Feier mit Fans in Berlin

„Das geht tiefer. Das macht Gänsehaut“

Von Michael Reinsch, Berlin

30. Juni 2008 Man soll die Feste feiern, wie sie fallen. Das ist nicht nur die Devise von Klaus Wowereit, dem Regierenden Partymeister von Berlin. Das ist nun auch Bildungspolitik in der Hauptstadt. Schulsenator Jürgen Zöllner machte am Montag eine Ausnahme vom Kampf gegen den Unterrichtsausfall, den er sonst von Amts wegen führt.

Schließlich gab es die deutsche Fußball-Nationalmannschaft und ihre Sponsoren zu feiern. Am Montagmittag jedenfalls erwartete Zöllner die schulpflichtigen Berlinerinnen und Berliner in hellen Scharen am Brandenburger Tor, das Coca-Cola eingerüstet und Mercedes-Benz ausgestattet hatten; das erste und das zweite Fernsehprogramm machten diese Kulisse mit einer gemeinsamen Übertragung gern zu ihrer Bühne.

Mertesacker: „Wir haben eine harte Nacht hinter uns“

Unterstützt von den Moderatoren Monica Lierhaus und Johannes B. Kerner brachte die Nationalmannschaft die junge Party-Generation mit fröhlichem Gegröle und Gehopse auf den neuesten Stand der Fußball-Folklore. Nationalstürmer Lukas Podolski, Münchner Stürmer von polnischer Herkunft und mit rheinischer Sozialisation, sang mit den Hunderttausend im Tiergarten „Humba, humba, humba täterä!“. Das war herrlich daneben, aber authentischer als die ganze Popmusik, deren Abspielen vertraglich genauso geregelt ist wie das Einspielen von Werbeclips. Obwohl verspätet, mussten die Nationalspieler in der Kulisse warten, bis das Playback des sogenannten offiziellen Euro-Songs abgedudelt war (Siehe auch: FAZ.NET-Übersteiger: Sind wir nur eine Karnevals-Nationalmannschaft?).

Das Primat der Party betonte tapfer Per Mertesacker. „Wir haben zwar eine harte Nacht hinter uns“, sagte er. „aber das hier mussten wir erleben.“ Dabei stand er neben seinem nun wieder glatt rasierten Kollegen aus der Innenverteidigung, Christoph Metzelder. Der hatte seinen Bart sprießen lassen bis zum letzten Spiel. Er sah mitgenommen aus.

„Wir werden demnächst mit dem Pokal hier auflaufen“

Bastian Schweinsteiger versprach: „Wir werden demnächst mit dem Pokal hier auflaufen.“ Nach Platz drei bei der WM in Deutschland und Platz zwei bei dieser Europameisterschaft steht beim nächsten Mal Platz eins an. Das jedenfalls erwartet Bundeskanzlerin Angela Merkel, die in Berlin schräg gegenüber von der Partymeile regiert, und die das Team auch in Zukunft anzufeuern verspricht. Bundestrainer Joachim Löw wollte nicht gleich vom Gewinn der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika sprechen, zumal die Mannschaft sich erst einmal dafür qualifizieren muss.

Sollte Skepsis der Hintergrund der Berliner Schulfreiheit gewesen sein? Schriftlich hatte Schulsenator Zöllner seine Rektoren gebeten, die Schüler zur Nationalelf gehen zu lassen. Wer wisse schon, wie oft Berlin noch einen Europameisterschafts-Finalisten begrüßen könne, fragte sein Sprecher. Dieses singuläre Ereignis sollten die Schulleiter singulär behandeln.

Salut der Berliner Feuerwehr für die falsche Maschine

Die vermeintliche Einmaligkeit war zwar eine Wiederholung des Besuches der deutschen WM-Mannschaft vor zwei Jahren. Damals sollen - sonntags, vor dem Endspiel - eineinhalb Millionen Menschen gefeiert haben. Zumindest die Aufgeregtheit war auch dieses Mal enorm. Bevor eine Motorrad-Eskorte der Berliner Polizei die Busse mit den Nationalspielern und ihren Partnern mit reichlich Verspätung in die Mitte Berlins geleiten konnte, begrüßte die Berliner Flughafenfeuerwehr die aus Wien erwartete Maschine mit einem speziellen Salut: Sie spritzte sie mit zwei Schläuchen ab.

Allerdings hatten sie dabei erst einen anderen Jet erwischt. In dem saßen verblüffte Geschäftsreisende und Urlauber. Die Nationalspieler waren noch in der Luft. Nach Angaben der Lufthansa war das freilich kein Versehen, sondern ein Probelauf.

„Aber wenn man im Finale ist, will man auch gewinnen“

„Ohne die Fans hätten wir es nicht geschafft“, behauptete Mannschaftskapitän Michael Ballack am vor lauter Werbung kaum sichtbaren Brandenburger Tor. In Freizeitkleidung war er in den Bus gestiegen, nun trug er kurze Hose und Sportschuhe. Torhüter Jens Lehmann reklamierte in Kniestrümpfen große Gefühle. „Das geht tiefer“, rief er in das Kreischen der Schulmädchen. „Das macht Gänsehaut.“

„Natürlich freuen wir uns“, sagte tapfer Torsten Frings und verbarg zwar seine Augen, nicht aber seine bitter-süße Stimmung. „Aber wenn man im Finale ist, will man auch gewinnen.“ „Platz zwei ist halb gewonnen“, hatte ein Schulkind aufmunternd auf seinen Arm gemalt. Wie schön, dass eine Niederlage nicht Niedergeschlagenheit bedeutet. Beim nächsten Mal sollten die Berliner Schulkinder dann den Unterschied zwischen Feier und Reklame lernen.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, dpa-Zentralbild, REUTERS