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Sie nennen es Kunst

Fröhliches Scheitern und Machen

Von Thomas Thiel



Schreckensherrschaft einer allumfassenden Ironie
29. August 2007 
Holm Friebe ist ein digitaler Bohemien. Was das ist, erklärte er im vergangenen Jahr in seinem Buch "Wir nennen es Arbeit" (lesen Sie die Rezension Digitale Bohème: Sie nennen es Arbeit). Die künftige Arbeitswelt ließ Friebe darin größtenteils in einer Gemeinschaft von digitalen Bohemiens aufgehen, die sich angesichts der unaufhaltsamen "Verflüssigung" der Arbeitsstrukturen von dem Ziel einer Festanstellung verabschiedet hat, die Flexibilisierung als Chance begreift und sie mit Hilfe des Internets spielerisch meistern wird. Dazu gehörte natürlich auch Verachtung für all jene, die im Stechschritt jeden Morgen ins Büro marschieren. Holm Friebe nannte auch seine Verweigerung Arbeit, obwohl der Unterschied zum Spaß hier kaum noch auszumachen sei, und er entwarf, gemeinsam mit der Autorin Kathrin Passig, die passende Lebensform dazu: die Zentrale Intelligenz Agentur (ZIA). Im vergangenen Sommer erntete dieser lockere Bund von Kulturwissenschaftlern große mediale Aufmerksamkeit, als Kathrin Passig in Klagenfurt den Bachmann-Preis gewann und der Weblog der ZIA mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde.

Nun ist ein Jahr vergangen; die ZIA hat sich eine Zeitlang bewusst zurückgezogen. Man wollte die Formelfinder und Etikettenkleber ins Leere laufen lassen. Von "virtuellen Steppenwölfen" und "digitalen Kolumbianern" war die Rede. Die digitale Welt sollte den vorschnellen Begriffsbildungen Widerstand bieten. Am vergangenen Wochenende trat die ZIA mit dem Festival "neun bis fünf" erstmals wieder an die Öffentlichkeit. Um die Neuordnung der Arbeitswelt mittels digitaler Medien sollte es gehen.

Noch eine geheime Strategie?

Holm Friebe - ein wendiger, antriebsbeschleunigter Geist

Im Vorfeld der Veranstaltung sitzt Holm Friebe auf der Terrasse des Radialsystems V an der Spree, aus unerfindlichen Gründen schiebt er seine Ray-Ban-Sonnenbrille vom Haar auf den Nasenrücken und wieder zurück - vielleicht folgt auch das einer geheimen Strategie? Er wirkt halb konzentriert, halb abgelenkt, das für eine Generation von Dauervernetzten wohl typische Symptom einer latenten Überforderung. Holm Friebe ist ein wendiger, antriebsbeschleunigter Geist. Ansatzlos beginnt er über "Unique Selling Propositions" und existentielles Besserwissen zu sprechen, die für gewöhnlich wenig befreundeten Sprachspiele der Trendforschungsbüros und der Akademien greifen bei ihm auf irisierende Weise ineinander. "Wir wollen ein schillerndes, unfassbares Projekt bleiben", so resümiert er die Strategie der ZIA.

Gegenüber, am Südufer der Spree, erhebt sich wuchtig die Zentrale des Deutschen Gewerkschaftsbundes, die sich dem Mobilisierungseifer der ZIA mit trotzigen Banderolen entgegenstellt. Die linke Tageszeitung "Junge Welt" reagierte auf das Festival, das sich selbst der Linken zurechnet, mit einem wütenden Traktat, in dem sie der ZIA vorwarf, eine antikapitalistische Begleitrhetorik für ein seinem Wesen nach hochkapitalistisches Unterfangen zu missbrauchen. Die ZIA agiere innerhalb des herrschenden Systems und leiste der zügellosen Flexibilisierung der Arbeitswelt selbst Vorschub. Wenn sie eine Strategie besitze, dann die, eine Resignation als Euphorie zu verkaufen. Mit einem traditionellen alternativen Habitus hat das Festival in der Tat nicht viel gemein: Statt Eintopf und Käsebrötchen gibt es Bionade und Nackenmassagen. Stattliche Eintrittspreise verraten wenig Mitleid für die Belange der Geringverdienenden. Wer sein Eintrittsbändchen vergessen hat, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er sich der Bedeutung des Ereignisses ausreichend bewusst sei.

In Berlin-Mitte wird man da ganz kirre

Chillen bis der Erfolg kommt

Holm Friebe sitzt am Spreeufer und spricht über Vilfredo Paretos "80:20-Prinzip". Gefährlich oft lässt er Worte wie "Künstler" und "Kreative" fallen. In Berlin-Mitte wird man da ganz kirre: Man muss sich nicht länger um dialektische Begriffsarbeit scheren und kann stattdessen alles irgendwie Avantgarde-Verdächtige anhimmeln. Die ZIA ist der Sehnsuchtsort dieser Szene, in der sich alle irgendwie als Künstler begreifen. Und sie neigt zu der Hinterlist, sich ihr als nachahmbares Modell zu präsentieren.

Die schrille, verzogene, mit allem ihr ironisches Spiel treibende Berliner Alternativschickeria schnappt gierig nach den grob zusammengeleimten Lockrufen, die Friebe ihr später am Abend zuwirft. Alle, die hier Bedeutung beanspruchen, sind gekommen. Der ewige Kommunarde Rainer Langhans, der sich mit dem Virtuellen nicht recht befreunden mag; die rasante Szene-Journalistin Mercedes Bunz, die Neoliberalismus und Linke miteinander zu versöhnen verspricht; auch der trompetenhafte Joachim Lottmann, selbsternannter Nestor der Popliteratur, der seinen Aberwitz neuerdings ungefiltert in ein Netztagebuch diktiert. Bereit, sich der Schreckensherrschaft einer allumfassenden Ironie zu unterwerfen, ist dieser Szene nichts ernst außer die Ironie selbst und nichts so fremd wie die Selbstironie. Wer etwas auf sich hält, hat einen Laptop mitgebracht. Wer noch mehr gelten möchte, gleich ein "Projekt", wie geringt die Realisierungschance auch immer sein mag.

Hauptsache Codeworte

Beansprucht Bedeutung: die rasante Szene-Journalistin Mercedes Bunz

Es geht ums fröhliche Scheitern und Machen. Während Vorträge und Diskussionen laufen, tippen die Laptop-Bewehrten unermüdlich auf die Tastaturen und verkehren aufs irrwitzigste die Grundvoraussetzung einer erfolgreichen digitalen Lebenspraxis: im unablässigen Informationsstrom eine mentale Ökonomie zu bewahren. Würden sie, statt zu tippen und zu surfen, etwa dem Vortrag des Medienhistorikers Markus Krajewski zuhören, könnten sie von der schon länger zurückreichenden Geschichte kurzatmiger und hemdsärmeliger Projektemacher erfahren, die ihre unerfüllbaren Versprechen immer wieder umgeformt und in den Dienst wechselnder Machthaber gestellt haben. Doch sie hören ihm nicht zu. Mit einem ungeheuren Respekt vor allem, was sich "Spiel" und "kreativ" nennt, lauschen sie den Projektskizzen. Wer dabei Codeworte sicher in seine Syntax verfugt, darf ihrer Bewunderung gewiss sein.

Kirsten Brühl und Imke Keicher etwa schreiten entschlossen aufs Podium und gießen in nahezu vollständiger Unkenntnis der Arbeitswelt jenseits der Werbeagenturen und Literaturwerkstätten die Schlagworte modebewusster Arbeitssoziologen aus den letzten zwanzig Jahren in trendige Erweckungsprosa. Der Arbeitsmarkt werde sich, so Keicher und Brühl, nach dem Prinzip der "Uniquability" entwickeln. Alle Arbeiter würden Kreative, und alle Arbeit mache dann Spaß. Der Mann am Fließband wird es mit Erstaunen vernehmen. Welcher kreative Lastwagenfahrer die Bionadekästen für Keicher und Brühl angefahren hat und welcher gutgelaunte S-Bahn-Pilot sie später, dem eingefahrenen Streckennetz munter ein Schnippchen schlagend, auf unabsehbar eigensinniger Route nach Hause bringen wird, bleibt an diesem Abend unerörtert.

Wirklichkeit ist hier Nebensache

Wir wollen ein schillerndes, unfassbares Projekt bleiben, lautet die ZIA-Strategie

Wirklichkeit ist hier Nebensache. Hier feiert sich Berlin-Mitte in all seiner Selbstbezogenheit und kompensiert fehlende Eigenheit durch stilisierte Differenzen. Die ZIA wirft sich den Stildiktaten der Szene willig in die Arme, um an ihrer Coolness teilhaben zu dürfen, und nährt zugleich deren Illusionen. Dabei wird die Agentur - eine glückliche Symbiose gleichgesinnter und einander freundschaftlich verbundener Agenten - im Kern von zutiefst bürgerlichen Tugenden wie Eigenverantwortung, Sinn für das Gemeinwesen, unternehmerischem Risikomut und unermüdlichem Fleiß vorangetrieben. Weil sie zudem bereit ist, sich von sicheren Lebensformen zu verabschieden, darf sie sich mit Fug Boheme nennen. Dass alle anderen dies auch tun könnten, ist das große Missverständnis dieses Abends.

Wo ist eigentlich Holm Friebe? Die treibende und vielleicht etwas fortgetriebene Kraft des Festivals hat sich von der Feier des Alternativkonformismus für einen Moment zurückgezogen, um, wie er sagt, Überblick zurückzugewinnen. Er steht jetzt an der Bar des Radialsystems, wirkt wie immer euphorisiert und übernächtigt zugleich. Seine Bewegungen sind seltsam gleitend, vielleicht auch das eine Folge seiner fortschreitend digitalen Lebensform: Bilder sind Zahlen sind Schriften sind Zahlen. Auch der vermeintlich souveräne Benutzer bleibt von diesem rasenden Tausch kaum unberührt. Fast hätten sie ihn erwischt, die Marketinggeister, die er selbst herbeigerufen hatte, und die beflügelten Massen, die ihnen nacheilten, doch im letzten Moment wird er allen Erwartungen wieder einen Haken schlagen, in seinem unbändigen Drang nach dem Andersartigen. Irgendwo da draußen in den Weiten des virtuellen Metaversums wartet sicher schon ein neues Projekt auf ihn. Reisende soll man nicht aufhalten.

Text: F.A.Z., 29.08.2007, Nr. 200 / Seite 40
Bildmaterial: Kay Herschelmann, Oliver Pritzkow, Sebastian Schleicher, Berlin, ZIA
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [1]
Kreativität - die Ordnungsmacht der nächsten Kulturepoche 29.08.2007, 21:08
 
   
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