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Selbständigkeit

Die Stunde der Gründerinnen

Von Henrike Roßbach




09. Januar 2008 
Frauen können im Berufsleben über so manches klagen. Zum Beispiel darüber, dass sie in vergleichbaren Positionen weniger verdienen als Männer. Oder dass ihnen die berühmte gläserne Decke den Weg nach oben versperrt. Dass das schicke Wortpaar "Kind und Karriere" in den Talkshows zu Gast ist, im Weltbild der Chefs aber höchstens als Irrtum der Evolution einen Auftritt hat. "Wenn's Euch nicht passt, dann geht doch!" - unterschwellig oder explizit haben das viele Frauen schon gehört. Und: Immer mehr gehen wirklich. Aber nicht, um der Arbeitswelt adieu zu sagen, sondern um sich ihre eigene zu schaffen. Sie gründen ein Unternehmen.

Zwar sind nach wie vor nur etwa 9 Prozent aller erwerbstätigen Frauen hauptberuflich selbständig, während es von den Männern mehr als 14 Prozent sind. Trotzdem hat sich in den vergangenen Jahren einiges bewegt. Nach den Daten des Statistischen Bundesamts waren 1996 in Deutschland rund 671 000 Frauen im Haupterwerb selbständig. Neun Jahre später waren es schon 829 000, ein Plus von 23,5 Prozent. Bei den Männern stieg die Zahl im gleichen Zeitraum nur um 12,2 Prozent. Es sind zwar wesentlich mehr Männer als Frauen hauptberuflich ihr eigener Chef - 2005 waren es 2,6 Millionen. Aber der Anteil der Frauen an allen Vollzeit-Selbständigen ist leicht gestiegen. Besonders stark sind Frauen auf dem Vormarsch, wenn es um den sogenannten Zuerwerb geht. Selbständigkeit in Teilzeit, neben einer nicht auf den Erwerb ausgerichteten Haupttätigkeit, beispielsweise der Kindererziehung.


"Frauen haben eine andere Herangehensweise an das Gründen", sagt Iris Kronenbitter, Projektleiterin der Bundesweiten Gründerinnen-Agentur. Seit März 2004 informiert die Agentur über Beratungsangebote für Gründerinnen, sie hat ein Expertinnen-Netzwerk geknüpft und bietet seit neuestem im Internet ein virtuelles Lernprogramm für Gründerinnen an. Dort melden sich Frauen, die ihr Unternehmen nur als Zuerwerb und Ein-Frau-Betrieb führen wollen, aber auch solche, die wachsen wollen. Habilitierte Akademikerinnen machen sich ebenso selbständig wie arbeitslose Schulabbrecherinnen. Sie alle haben unterschiedliche Gründe fürs Gründen, aber ein starkes Motiv erlebt Kronenbitter immer wieder: den Willen, unabhängig zu sein.

Einen maßgeschneiderten Arbeitsplatz

Viele Frauen treibt auch der Wunsch an, sich einen maßgeschneiderten Arbeitsplatz zu schaffen. Einen Arbeitsplatz, der es ihnen ermöglicht, berufstätig zu sein und trotzdem Kinder, Hobbys und einen Partner zu haben, kurz: ein Privatleben. Familiäre Verpflichtungen sind zwar mit ein Grund, dass weniger Frauen als Männer selbständig sind. Gleichzeitig sind sie aber auch eine Triebfeder des jüngsten Anstiegs weiblicher Selbständigkeit - vor allem im Zuerwerb.


Und dann gibt es noch jene Frauen, die sagen: "Ich weiß, wie es besser ginge, aber ich komme in der Betriebshierarchie nicht weiter." "Karrierechancen spielen durchaus eine Rolle", sagt Kronenbitter. Hochqualifizierte Frauen aus dem mittleren Management machen sich etwa gerne als Beraterinnen selbständig. Wie Doris Schüßler. Ihr Berufsleben begann mit einer Ausbildung in der Finanzverwaltung. Mit 31 Jahren gab sie die Beamtenlaufbahn auf, um in die freie Wirtschaft zu wechseln, zunächst zu einem Steueranwalt, später zur Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Price Waterhouse Coopers. Sie stieg auf, wechselte aber nach einigen Jahren erneut. "Dann war es an der Zeit, etwas für mich zu machen." 1999, mit 48 Jahren, wollte sie endlich nicht mehr für andere Überstunden machen, sondern für sich selbst. "Ich wollte das umsetzen, was ich kann", sagt die Steuerexpertin, "ich wollte mit dem Kopf auch mal in andere Bereiche hineinkommen."

Heute berät sie Unternehmen in Finanz- und Controllingfragen, bietet individuelle Komplettlösungen für die internationale Finanzverwaltung und das Dokumenten-Management an. Angefangen hat sie mit null Kunden. Nach nicht einmal einem Jahr verdiente sie so viel wie zuvor als Angestellte und beschäftigte eine Auszubildende. Heute besteht ihr Team aus fünf Mitarbeitern und zwei Azubis. Trotz ihres gesunden Selbstvertrauens und ihres Könnens ließ sie sich ausgiebig beraten. Sie sprach mit Wirtschaftsprüfern, Unternehmensberatern, Freunden und Familie, auch mit den "Frauenbetrieben", die in Frankfurt Gründerinnen unterstützen. Sie ging zu ihrer Bank, legte Finanzierungs- und Umsatzplanung vor, rechnete, was sie brauchen würde, um das erste Jahr zu überstehen. "Wenn man es sich reiflich überlegt hat", sagt sie im Rückblick, "dann springt man."

Standardziel: Dienstleistungen

Neun von zehn Gründerinnen wollen sich mit einer Dienstleistung selbständig machen. Einen produzierenden Betrieb aufzubauen, dafür interessieren sich die wenigsten. Auch bei Technologie-Gründungen liegt der Frauenanteil bei bescheidenen 10 bis 15 Prozent. Fachleute nennen das "berufliche Segregation". Schon in der Schule streben Mädchen typische Frauenausbildungen an, Abiturientinnen wählen etwa Germanistik statt Maschinenbau.

"Wegen ihrer Berufswahl sind Gründerinnen stark eingeschränkt", sagt René Leicht, Soziologe am Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim. Sie machten sich häufig in therapeutischen Berufen selbständig, im Handel oder mit persönlichen Dienstleistungen - etwa als Friseurin oder Kosmetikerin. Diese Einseitigkeit führt jedoch dazu, dass Frauen in wettbewerbsintensiven Wirtschaftszweigen gründen, die wenig Ertrag versprechen. Frauen setzen sich damit der "Gefahr des Scheiterns" aus, wie Leicht es nennt. Aber: Die jüngere Frauengeneration sei wesentlich besser qualifiziert, "und das schlägt sich im Gründungsdesign nieder". "Bildung", sagt Leicht, "ist eine der wichtigsten Determinanten des Gründungsgeschehens."

Gut ausgebildete Frauen gründen nicht nur häufiger, sie tun es auch in zukunftsträchtigeren Branchen. In den freien Berufen etwa, mit wissensintensiven Dienstleistungen - zum Beispiel als Steuerberaterin oder Ärztin. Noch wachsen Frauenunternehmen im Schnitt langsamer als von Männern gegründete Betriebe, haben weniger Angestellte, machen weniger Umsatz und Gewinn. Das allerdings ist auch ein Branchenphänomen. Die Eroberung aussichtsreicherer Wirtschaftszweige durch die junge, gut ausgebildete Frauengenerationen von heute dürfte das ändern. Auf dem Gebiet wissensintensiver Dienstleistungen fällt die Erfolgsdifferenz zwischen Frauen- und Männerunternehmen weg.

Anfangs als Solistin

Die meisten Gründerinnen beginnen als Solistinnen zu Hause. Mitarbeiter stellen sie erst ein, wenn sie schwarze Zahlen schreiben. Überhaupt scheinen Frauen vorsichtiger zu sein als ihre männlichen Gründerkollegen. Im KfW-Gründungsmonitor heiß es, dass "Frauen im Durchschnitt eine signifikant höhere Risikoaversion besitzen als Männer". Auch der Global Entrepreneurship Monitor attestiert Frauen eine größere Angst vor dem Scheitern. Gründungsforscher Leicht bestätigt, dass Frauen meist mit weniger Kapital gründen als Männer. Zwei Drittel der Gründerinnen sind zwischen 35 und 54 Jahre alt. Ihre Erwerbsbiographien sind von familienbedingten Auszeiten unterbrochen, sie haben weniger Möglichkeiten, Kapital anzusparen. Nach Kronenbitters Erfahrungen versuchen viele Frauen, einen Kredit zu vermeiden. Sie warnt zwar davor, die Bank um jeden Preis zu umgehen. Sie kann aber auch Geschichten erzählen wie die jener Gründerin, der ihr Bankberater erst zuhörte, als sie ihren Mann mitbrachte. "Dass Gründerinnen tonnenweise Kredite aufnehmen", sagt Kronenbitter, sei selten.

Auch Dagmar Korintenberg, 32 Jahre alt, und Sandra Ewald, 31, wollten das nicht. "Wir waren uns einig, dass wir es aus eigener Kraft schaffen wollten", sagt Ewald, "dass wir uns am Anfang nicht so belasten wollten." Also arbeiteten die beiden Gründerinnen im ersten Dreivierteljahr ihrer Selbständigkeit nebenbei mit halber Stelle. Die Grafikdesignerinnen kannten sich aus dem Studium. Nach dem Diplom gründeten sie "Raumservice", ein "Büro für Ereignisse und Gestaltung". Ihre spezielle Idee, "Ereignisse" für Unternehmen und Kultureinrichtungen zu inszenieren, hätten sie als Angestellte wohl kaum verfolgen können.

Alte Kontakte, neue Ideen

Also nutzten sie ihre Kontakte aus dem Studium, aus Praktika und früheren Aufträgen und machten sich selbständig. Gleichzeitig stellten sie ihre Ideen potentiellen Auftraggebern vor. So überzeugten sie das Schmuckmuseum Pforzheim von ihrer Idee, Museumsbesucher zur Eröffnung einer neuen Ausstellung mit Taschenlampen in die verdunkelten Räume zu schicken. Ganz am Anfang arbeiteten sie von zu Hause aus, später nahmen sie sich ein Büro. Die Computer hatten sie aus dem Studium, und sehr viel mehr brauchten sie nicht.

Mittlerweile können sie von ihrem Unternehmen leben und haben ein Polster, das ihnen die Existenzängste nimmt. "Wir sind auch nicht sehr draufgängerisch, was Geld angeht", sagt Ewald, "wir haben ein großes Sicherheitsbedürfnis." Die Gründerinnen selbst sind aufeinander eingespielt, aber auch konflikterprobt. Sie haben gelernt, Freundschaft und Arbeit zu trennen. Alleine zu gründen, hätten sie sich nicht vorstellen können. "Ich komme morgens ins Büro und habe nicht das Gefühl, ein Einzelkämpfer zu sein", sagt Korintenberg. Die Arbeitsbelastung sei zwar hoch, die Lebensqualität aber auch.

Text: F.A.Z., 05.01.2008, Nr. 4 / Seite C1
Bildmaterial: Destatis, F.A.Z. - Koscielniak
 
 
   
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