F.A.Z., 20.01.2007, Nr. 17 / Seite C5Bildmaterial: AP, F.A.Z. |
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