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Jobs der Woche

Kein Weg zu weit

Arbeitsprozesse auf türkisch

Von Dorte Huneke



Jeden Tag eine hektische Massenbewegung
30. Mai 2007 
Eine Stunde Fahrtzeit braucht Detlev Zeindl morgens, um zur Arbeit zu kommen. "Heute hat es zwei Stunden gedauert, auch das ist normal", sagt der 63 Jahre alte Bauingenieur, der seit Oktober 2006 an einem Bauprojekt des Metro-Konzerns in Istanbul arbeitet - der Kulturhauptstadt Europas 2010 und in den Worten des amerikanischen Trendbarometer-Magazins "Wallpaper" der derzeit "besten Stadt der Welt". "Man muss Geduld mitbringen, wenn man hier glücklich sein will", sagt Zeindl. "Termine legt man am besten so, dass man nicht in die Stoßzeiten gerät. Oder man fährt früh genug los." Dann muss man nur noch damit rechnen, dass der Andere sich verspätet.

Der Verkehr auf den Straßen Istanbuls sagt mehr als tausend Worte über die Stadt und ihre Bewohner: Mobilität spielt eine wichtige Rolle, und die persönliche Begegnung zählt mehr als der telefonische oder schriftliche Kontakt. So ist es durchaus üblich, Kunden, Freunde und Geschäftspartner regelmäßig am Arbeitsplatz zu besuchen. Dafür ist kein Weg zu weit. In der Stadt am Bosporus, die sich über zwei Kontinente erstreckt, findet jeden Tag eine Massenbewegung statt: vornehmlich deshalb, weil ein Großteil der Bevölkerung auf der asiatischen Seite lebt, wo Wohnen schöner und ruhiger ist, und Geschäfte meist auf der europäischen Seite gemacht werden. Istanbuls Fähr-Autobusse befördern täglich rund 250 000 Passagiere ans jeweils andere Ufer. Gleichzeitig passieren etwa 200 000 Fahrzeuge die Meerenge.

Selbst auf den Fähren stets online

In vielen Unternehmen ist der Samstag ein normaler Arbeitstag

Mindestens ebenso viel Zeit wie in ihren Automobilen und öffentlichen Verkehrsmitteln verbringen die Türken am mobilen Telefon. Wer mit dem Auto unterwegs ist, kann sich per WAP-Handy ein Bild über das aktuelle Verkehrsaufkommen machen: Die Stadtverwaltung hat an wesentlichen Verkehrsknotenpunkten Kameras installiert. Per SMS lassen sich zudem Fähr-Fahrpläne checken und Tickets reservieren. Statt einer Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel tragen Istanbuler einen Computer-Chip mit sich herum, der je nach Bedarf aufladbar ist. Fast sämtliche Cafés bieten ihren Kunden Wireless-Network-Empfang; selbst auf den Fähren kann man mit Laptop oder Palm im Internet surfen. "Ich war überrascht zu sehen, wie aufgeschlossen die Türken gegenüber neuen Technologien sind", sagt Martin Wolf. Der 33 Jahre alte Einkaufsleiter eines deutschen Elektrounternehmens ist für anderthalb Jahre in der Türkei.

Der türkische Markt ist jung, dynamisch und flexibel. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung liegt bei 27,3 Jahren. Dagegen sieht Deutschland mit 42 Jahren alt aus. Woran es der Türkei hingegen mangelt, sind qualifizierte Fachkräfte. Gesucht werden Techniker und Programmierer in modernen Schlüsseltechnologien wie Automatisierungstechnik, Elektronik und Steuerungstechnik oder Computersoftware sowie Dolmetscher und Übersetzer, aber auch Management-Führungskräfte auf mittlerer Ebene. Nach wie vor florieren die Industriezweige Textil, Keramik, Chemie und Maschinenbau. Vor allem aber entwickelt sich die ehemalige Agrarnation zu einer dienstleistungsorientierten Wirtschaft. "Der Servicegedanke ist hier traditionell viel stärker ausgeprägt als in Deutschland", sagt Wolf. "Man kann sich die Schuhe putzen lassen, die Geschäfte haben nahezu immer geöffnet, man trifft auf freundliche Verkäufer, und der Service in den Restaurants ist einmalig." Türkische Konsumenten lassen sich gute Service-Angebote gerne etwas kosten. In puncto Kundenpflege heißt das: offensiv gewinnt. Wer seine Kunden nicht regelmäßig einlädt oder mit Sonderangeboten und Updates lockt, läuft Gefahr, sie an die Konkurrenz zu verlieren.

Bloß kein altes Handy nutzen

Der Großraum Istanbul ist mittlerweile auf schätzungsweise 14 Millionen Einwohner angewachsen. "Es wird unglaublich viel investiert, und die Wirtschaft blüht", sagt Metro-Mann Zeindl. Etwa 2700 deutsche Firmen, die heute auf dem türkischen Markt aktiv sind, sehen das offensichtlich ähnlich. In der Türkei stoßen Orient und Okzident aufeinander, was sich im Detail in den Arbeitsprozessen bemerkbar macht. Mit einem alten Handy-Modell zu einem Geschäftstreffen zu gehen wirkt so unprofessionell wie selbstgedruckte Visitenkarten zu verteilen. Einen noch schlechteren Eindruck hinterlässt höchstens, wer sich in aller Öffentlichkeit die Nase putzt oder gar laut schneuzt. "Das gilt als unhöflich und eklig", sagt Tatlican Gün. Notfalls tut man dies so leise und diskret wie möglich. "Aber am besten gar nicht öffentlich, sondern auf der Toilette."

Die türkischstämmige Psychologin bereitet Führungskräfte für den Auslandseinsatz in der Türkei vor und hat hierzu ein eigenes wissenschaftliches Training entwickelt. Neuankömmlinge sollten auch wissen, dass Mobiltelefone immer und überall klingeln - und es nicht persönlich nehmen, wenn sogar während einer Unterhaltung geantwortet wird. Bei geschäftlichen Begegnungen oder Verhandlungssituationen tut man außerdem gut daran, viel Zeit mitzubringen. Vor dem ersten Glas Tee sollte man nicht auf das eigentliche Thema zu sprechen kommen. Wer versucht, sein türkisches Gegenüber zu einer schnellen Entscheidung anzutreiben, erzielt in der Regel das Gegenteil. Ungeduld erweckt Misstrauen. Auch wer allzu ehrlich und direkt parliert, droht damit auf die Nase zu fallen. In der Türkei ist es wichtig, zwischen den Zeilen zu lesen.

Gute Chancen für „Deutschtürken“

Nicht zuletzt deshalb, weil die kulturelle Kommunikation so wichtig und Fachkräfte rar sind, haben sogenannte Rückkehrer, Deutschtürken, die sowohl mit der türkischen Sprache als auch mit der Kultur vertraut sind, derzeit sehr gute Job-Chancen in der Türkei. "Mein deutsches Diplom war neben der türkischen Sprache auf jeden Fall ausschlaggebend", sagt Didem Turt. Die 33 Jahre alte Bauingenieurin kam im November 2005 nach Istanbul und arbeitet in einem türkischen Traditionsunternehmen. Dass ihr manche technische Fachbegriffe in der Landessprache fehlen, wiegt weniger schwer. "Das habe ich meinem Arbeitgeber gleich gesagt, das ist kein Problem, im Notfall kann ich immer jemanden fragen." Überhaupt gilt es, sich stets ins Gespräch zu bringen, in Kontakt zu bleiben. "Man muss deutlich mehr kommunizieren und nachhaken, wenn man eine Antwort haben oder Abläufe beschleunigen will", so Turt. Die Arbeitstage und -wochen sind in der Türkei tendenziell länger als in Deutschland. In vielen Unternehmen ist der Samstag ein normaler Arbeitstag. "Ich verdiene zudem etwa ein Fünftel weniger, als ich in Deutschland als Berufseinsteigerin bekäme", sagt Turt. Das geringere Gehalt wird durch gewisse Service-Extras aufgewogen: Shuttle-Busse zum Büro, Essensmarken, die in fast allen Restaurants einlösbar sind. "Viele Betriebe zahlen zudem alle paar Monate ein doppeltes Gehalt", sagt Turt. 14 Monatsgehälter sind durchaus üblich. "Und während der Arbeitszeiten herrschen mehr Freiheiten", sagt Turt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Helmut Fricke, REUTERS
 
 
   
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