New York

Von Herzen

Von Freddy Langer

Alle lieben New York: Milton Glasers Bekenntnis für die Welt.

Alle lieben New York: Milton Glasers Bekenntnis für die Welt.

05. September 2008 Ich glaube, sie hieß Pat. Sie war einige Jahre jünger als ich und gut einen Kopf kleiner. Jedenfalls stellte sie sich auf die Zehenspitzen, als wir uns verabschiedeten - für immer, wie wir beide wussten. Aber statt dann zu gehen, einfach fortzugehen, ohne sich noch einmal umzuschauen, hielt sie inne, kam zurück, nestelte umständlich am Anstecker ihres Pullovers herum und steckte ihn an den Kragen meiner Jeansjacke. Dann rannte sie fort. Das war im Sommer 1979, in Margaretville, einem kleinen Ort in den Catskill Mountains, einem der kleinen Gebirge im amerikanischen Bundesstaat New York. Auf dem weißen Anstecker war ein kleines rotes Herz zu sehen, dazu drei schwarze Buchstaben I, N und Y.

Zurück in Frankfurt, kapierte kein Mensch, was sich hinter der Abkürzung verbarg. Aber schön fand den Anstecker jeder. Ein bisschen Pop-Art. Ein bisschen wie die Buchstabengemälde von Robert Indiana. "Love" hatte er schon 1967 in quietschbunten Versalien auf riesige quadratische Leinwände gemalt, zwei Buchstaben oben, zwei Buchstaben unten, das O leicht gekippt. Ganz ähnlich sah die Botschaft auf dem Anstecker aus, und auch hier ging es um die Liebe. Ausgeschrieben bedeutete sie: "I Love New York".

Lügen und Leben

Heute gilt der Entwurf von Milton Glaser als das bekannteste Logo in der Geschichte des Tourismus. Als er es 1977 für eine Werbekampagne entwarf, gehörte nicht wenig Mut dazu, sich zu New York zu bekennen. Es war die Zeit des Bürgermeisters Edward I. Koch. Die Stadt wurde damals als "die wunderbare Katastrophe" bezeichnet, bewegte sich am Rand des Konkurses, stand bei Kriminalitätsstatistiken weit oben und beim Abtransportieren von Müll weit unten. Die Neonwerbung am Times Square schaute man sich nachts lieber nicht an, und um den Central Park, so empfahlen es einem die Bewohner Manhattans, sollte man nach Sonnenuntergang einen großen Bogen machen. Ein Herz für diese Stadt: Das war Werbung, wie sie lügt und lebt.

Und doch war der typographisch so einprägsame Liebesschwur von solcher Überzeugungskraft, dass er sehr bald New Yorker Mitbringsel jeder Art zierte, vom T-Shirt bis zum Teddybären. Nur wenig später - und damit lange vor der Zero-Tolerance-Politik des Bürgermeisters Rudolph Giuliani, die dazu führte, dass Manhattan heute vermutlich so sicher ist wie Purkersdorf in Österreich - übernahmen Städte in der ganzen Welt das Emblem für die eigene Werbung: von Sydney über Paris bis eben Purkersdorf. Kein Ort mehr irgendwo, an den man nicht sein Herz verlieren sollte.

Danke, Sandra

Nur New York wollte offiziell von der Kampagne nichts mehr wissen. Was vielleicht schon deshalb gar nicht nötig war, weil sie inoffiziell an allen Souvenirständen der Stadt ungebremst weiterging. Auch in Varianten: Für Iren ersetzte ein Kleeblatt das Herz, für Freunde des Central Park war es ein Baum. Nun aber kehrt das Fremdenverkehrsamt von New York zu seinem erfolgreichsten Slogan zurück. Mit einer umgerechnet fast zwölf Millionen Euro teuren Kampagne soll wiederbelebt werden, was nie tot gewesen ist. Und soll nicht mehr allein für die Stadt werben, sondern für den gesamten Bundesstaat. Etwa die Hälfte der Summe wird im Internet investiert: für Online-Reklame und zugleich für eine Optimierung der elektronischen Auftritte, damit New York in den Suchmaschinen stets auf den vorderen Plätzen steht.

Bei mir steht übrigens jeden Morgen eine Kaffeetasse mit dem Logo von der Liebe zu New York auf dem Frühstückstisch. Ich habe sie vor ein paar Jahren geschenkt bekommen. Von einer Sandra.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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