14. Oktober 2008 Superkreativ - aber schwer vermittelbar. Die Vorurteile über die Berliner Mode werden nur langsam abgebaut. Immerhin finden sich die Entwürfe der wohl mehr als 600 selbständigen Kreativen aus der Hauptstadt inzwischen nicht nur in Avantgarde-Kaufhäusern in Tokio, sondern auch auf der Königsallee in Düsseldorf. Und außerdem scheinen sich nun trotz der Finanzkrise und ihren Auswirkungen auf den Luxusmarkt auch Investoren für einige aufstrebende Modemarken zu interessieren.
Finanzierung als größtes Problem der Aufbaujahre
So ist der Investor Volker Tietgens, der bisher vor allem in der IT-Branche tätig war und Aufsichtsratsvorsitzender der Berliner Art+Com ist, nun in die Marken Michalsky und Kaviar Gauche eingestiegen. Wie Tietgens der F.A.Z. bestätigte, hat er eine substantielle Minderheitsbeteiligung an den beiden Marken erworben: Nun sind sie so ausgestattet, dass sie selbständig wachsen können. Tietgens, der sich auch in der New Yorker Szene nach geeigneten Modemarken umgesehen hatte, sagt: Berlin ist eindeutig spannender. Er könne sich vorstellen, in weitere Labels zu investieren. Schon die Berliner Orientierung nach Osteuropa biete großes geschäftliches Potential.
Bei den meisten Modemarken, die in Vorleistung treten und sich dann auch noch mit zahlungsunwilligen Boutiquenbesitzern auseinandersetzen müssen, ist die Finanzierung das größte Problem der Aufbaujahre. Gerade in den wichtigen ersten Jahren, in denen sie mit Schauen in Berlin (wie Michael Michalsky) oder in London (wie Kaviar Gauche) auf sich aufmerksam machen, hemmt das mangelnde Geld die Entwicklung.
Jahresumsatz in einstelliger Millionenhöhe
Risikokapitalgeber, die in New York schon seit Jahren die Modeszene entdecken und inzwischen in fast alle neuen Marken von Derek Lam bis Peter Som investiert haben, sind aber in Deutschland rar. Der 47 Jahre alte Tietgens, der 1991 die Multimedia-Agentur Concept! gründete, sie an die Börse brachte und schließlich 2002 verkaufte, sieht den Erfolg der bei beiden Marken gerade abgeschlossenen Orderrunde, die keine Finanzkrisen-Delle gezeigt habe, als gutes Omen für sein Engagement.
Michael Michalsky, der auch als Chefdesigner von MCM und mit seiner Kollektion für Tchibo Geld verdient, zeigt sich erfreut über die neue Perspektive. Der Modemacher, der noch 52,75 Prozent an seiner Marke selbst hält, sagt, er habe lange nach einem Investor gesucht. Den einen war's zu klein, den anderen zu jung und anderen nicht international genug. Tietgens denke out of the box und passe daher zur Mode. Gemeinsam hätten sie einen Business-Plan erarbeitet, Tietgens helfe in Management- und strategischen Fragen. So hofft Michalsky sein Unternehmen, das 22 Mitarbeiter beschäftigt und einen Jahresumsatz in einstelliger Millionenhöhe macht, in die Gewinnzone zu bringen.
Berliner Mode für die ganze Welt
Johanna Kühl, die mit Alexandra Fischer-Röhler vor fast fünf Jahren Kaviar Gauche gegründet hat, zeigt sich ebenfalls begeistert. Bisher wuchs die Berliner Marke aus sich selbst heraus. Die Modemacherinnen verdienten mit einer Kollektion für Karstadt dazu und präsentieren ihre Kollektionen auf der Londoner Modewoche, weil sie dort mehr internationales Publikum erreichen als in Berlin.
Aber obwohl sich die Umsätze von Saison zu Saison mindestens verdoppelten, obwohl die beiden Designerinnen mit ihren Lamella-Handtaschen hervorstechen und sich mit Abendkleid-Kundinnen wie Heike Makatsch und Marie Bäumer als Red-Carpet-Spezialistinnen etabliert haben, fehlte etwas: Bisher haben wir am Markenaufbau gearbeitet, jetzt muss die Struktur verbessert werden, sagt Kühl. Im Team von sechs festen und mehreren freien Mitarbeiter ist nun auch eine neue Sales-Managerin aus Italien. Und die Liste der bislang 24 Verkaufsstellen in Deutschland und im Ausland soll länger werden. Denn für Berlin allein soll die Berliner Mode nicht gemacht sein.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: CATWALKING.COM, picture-alliance/ dpa