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Unternehmen des Monats

Bauingenieure

„Ein Architekt hat ein gutes Image, ein Bauingenieur ist ein Nobody“



Bauingenieure leiden unter einem Imageproblem, sagt Hans Helmut Schetter
13. April 2007 
Herr Schetter, seit Mitte vergangenen Jahres ist die Zahl der Bauaufträge wieder gestiegen. Zur Zeit gibt es rund 4000 offene Stellen für Bauingenieure. Die Erstsemesterzahlen sind aber seit langem drastisch zurückgegangen. Warum ist das so?

Das lag an der sinkenden Baunachfrage. In erster Linie aber an einem anderen Problem – viele junge Menschen haben keine richtigen Vorstellungen von unserem Beruf. Wir müssen das Ingenieurwesen stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung rücken und den Trend weg von den Naturwissenschaften müssen wir drehen. Das Interesse sollten wir schon in der Mittelstufe der Gymnasien wecken, denn da geht es ja los, dass Fächer wie Mathematik und Physik zugunsten anderer abgewählt werden. Für mich stellt sich die Frage, wie wir die Begabungen, die in unseren Kindern stecken, besser hervorholen können. Übrigens, im Augenblick planen wir und andere Unternehmen noch in diesem Jahr eine große Informationsaktion zu Ingenieurberufen im Rhein-Main-Gebiet. Wir wenden uns an die Schüler der Mittelstufe mit einer Großveranstaltung am Frankfurter Flughafen. Auch die Lehrer werden mit eingebunden, denn selbst die naturwissenschaftlichen Lehrer wissen zu wenig über uns, da müssen wir uns stärker bekannt machen.

Warum sollte denn ein junger Mensch Bauingenieur werden?

Es ist unstreitig, dass zu einer gut funktionierenden Gesellschaft eine gute Infrastruktur gehört. Wir brauchen Menschen, die das bewegen. Der Bauingenieur ist von Hause aus ein seiner Sache zugewandter Typ, und seine Arbeit ist spannend. Ein Architekt hat ein gutes Image, ein Bauingenieur ist ein Nobody. Viele meinen, dass wir hinter den Architekten noch ein bisschen für Technik und Statik zuständig sind, aber das ist ja ganz anders.

Wie denn? Offenbar bringen doch die Wenigsten den Berufsstand mit konkreten Bauwerken in Verbindung?

Das genau ist unser Imageproblem. Ein Bauingenieur konzipiert Bauwerke aller Art, er ist für das Design, die Planung, die Erstellung zuständig. Er baut Brücken, Tunnel, U-Bahnen, Staumauern, Dämme, Deiche, Schleusen. Er konzipiert Infrastruktur, Schienenwege, Wasserstraßen. Egal, was gebaut wird, er übernimmt die Organisation von Baustellen. Wenn zum Beispiel ein Hochhaus gebaut wird, dann bestimmt er, mit welchem Gerät der Beton auf 240 Meter Höhe transportiert und wie die Sicherheit der Baustelle organisiert wird. Viele Passanten bleiben interessiert an Baustellen stehen, bringen das Geschehen dort aber nicht mit unserem Beruf in Verbindung. Das sollten wir ändern.

Stärker in den Fokus rückt inzwischen Umwelttechnik. Was macht ein Bauingenieur hier?

Er plant Kläranlagen oder Schutzbauwerke gegen Naturkatastrophen, überlegt Lösungen, um zuverlässige Erdbebensicherheit herzustellen oder Schutz gegen schwere Stürme.

Zum Berufsbild gehört Flexibilität, gemeint ist offenbar die Bereitschaft, auch Baustellen hinterherzuziehen. Ist das nicht ein Nachteil?

Das kann man auch anders sehen. Für viele ist es eine Herausforderung, in anderen Teilen Deutschlands oder der Welt zu arbeiten. Viele unserer Baustellen sind zur Zeit beispielsweise in Skandinavien, so lernt man auch Sprachen und weitet den Horizont. Aber es stimmt schon, wir müssen mit unseren Baustellen über Land ziehen und oft einen überdurchschnittlichen Anfahrtsweg in Kauf nehmen. Es gibt lange Tage, manchmal in zwei Schichten.

Besonders familienfreundlich klingt das aber nicht. Wie sieht es mit den Bauingenieurinnen aus?

Immerhin ist deren Zahl steigend. In meiner aktuellen Vorlesung an der TU Darmstadt sitzen bis zu einem Drittel Studentinnen. Wir stellen bei Bilfinger regelmäßig Ingenieurinnen ein, allerdings noch im einstelligen Bereich. Frauen sind absolut gleichwertig, um es altmodisch auszudrücken: Sie stehen ihren Mann.

Und wie fängt man es an? Was muss ein guter Student oder eine gute Studentin mitbringen?

Vorab, man muss in Physik kein Überflieger sein, um Ingenieur zu werden. Aber eine Nähe zur Mathematik und zu naturwissenschaftlichen Fächern ist unabdingbar. Bis zum Vordiplom geht es relativ theoretisch zu. Es geht um höhere Mathematik, technische Mechanik, darstellende Geometrie. Das ist alles durchaus bewältigbar. Nach dem Vordiplom folgen dann die Fächer mit Praxisbezug, da kommt der Bezug zu den Stoffen Holz, Stahl, Beton. Da geht es dann um Bodenmechanik, Geotechnik, das ingenieurmäßige Beherrschen von Baugrund und Gebirge und auch um den Ablauf des Baubetriebs.

Und welche Anforderung stellt später der Beruf?

Natürlich braucht man eine gute technische Ausbildung. Aber wir sind vor allem ein People-Business, der Wert steckt in den Köpfen der Mitarbeiter. Das heißt, man muss absolut teamorientiert arbeiten, Mitarbeiter motivieren und führen können. Statt drei Stunden übers Wetter zu diskutieren, muss man festlegen: Wir betonieren heute Nachmittag. Man braucht Entscheidungsfreude, Durchsetzungswillen und muss bereit sein, Verantwortung zu übernehmen. Was einer der größten Fehler in unserem Beruf ist, aber nicht oft gesagt wird, das ist nicht die Fehlkalkulation, sondern die Fehlbesetzung, also den falschen Mann am falschen Platz zu haben. Ein gutes Besetzungskonzept ist entscheidend. Das ist wie im Sport, wo es darum geht, ein schlagkräftiges Team zusammenzustellen.

Das klingt nach großem Entscheidungsspielraum?

Das stimmt. Wechselnde Bezugspersonen und Bauherren, Standortwechsel, das bietet Platz für viel Gestaltungsspielraum. Man kann viel am eigenen Arbeitsplatz bewirken.

Das hört sich gut an, was kann denn alles im Arbeitsalltag schiefgehen?

Geräteschäden, jeder denkbare Unfall. Lieferanten, die sich nicht an den Termin halten. Um 16 Uhr soll der Beton kommen, er kommt aber nicht, sie haben eine Straßensperrung beantragt, die bekommen sie aber nur an diesem Tag. Ein guter Bauleiter hat einen Riecher dafür, ob er mittags jemanden ins Betonwerk schickt, um zu prüfen, ob die Lieferung auch kommen wird.

Wie hoch ist der Verwaltungsaufwand?

Der ist nicht unerheblich, es gibt einen hohen administrativen Teil. Das Thema Sicherheit spielt eine Rolle, Sie müssen Umweltgesetze einhalten, eine profunde Übersicht über eine Breite von Gesetzen haben. Da gibt es Schulungen, aber natürlich auch Spezialisten.

Welche Bewerber bevorzugen Sie ganz konkret?

Wir erwarten ein solides Studium an einer guten Hochschule und haben hierfür ein internes Ranking, selbstverständlich gehören auch Fachhochschulen dazu. Was wir kritisch sehen, wo der Bachelor zu uns passt, weil damit noch sehr unterschiedliche Qualifikationen verbunden sind. Was ich schätze, ist eine zügige Studiendauer, hohe Semesterzahlen stören mich mehr als eine viertel Note schlechter, es sei denn, das Studium verzögerte sich aus begründeten Zwängen. Wer lange verweilt, der ist eher ungeeignet, wir haben eine hohen Vorwärtsdrang. Und die Kandidaten sollten an Sprachen mitnehmen, was Begabung und Gelegenheit hergeben. Englisch ist klar, gut sind aber auch Französisch, Spanisch oder osteuropäische Sprachen. Sie können nicht alles mit einem Dolmetscher regeln. Wir versuchen zu klären, wie mobil der Bewerber ist. Ein Drittel unserer Ingenieure wird mehr oder weniger dauerhaft im Ausland eingesetzt.

Und wie sieht es mit der Bezahlung aus?

Das Tarifgehalt für einen Diplomingenieur von einer Technischen Universität beläuft sich im ersten Berufsjahr auf rund 40 000 Euro, für einen Fachhochschulabsolventen auf etwa 37 000 Euro. Das steigt dann zügig mit wachsenden Aufgaben.

Das Gespräch führte Ursula Kals.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: privat
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [3]
@Herr Zoschke... 16.04.2007, 10:47
@Herr Zoschke... 16.04.2007, 10:47
Welcher Architekt hat ein gutes Image? 14.04.2007, 06:21
 
   
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