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Schule

Die Wirtschaft erkunden

Von Philip Plickert



Wirschaft findet kaum statt
27. Mai 2007 
Wirtschaft ist spannend, macht aber auch viel Arbeit, hätte Karl Valentin vielleicht gesagt. Die Zusammenhänge der Ökonomie erscheinenen äußerst komplex. Obwohl das Auf und Ab der Märkte jeden Einzelnen - direkt oder indirekt - betrifft, ist das Verständnis mangelhaft. Es fehlt gerade bei jungen Leuten am Basiswissen: Was etwa besagt das Prinzip von Angebot und Nachfrage? Eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Bundesverbandes der deutschen Banken (BdB) ergab, dass gerade einmal 35 Prozent der 14- bis 24-Jährigen das simple Grundprinzip der Marktwirtschaft korrekt erklären konnten. 65 Prozent wussten bei "Angebot und Nachfrage" nicht Bescheid.

Wie sich Preise bilden, was Lohnhöhe, Zinssatz oder Inflationsrate aussagen, "das hätte man eigentlich in der Schule lernen müssen, wie es in den angelsächsischen Ländern geschieht", sagt Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. "Weil wir Ökonomen stets das Einmaleins unseres Faches neu erläutern müssen, um verstanden zu werden, kommen wir in der öffentlichen Diskussion nicht allzu weit. Dass selbst Akademiker meistens dieses Einmaleins nicht beherrschen, ist ein Armutszeugnis unseres Ausbildungssystems." Auch der Wirtschaftspädagoge Hans Kaminski beklagt, deutsche Schüler erhielten Wissen über Wirtschaftsprozesse "nur in homöopathischen Dosen" verabreicht.

Vorbehalte und instinktive Abwehr

Mit seinem Oldenburger Institut für ökonomische Bildung (IöB) kämpft Kaminski seit rund 25 Jahren für mehr Wirtschaft in den Schulen. Inzwischen äußern laut BdB-Studie gut drei Viertel der Jugendlichen und Eltern den Wunsch nach mehr wirtschaftlichen Inhalten in den Lehrplänen. Die Einführung eines speziellen Fachs Wirtschaft, für die Kaminski wirbt, stößt aber auch auf Vorbehalte und instinktive Abwehr - gerade bei Lehrern an Gymnasien, die den "hehren Bildungstempel" rein halten wollten, meint Kaminski. In Deutschland gebe es in bestimmten Kreisen noch eine Stimmung, "dass alles Ökonomische per se kritisch zu betrachten und daher politisch zu bändigen" sei.

So gibt es bislang in keinem Bundesland ein eigenes Fach Wirtschaft. "Oft wird ökonomisches Wissen in Kombinationsfächer gepackt, aber das sind Kompromisslösungen", kritisiert die IöB-Geschäftsführerin Kathrin Eggert. An bayerischen Gymnasien gibt es das Fach "Wirtschaft und Recht", in Sachsen-Anhalt ein Wahlpflichtfach "Wirtschaftslehre", in Niedersachsen heißt die vormalige politische Bildung jetzt "Politik-Wirtschaft". Trotz der reflexartigen Ablehnung durch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) habe sich das neue Fach so weit bewährt, sagt Eggert. Weitere Bundesländer planen, wirtschaftliche Themen in den Lehrplänen aller Schularten stärker zu verankern.

Zudem nimmt die Zahl der privaten Initiativen zu, die sich direkt an die Jugend wenden und deren Interesse für Wirtschaft wecken und bedienen wollen. Seit einigen Wochen gibt es eine verbesserte Version der Plattform "Oeconomix" im Internet oder als CD, die vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) mit Mitteln der Citigroup Foundation entwickelt wurde. Schon mehr als 2600 Lehrer nutzten die Lernsoftware, sagt IW-Mitarbeiter Thorsten Lang erfreut. In einfacher Sprache, aber ohne zu simplifizieren, erklären die IW-Forscher die komplexe Koordinierung in der Marktwirtschaft. Wer sich auf "Oeconomix.de" ein oder zwei Tage lang umtut, aufmerksam liest und mitdenkt, kann sich bei einem eventuellen VWL-Studium in den ersten Wochen entspannt zurücklehnen.

Wo der Spaß sich in Grenzen hält

Allerdings hält sich der Spaß beim einsamen Computer-Studium in Grenzen. Ein weitaus lebendigeres Gefühl für die Dynamik wirtschaftlicher Abläufe vermittelt das dreitägige Planspiel "MACRO", das die Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft (ASM) seit acht Jahren an Schulen und Fachhochschulen veranstaltet. Die Klassen werden dabei in zwei Lager, Land A und Land B, aufgeteilt. In jeder Nation gibt es Untergruppen: die Haushalte, die Unternehmen, die Regierung und die Notenbank. Sie treffen eigenständig Entscheidungen, der Computer berechnet dann die volkswirtschaftlichen Konsequenzen. Gewinner ist, wer seinen Wohlstand am meisten steigern kann. "Anfangs erscheint das MACRO-Planspiel sehr komplex", sagt der ASM-Vorsitzende Joachim Starbatty von der Universität Tübingen. "Aber nach einem Tag sind die Schüler voll in der Materie drin." Inzwischen haben rund 200 Klassen mit dem vom baden-württembergischen Kultusministerium geförderten MACRO-Spiel die logischen Zusammenhänge der Volkswirtschaftswelt erkundet.

Noch größeren Zuspruchs erfreut sich das vom Bankenverband veranstaltete Planspiel "Schul-Banker". Rund 35 000 Schüler haben bei dem seit 1998 jährlich veranstalteten "Schul-Banker"-Wettbewerb in Teams zu vier Mitspielern die Leitung eines fiktiven Kreditinstituts übernommen. "Wir machen kein schlichtes Börsenspiel, wo man nur kauft und verkauft, sondern ein absolut anspruchsvolles Unternehmensspiel mit vielen strategischen Facetten", sagt Anke Papke, die das Projekt im Bankenverband betreut.

So löblich die privaten Initiativen sind: Sie allein werden kaum dem allgemeinen ökonomischen Bildungsnotstand abhelfen. Dazu bedürfte es eines eigenen Schulfachs, beharrt Wirtschaftspädagoge Kaminski. "Wenn man die gegenwärtigen ordnungspolitischen Debatten oder die Stellungnahmen zur Globalisierung verfolgt, so kann man das alles doch ohne eine gewisse ökonomische Bildung gar nicht verstehen." Ungebildete Bürger seien anfällig für Scheinargumente und Manipulation. "Die Welt hat sich dramatisch verändert, die Schule muss sich ebenfalls verändern."

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Wonge Bergmann
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [5]
Stimmt so nicht 27.05.2007, 23:53
Das ist ja die totale Überraschung, 27.05.2007, 14:49
Da bin ich ja mal gespannt... 27.05.2007, 13:00
 
   
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