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Fachkräftemangel trotz hoher Arbeitslosigkeit?

Der Dipl.-Ing. als Praktikant

Von Sven Astheimer



Neue Chance: Christian Haim (links) und Rainer Schäfer
15. November 2007 
Die Melodie ist längst bekannt, nur die Lautstärke nimmt zu: Der deutschen Wirtschaft gehen die Ingenieure aus, mit dieser Nummer reüssieren schon seit Monaten Unternehmen und Arbeitgeberverbände hierzulande. Aufträge im Gesamtvolumen von mehreren Milliarden Euro drohen verlorenzugehen, weil entsprechende Stellen nicht adäquat besetzt werden können. Von bis zu 40.000 Vakanzen ist die Rede. Das Thema drängte mit einer Wucht auf die politische Agenda, der sich auch die Bundesregierung nicht entziehen konnte: Der für Arbeitnehmer aus den neuen EU-Mitgliedsländern Osteuropas eigentlich abgeriegelte deutsche Arbeitsmarkt ist seit dem 1. November für Maschinenbau- und Elektroingenieure geöffnet.

Das ist die eine Seite der Debatte. Die andere sieht so aus: Im August dieses Jahres gab es fast 25.000 arbeitslose Ingenieure. Vor zwei Jahren waren es zwar noch 60.000 gewesen. Von einem allgemeinen Mangel könne dennoch nicht die Rede sein, heißt es in einer Beurteilung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Mehr als 9000 Erwerbslose entfallen sogar auf die besonders begehrten Fachrichtungen Maschinenbau und Elektrotechnik, dazu kommen weitere 3800 arbeitssuchende Wirtschaftsingenieure, die ebenfalls gefragt sind. Auffällig ist die Altersverteilung: Nur jeder siebte ist jünger als 35 Jahre alt, aber jeder zweite bereits älter als 50 Jahre.

Interesse ist da, an der Qualifikation mangelt es


Eine bewusste Diskriminierung von Älteren müsse deshalb jedoch nicht automatisch vorliegen, sagt Raimund Becker, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA). Für das erfolgreiche Vermitteln zwischen Angebot und Nachfrage gelte erfahrungsgemäß "ein Schlüssel von 1:3" - für eine offene Stelle brauche man im Schnitt drei geeignete Bewerber. Denn oft passe zwar die Qualifikation des Bewerbers auf das Stellenprofil, aber unterschiedliche Lohnvorstellung oder mangelnde Mobilität verhindern dann eine Vermittlung. Voraussetzung sei jedoch immer die fachliche Eignung des Kandidaten. Und gerade daran hapere es bei vielen älteren arbeitslosen Ingenieuren. Bei ihnen, das ist nachgewiesen, scheitert die Vermittlung häufiger an fehlender Qualifikation als an mangelndem Interesse als im Rest der Bevölkerung.

Genau diese Erfahrung hat Rainer Schäfer gemacht. Der Elektroingenieur aus Mittelhessen hat zunächst lange für einen Werkzeugmaschinenhersteller gearbeitet, ehe er zu einem Unternehmen für Gasvermessung wechselte. Dort bildete er sich zunächst weiter, durfte dieselben Tätigkeiten ausführen wie ein staatlicher Eich-Beamter. "Gedanken um meinen Arbeitsplatz habe ich mir nie gemacht", sagt Schäfer. Der schien ihm angesichts der steigenden Bedeutung der Gasversorger gesichert. Bis er in die Personalabteilung zitiert wurde, wo man ihm mitteilte, dass die Geräte, die er betreute, veraltet und seine Dienste deshalb nicht mehr gefragt seien. Mit 50 Jahren entlassen, fand sich Schäfer auf dem Arbeitsmarkt wieder.

„Sorgen habe ich mir nie gemacht“

Rittal-Chef Müller: "Niemand verliert sein Gesicht"

Das war im Sommer 2006. In Stellenausschreibungen waren meistens Dinge gefordert wie "SAP-Kenntnisse", von denen Schäfer zwar wusste, "um was es geht", aber keinerlei praktische Erfahrungen besaß. Er schrieb trotzdem Bewerbungen, 98 an der Zahl. Das Aus kam meistens schnell, immer formal und höflich. Hintenherum habe er jedoch erfahren, dass "ein so alter Mitarbeiter nicht erwünscht ist".

Die Wende kam mit "Qualifizierung +", einer Initiative der Arbeitsagentur Gießen und der Fachhochschule (FH) Gießen-Friedberg. Dort wurde ein Konzept erstellt, das sowohl aus schulischem Unterricht besteht als auch aus Betriebspraktika. Die Resonanz war groß: Es meldeten sich rund 100 Personen, von denen ein Viertel in das Projekt kam - unter ihnen war neben Schäfer auch Christian Haim. Der Ingenieur für Energie- und Wärmetechnik war zuvor mehr als sechs Jahre lang arbeitslos gewesen, nachdem sein Arbeitgeber von einem Investor aufgekauft und sein Arbeitsplatz gestrichen worden war. Auch eine Weiterbildung im Umweltmanagement brachte keinen Ausweg aus Hartz IV. Mit 46 Jahren war die Qualifizierungsinitiative sein letzter Strohhalm.

Zunächst drückten beide noch mal die Schulbank, später wurden sie für Praktika zur Rittal GmbH vermittelt, einem Hersteller für Gehäuse- und Schaltschranktechnik aus dem nahen Herborn. Das Unternehmen mit rund 10.000 Mitarbeitern im In- und Ausland bezeichnet sich als Weltmarktführer und sucht ständig neue Mitarbeiter. Gerade wird am Firmensitz in Herborn ein neues Gebäude gebaut, 200 Arbeitsplätze entstehen. Doch Personal ist schwer zu finden. "Der Ingenieurmangel ist eklatant", klagt Norbert Müller, der Vorsitzende der Geschäftsführung.

Niemand verliert sein Gesicht

Für Müller hat die Praktikumsphase des Projektes eine entscheidende Bedeutung. Dadurch hatten Unternehmen und Arbeitslose die Chance, sich kennenzulernen und, wenn nötig, anschließend auch wieder getrennte Wege zu gehen. Zwar bieten Probezeit und befristete Arbeitsverträge dieselbe Möglichkeit. Doch bei älteren Menschen sei dies besonders heikel, findet Müller. Es erwachse eine gewisse soziale Verantwortung, wenn man einen älteren Mitarbeiter wieder wegschicke. Tue man dies nach einem Praktikum, "verliert niemand sein Gesicht". Im Fall von Rainer Schäfer und Christian Haim war dies jedoch nicht nötig. Mittlerweile sind beide unbefristet bei Rittal angestellt. Schäfer findet sich mittlerweile mit SAP zurecht und arbeitet im Kundendienst, während Haim in der Akkustikprüfung die Produkte ausführlichen Tests unterzieht.

Durch das Programm "Qualifizierung +" haben von den 25 Teilnehmern bislang elf eine Festanstellung erhalten, zwei haben sich selbständig gemacht, acht befinden sich noch im Praktikum, zwei suchen noch eine Stelle, und zwei brachen ab. "Das ist eine sehr hohe Erfolgsquote", sagt Ulrich Vossebein, Projektleiter der FH Gießen-Friedberg. Auch Stephan Wachsmuth vom hessischen Sozialministerium findet, dass die 200 000 Euro aus der Staatskasse gut investiert wurden. "Ich gehe auch von einer weiteren Förderung aus." Wachsmuth hofft, dass das Projekt in ein flächendeckendes Programm mündet. Diese Pläne würde BA-Vorstand Becker unterstützen. "Wir werden so etwas bundesweit vorantreiben, aber wir brauchen dazu Partner in den Hochschulen." In Kürze werde ein sehr ähnliches Modell in Ostdeutschland gestartet.

Ingenieursgehälter steigen:

Die Einkommen der Spezialisten haben im Jahr 2007 durchschnittlich um 4,1 Prozent zugelegt, wie die Untrnehmensberatung Kienbaum mitteilt. Dabei stehen bei einem Mitarbeiter auf Führungsebene Jahresgesamtbezüge von 95.000 Euro auf dem Gehaltszettel, während es bei einer Fachkraft im Durchschnitt 59.000 Euro seien. Auch die Unternehmensgröße spiele eine Rolle: Eine Führungskraft in einem Unternehmen mit mehr als 500 Millionen Euro Umsatz erhält im Schnitt ein Gehalt von 131.000 Euro.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., Rittal
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [1]
Die Mär vom Fachkräftemangel 15.11.2007, 22:50
 
   
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