FAZ.NET
Investor
Märkte
F.A.Z.-Archiv
Abo

FAZJOB.NET

Banking Channel

22. November 2008

Mein FAZjob.NET:
FAZJOB.NET
NEU FAZjob.NET - Tour




FAZjob.NET >Beruf und Chance >

   
 Beruf und Chance 
 
Arbeitswelt
Vergütung
Arbeitsrecht
Neue Köpfe
Personalprofi
Campus
Stellensuche
F.A.Z.-Community
 
   

F.A.Z.-Stellensuche

   (Hilfe)


Unternehmen des Monats


Jobs der Woche

Universität

Tropische Forstwirtschaft

Von Gernot Uhl



Exotische Studienfächer eröffnen berufliche Perspektiven
11. Oktober 2005 
Sandra Scheuble steht vor einem Rätsel. Die 24 Jahre alte Studentin weiß, daß vor rund 2200 Jahren in einem ägyptischen Schreiberbüro eine Urkundensteuer bezahlt wurde: vor ihr liegt auf einem Papyrus die Quittung.

Nun sucht sie Antworten, denn die Quittung ist nur unvollständig erhalten. Wer hat diese Steuer bezahlt, warum und wofür? Die Forschung weiß noch keine Antwort.

Papyri entziffern

Sandra ist eine von 22 Studenten, die in Trier Papyrologie studieren, um solche Fragen zu beantworten. Sie lernt, einzelne Papyri zu entziffern, zu übersetzen und zu kommentieren. „Papyrologie ist immer irgendwie interdisziplinär“, sagt die Trierer Professorin Bärbel Kramer. Meist seien die Schriftstücke in Griechisch oder Latein verfaßt, als Folgen der Eroberung Ägyptens durch Alexander den Großen und des römischen Einflusses.

Die Dokumente seien Zeugnisse des Alltags im antiken Ägypten. Nicht nur Literatur, sondern auch Rechnungen, Haushaltsbücher oder eben Steuerquittungen sind der Forschung erhalten geblieben. Kramer sieht die Papyrologie nicht als Hilfswissenschaft, sondern als „Grundlagenfach der Altertumswissenschaften“ - mit modernen Methoden. „Weltweit werden derzeit Papyrussammlungen digitalisiert und im Internet zur Verfügung gestellt.“ Das spart Reise- und Anschaffungskosten.

Überzeugungstäter

Die kleinen Studiengänge, sogenannte Orchideen, haben häufig auch keine großen Budgets. Die Trierer Sammlung wurde in einem dreijährigen, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt in Computerdatenbanken eingespeist. Angehende Papyrologen machen in solchen befristeten Projekten zumeist die erste Berufserfahrung.

Wer eine feste Anstellung sucht, etwa an Universitäten oder Museen mit Papyrussammlungen, muß nach Ansicht Kramers promovieren. „Wer wirklich gut ist, der hat eine Chance, aber man muß Überzeugungstäter sein.“ Denn der Arbeitsmarkt ist klein: „In den vergangenen drei Jahren sind weltweit rund zehn Planstellen neu besetzt worden.“

Hervorragende Berufsaussichten

Albrecht Wolter von der Technischen Universität in Clausthal plagen andere Sorgen. Der Professor bildet Ingenieure für Bindemittel und Baustoffe wie Zement, Kalk oder Gips aus. „Die Berufsaussichten sind hervorragend. Es ist bitter, wir haben nicht genügend Absolventen für alle Job-Anfragen“, sagt Wolter.

Bislang war Glas-Keramik-Bindemittel ein eigener Diplom-Studiengang in Clausthal, 34 Studenten wurden im vergangenen Semester von drei Professoren betreut. Mit der Umstellung auf Bachelor und Master-Abschlüsse geht das Fach als Spezialisierungsrichtung in den Materialwissenschaften und Werkstofftechniken auf, berichtet Wolter.

Flexible Werkstoff-Generalisten

Er findet es gut, daß die Studenten interdisziplinär arbeiten müssen. „Wir möchten flexible Werkstoff-Generalisten ausbilden, die nicht durch ihr Studium an ein einziges Berufsfeld gebunden sind.“ Neben Mathematik und Physik stehen auch Konstruktionsmethoden, Maschinenlehre und Meßtechnik auf dem Stundenplan.

Im Semesterprogramm finden sich aber nicht nur Vorlesungen und Seminare, sondern auch Praktika. In Labors testen Studenten zum Beispiel, wie verwertbar, fest und dauerhaft Zement ist. Daneben engagieren sich viele in der Forschung und sammeln als wissenschaftliche Mitarbeiter Erfahrungen. „Einer meiner Studenten verarbeitet gerade Industriereststoffe zu einem Sandersatz, der später Beton zugesetzt wird“, sagt Wolter.

Niedrige Studentenzahlen

Auf Exkursionen werden Kontakte zur Industrie als späterem Berufsfeld geknüpft. Wen es nach dem Studium nicht in die Forschung oder in Behörden wie die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung zieht, der baut und betreut vielleicht Zementanlagen oder Keramiköfen. Wolter weiß, daß es bis dahin ein anstrengender Weg für seine Studenten ist. Die hohen Anforderungen seines Faches und die niedrigen Studentenzahlen gehen für ihn Hand in Hand: „Die Studiengänge, die nach Arbeit aussehen, sind schlecht frequentiert.“

An Deutschlands Universitäten werden keineswegs nur Massenstudiengänge angeboten: Etwa 30 Fächer haben weniger als 150 Studenten. Aber nicht in jedem Nischenfach mangelt es an Interessenten. Wie beim Studiengang Transportation Design an der Fachhochschule Pforzheim, bei dem Autos, Schiffe und Flugzeuge entworfen und gestaltet werden. „Pro Semester nehmen wir bei 100 Bewerbern nur etwa zehn bis fünfzehn Studenten auf.

Studenten entwickeln eigene Konzepte

Die Betreuung durch die zwei Professoren ist dadurch sehr intensiv“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Karen Feiter. Das Ziel: internationales Renommee und hochqualifizierte Absolventen. Die Berufsaussichten seien zwar schon besser gewesen, sagt Feiter, aber im Vergleich zum Mode- und Industrie-Design schnitten die Absolventen im Transportation Design gut ab. Fast alle finden ihre berufliche Zukunft als Diplom-Designer in Automobilkonzernen. Transportation Design solle als projektorientiertes Studium, Praxissemester inklusive, darauf vorbereiten.

Ab dem vierten Semester entwickeln die Studierenden eigene Konzepte zu gestellten Aufgaben. Häufig seien diese Projekte mit der Industrie gemeinsam geplant, um den Studenten frühzeitig Kontakte zu vermitteln. Im vergangenen Sommer entwarfen sie zum Beispiel dreidimensionale Computermodelle von Kleinfahrzeugen mit einem von der Industrie neu entwickelten Zweizylinder-Benzin-/Gas-Motor.

Tropen in Dresden

Dabei mischen sich künstlerische Fächer wie Fotografie und Malerei mit Kfz-Konstruktionslehre und Ergonomie. Zudem üben sich die Studenten auch in fachspezifischen Computerprogrammen. Sie sollen lernen, die Zielvorgaben der Industrie mit eigenen Vorstellungen zu verbinden.

Jürgen Pretzsch ist ebenso ein Mann mit Ideen. Er ist Professor für tropische Forstwirtschaft an der Technischen Universität Dresden. Die Studenten sollen lernen, den tropischen Wald „nachhaltig zu bewirtschaften, so daß er die Bevölkerung auf lange Sicht trägt und ernährt“, sagt Pretzsch. Tropen in Dresden? Nicht ganz. Die meisten der jährlich 15 bis 20 neuen Studenten des englischsprachigen Masterstudienganges kommen aber aus Tropenregionen.

Anwalt der Einheimischen

Wer bei Jürgen Pretzsch studiert, lernt Mensch und Wald, forstwirtschaftliche und sozioökonomische Aspekte der Tropen kennen. Pretzsch sieht sich als Anwalt der Einheimischen, strebt Patentregelungen für die Ausfuhr von tropischen Rohstoffen an. „Unser Ziel ist es, die Wertschöpfung in den Tropenregionen zu erhöhen.“ Das Studium ist praxisorientiert. Master- und Doktorarbeiten werden in Deutschland geschrieben, „die Feldforschung findet aber in Tropenländern statt“.

Damit sich Studenten aus Laos oder Kambodscha die rund 25 000 Euro teure Ausbildung in Dresden leisten können, werden sie meist vom Deutschen Akademischen Auslandsdienst (DAAD) durch Stipendien gefördert. Während im Ausland solche Studienplätze heiß begehrt sind, wollen hier nur wenige Deutsche ihren Tropenmaster machen.

Föhrerfriesisch und Mooring

Nach dem Studium gehen die Studenten zurück in ihre Heimatländer, um dort ihr Wissen umzusetzen. „In Vietnam, Äthiopien oder im Sudan bekleiden ehemalige Dresdner Studenten hohe Positionen in Ministerien und Universitäten“, berichtet Pretzsch. Auch für die deutschen Studenten liege die berufliche Zukunft in den Tropen.

Die insgesamt 45 Studenten des 56 Jahre alten Briten Alastair Walker können sich ganz in der Nähe ihres Studienortes nach möglichen Arbeitgebern umsehen. Walker lehrt als wissenschaftlicher Mitarbeiter Friesische Philologie an der Universität in Kiel. Er bringt seinen Hörern bei, was eine Mundart ist, wie man Mehrsprachigkeit untersucht oder ein Wörterbuch schreibt. Zum Studium gehören von Anfang an auch Sprachkurse. So kann man in Kiel Föhrerfriesisch, die Mundart der Insel Föhr, oder Mooring, die festlandfriesische Mundart um Niebüll lernen.

Westfriesische Syntax

Daneben setzen sich die Studenten mit Grammatikforschung, friesischer Etymologie sowie nordfriesischer Landeskunde und Literatur auseinander. Im Hauptstudium vertiefe man sich in speziellere Themen, sagt Walker. So würden beispielsweise altfriesische Handschriften oder westfriesische Syntax analysiert. Die Berufsaussichten unterscheiden sich nach Ansicht Walkers nicht von anderen geisteswissenschaftlichen und philologischen Fächern.

„Ein ehemaliger Student hat ein Medienbüro eingerichtet und produziert Filme über Nordfriesland und die Friesen“, sagt er. Andere werden Gymnasial- oder Realschullehrer. Viele Absolventen seien in der nordfriesischen Sprach- und Kulturarbeit tätig. „In der letzten Zeit sind drei Stellen für Friesisten ausgeschrieben worden“, sagt Walker. Auch am Lehrstuhl gibt es kaum Sorgen um die zwei Stellen. „Friesisch und damit indirekt auch das Fach Friesische Philologie sind auf Landes- und Europaebene geschützt.“

„Universitäten sind schöne Misthaufen“

Für Alastair Walker ist das Friesische jedoch mehr als Heimatkunde. Im Gegenteil, es sei sogar über deutsche Landesgrenzen hinweg eingebunden. „In Brüssel gehöre ich einem Komitee an, das für 2006 zusammen mit der Europäischen Union eine Tagung zu Regional- und Minderheitensprachen in europäischen Bildungssystemen vorbereitet“, sagt Walker.

Albert Einstein hat einmal gesagt: „Universitäten sind schöne Misthaufen, auf denen gelegentlich einmal eine edle Pflanze gedeiht.“ Manches Orchideenfach gehört zu diesen schönen Gewächsen.

Text: F.A.Z., 08.10.2005, Nr. 234 / Seite 59
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb
 
 
   
 Zum Thema 
 
Theodor W. Hänsch: Der Lichtzauberer aus München
Wissenschaftsnachwuchs: Von den Guten die Besten
 
   
   
 Artikel-Service 
 
Seite drucken
Versenden
Lesezeichen
Vorherige Seite
 
   
   
 Neue Köpfe 
   
 
Hoenen neuer GDV-Präsident  
 
   
     
  FAZ JOB-Blog  
 
Per Anhalter durch die Arbeitswelt
 
 
 
 
 
Karriere im Takt
 
 
 
 
 
Coach Me If You Can
 
     
 




Impressum  |  Datenschutzerklärung  |  Nutzungsbedingungen  |  Preise  |  Über uns

Alle freien Jobs und Stellen  |  Stellenangebote nach Firmen und Unternehmen  |  Vorteile auf einen Blick  |  FAZjob.NET - Tour