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Verschwendung von Ressourcen

Hochqualifizierte Einwanderer oft unter Niveau beschäftigt

Von Heike Schmoll



Seltenes Glück: Hochschule statt Hauptschule - Ahmet Toprak, Professor an der FH Dortmund
08. Mai 2008 
Auch wenn Ingenieure und Naturwissenschaftler in Deutschland zu den gesuchten Berufen gehören, werden Einwanderer aus Osteuropa und anderen Ländern in diesen Berufsgruppen häufig nicht in den Arbeitsmarkt integriert. So ist es kein Einzelfall, dass Ärztinnen aus Russland als Putzfrauen arbeiten oder Ingenieure aus Iran als Hausmeister. Trotz vorhandener Qualifikationen gelingt es Einwanderern oft nicht, ihren im Herkunftsland erworbenen Beruf in Deutschland weiter auszuüben. Mangelnde Anerkennungsmöglichkeiten und fehlende berufliche Integrationsprogramme sind dafür die Gründe. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie "Brain Waste" von Bettina Englmann und Martina Müller, die von der Gemeinnützigen GmbH "Tür an Tür Integrationsprojekte" in Augsburg in Auftrag gegeben wurde, der F.A.Z. vorliegt und an diesem Donnerstag in Berlin vorgestellt werden soll. Sie wertet Befragungen von Anerkennungsstellen und Betroffenen für Deutschland aus.

Einwanderer werden danach viel zu wenig über ihre Möglichkeiten der Anerkennung informiert. Weder die Arbeitsverwaltung noch die "Migrationserstberatung", die im Rahmen der Integrationskurse des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge vorgesehen ist, beraten systematisch zu beruflichen Anerkennungsfragen. Das hat erhebliche Folgen für die Einwanderer, die hierzulande Arbeit suchen: Wer keinen Anerkennungsbescheid über seine ausländischen Abschlüsse vorweisen kann, wird von den Arbeitsvermittlern als "Ungelernter" eingeordnet und vermittelt. Auf diese Weise werden auch Ärzte oder Ingenieure dequalifiziert, die in Deutschland dringend gebraucht werden.

Schwächen der Arbeitsvermittler

Nach den Erkenntnissen der Autorinnen weisen die Arbeitsvermittler die Bewerber mit ausländischen Abschlüssen nicht einmal auf die Anerkennungsmöglichkeiten hin. Manchen scheint demnach gar nicht bewusst zu sein, dass auch ausländische Abschlüsse eine wertvolle Ressource sind. In diesen Fällen sei die Vermittlung eines fachsprachlichen Kurses oder eine Anpassungsqualifizierung dringend erforderlich, damit die Qualifikation der Einwanderer wirklich genutzt werden könne, schreiben die Autorinnen. Diese Angebote müssten in vielen Fällen erst entwickelt werden, da sie nur für einige Berufe und in wenigen Regionen verfügbar seien.

Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Staatsministerin Maria Böhmer (CDU), sagte, einerseits brauche Deutschland dringend Fachkräfte, andererseits würden ausländische Akademiker als Putzfrauen oder Taxifahrer beschäftigt. Das sei eine Verschwendung von Talenten, die sich das Land nicht leisten könne. Es seien transparente, bundesweit einheitliche und zügige Verfahren zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse erforderlich, außerdem mehr berufsbezogene Deutschkurse und ein adäquater Zugang zum Arbeitsmarkt für eingewanderte Akademiker. Auch die Wirtschaft sei gefragt, die schon hier lebenden Akademiker ausländischer Herkunft besser zu integrieren und für die Bedürfnisse des hiesigen Arbeitsmarktes zu qualifizieren. Dazu gehöre auch, die interkulturelle Kompetenz in den Personalabteilungen der Unternehmen zu stärken, sagte Frau Böhmer. In der Studie wird deshalb gefordert, die berufliche Anerkennung zu einem verbindlichen Bestandteil der Integrationspolitik zu machen, die EU-Anerkennungsstandards auch auf Drittstaatsangehörige und deren Diplome anzuwenden, die bestehenden Informationssysteme auszubauen und in den Unternehmen Beratungsangebote zur Anerkennung für Migranten zu schaffen.

Föderale Zersplitterung behindert die Integration

Da die Anerkennung beruflicher Abschlüsse in Deutschland primär als Bildungsthema und nicht als Teil der Integrations- und Arbeitsmarktpolitik verstanden wird, sind die Bundesländer zuständig. Selbst die Anerkennung von ausländischen Schulzeugnissen ist in den einzelnen Ländern unterschiedlich geregelt. Insgesamt sind Hunderte von Stellen in Deutschland mit der Anerkennung von Abschlüssen befasst.

Manche Bewerber, die in der Studie befragt wurden, hatten an vier Stellen Anträge gestellt und sind zu vier unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Auch bei der Facharztanerkennung entscheiden die Ärztekammern außerhalb des geregelten EU-Bereichs ganz unterschiedlich. Zu den in den Ländergesetzen geregelten Berufen gehören die technischen Berufe der Ingenieure und Architekten. Es liegen also sechzehn Ländergesetze vor, die zum Teil veraltet sind. Im Erzieher- und Sozialbereich ist nach Angaben der Autorinnen häufig unklar, ob überhaupt Regelungen zur Anerkennung von Einwanderern getroffen worden seien. "Die föderale Zersplitterung ist in diesem Kontext ein massives Hindernis für die Arbeitsmartkintegration", heißt es in der Studie. Vor allem für ausländische Lehrer verlaufe das Anerkennungsverfahren selten positiv, weil viele höchstens Deutsch als Fremdsprache studiert hätten oder ihnen ein zweites Fach fehle. Übersetzern und Dolmetschern, die im wirtschaftlichen Bereich tätig werden wollen, werde die Anerkennung zumeist versagt. Die staatliche Anerkennung beschränke sich auf das Übersetzen und Dolmetschen für gerichtliche, behördliche und notarielle Zwecke. Im europäischen Wettbewerb um hochqualifizierte Einwanderer kann Deutschland bisher nur geringe Zahlen vorweisen: 2007 wanderten 466 Personen unter dem Aufenthaltstitel "hochqualifiziert" ein.

Für ihre Untersuchung befragten die Sozialwissenschaftlerin und die Historikerin 152 Migranten, die schon vor ihrer Ankunft in Deutschland Qualifikationen erworben hatten. Obwohl 86 Prozent über eine Ausbildung oder ein abgeschlossenes Studium verfügten, gelang es nur knapp 16 Prozent, hier einen Arbeitsplatz in ihrer Branche zu finden. Die Mehrheit der Befragten kam aus Russland (38,8 Prozent), der Ukraine (13,2 Prozent) und Kasachstan (7,9 Prozent).

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [11]
Dottore 16.05.2008, 13:34
dunkelhäutige Ingenieure oder Ärzte 15.05.2008, 13:24
@Altmann 15.05.2008, 12:59
 
   
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