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Arbeitsplatz

Weiterbildung ist wichtiger als ein hohes Gehalt

Von Doris Brenner



07. November 2004 
Was ist Bewerbern bei ihrem zukünftigen Arbeitsplatz besonders wichtig? Mit steigender Tendenz steht die Sicherheit des Arbeitsplatzes auf der Wunschliste von Stellensuchern oben.

Mit der zunehmenden Zahl an Insolvenzen, Verlagerungen ins Ausland und Fusionen schätzen nicht nur ältere Arbeitnehmer, sondern auch Hochschulabsolventen die Bedeutung eines sicheren Arbeitsplatzes. Aber was heißt sicherer Arbeitsplatz? Unternehmen fällt es immer schwerer, diesem Arbeitnehmerbedürfnis in der Form einer langfristigen Beschäftigungszusage gerecht zu werden. "Als Arbeitgeber kann ich heute maximal mit einem Planungshorizont von drei Jahren abschätzen, wie meine Auslastung aussieht. Daher wäre es auch nicht seriös, unseren Mitarbeitern eine pauschale Arbeitsplatzsicherheit vorzugaukeln", sagt Gunther Olesch, Mitglied der Geschäftsführung von Phoenix Contact in Blomberg.

Lebenslanges Lernen

Ob Großunternehmen oder Familienbetrieb, Traditionsfirma oder Start-up: alle spüren, wie der globale Wettbewerb immer härter wird. "Nur wenn wir innovativ und flexibel sind, werden wir uns am Markt behaupten können - und das ist schließlich die Voraussetzung, um Arbeitsplätze zu sichern und neu schaffen zu können", ergänzt Olesch. Nach seiner Auffassung sind hier Unternehmer und Mitarbeiter gleichermaßen gefordert, um diese Wettbewerbsfähigkeit sicherzustellen. Phoenix Contact steht gut da. Mit einem Umsatz von über 600 Millionen Euro und einem Wachstum von 10 Prozent im vergangenen Jahr ist das Unternehmen auf Expansionskurs. Und das soll auch so bleiben. So investiert das Unternehmen rund das Doppelte des Branchendurchschnitts in die Aus- und Weiterbildung der gut 6000 Mitarbeiter.

Olesch fordert von seinen Mitarbeitern die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen: "Je offener Mitarbeiter neuen Anforderungen gegenüberstehen und je flexibler sie einsetzbar sind, um so mehr tragen sie zur Sicherheit ihres Arbeitsplatzes bei." Daß die Zusage von Weiterqualifizierungsmaßnahmen für die Mitarbeiter zunehmend mehr in den Fokus der Tarifverhandlungen rückt als die Gehaltsforderungen, bestätigt auch Jochen Laux vom Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB): "Wir müssen sicherstellen, daß sich Arbeitnehmer durch entsprechende Beratung und zukunftsfähige Weiterbildung auf die sich verändernden Anforderungen einstellen können. Hier sind die Unternehmen in der Pflicht, und die Gewerkschaften unterstützen diesbezügliche Maßnahmen und Vereinbarungen aktiv", sagt Laux.

Weiterbildung nimmt zu

Zunehmend erkennen aber auch die Arbeitnehmer selbst, daß es nicht ausreicht, nur die seitens des Arbeitgebers angebotenen Qualifizierungsmaßnahmen zu nutzen. Eigeninitiative ist gefragt, um sich mittel- und langfristig für den eigenen Arbeitgeber, aber auch am Arbeitsmarkt attraktiv zu halten. Hier sei jedoch noch ein gewaltiger Umdenkprozeß notwendig, meint Knut Diekmann vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag. "Arbeitnehmer sollten intensiv verfolgen, wie sich die Anforderungen seitens der Wirtschaft entwickeln, und sich gezielt in diesen Feldern weiterqualifizieren." Insgesamt nehmen die berufsbegleitenden Weiterbildungsmaßnahmen, die von Arbeitnehmern in ihrer Freizeit und auf eigene Kosten besucht werden, zu. Über eine Million Abschlüsse im Bereich der Weiterbildung wurden in den Jahren 1990 bis 2004 erfolgreich getätigt und von den Industrie- und Handelskammern mit einem Siegel versehen. Machte früher die Mehrzahl der Teilnehmer solche Qualifizierungen, um einen Karriereschritt vorzubereiten, so rückt heute die Sicherung des Status quo in den Vordergrund.

Kommt es doch zu einem Personalabbau, sei der für alle Beteiligten äußerst schmerzlich, berichtet Stefanie Lommel, Personalleiterin bei der Agfa-Gevaert AG, Werk Wiesbaden: "Die betroffenen Mitarbeiter sind oft wie paralysiert. Besonders wenn sie über viele Jahre im Unternehmen tätig waren, fällt es ihnen äußerst schwer, neue berufliche Perspektiven für sich zu entdecken und mit den weitreichenden Veränderungen zurechtzukommen. In dieser Situation helfen wir durch das Angebot an Outplacement-Maßnahmen, die im Rahmen eines Transfer-Sozialplanes bisher sehr positive Ergebnisse bei der Vermittlung in neue Arbeitsverhältnisse brachten."

Qualifizierungskurse sollen den Status quo erhalten

Viele Mitarbeiter erkennen zwar, daß es ihrem Unternehmen schlechtgeht, wollen aber nicht wahrhaben, daß die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz unausweichlich ist. Nach dem Motto "Was nicht sein soll, darf nicht sein" verharren sie in den bisherigen Denk- und Handlungsmustern. Lernbereitschaft und Flexibilität sind aber auch die zentralen Voraussetzungen, um sich auf dem externen Arbeitsmarkt erfolgreich positionieren zu können. Hier zeigen sich nicht nur bei kleinen Angestellten und Lohnempfängern Defizite, sondern diese reichen hoch bis in die Führungsetagen.

Winfried Guba, Karriere- und Outplacement-Berater aus Hannover und selbst lange Jahre als Top-Manager in der Wirtschaft tätig, kann davon aus seiner Beratungspraxis ein Lied singen. "Viele Führungskräfte stehen mit dem Verlust des Arbeitsplatzes vor einem Scherbenhaufen. Die wenigsten Manager nehmen sich in dem Streß und der Hektik des Berufsalltags die Zeit, regelmäßig eine Standortbestimmung durchzuführen und in die eigene Weiterqualifizierung zu investieren. Sie wiegen sich in vermeintlicher Sicherheit, solange sie mit Statussymbolen ausgestattet sind und im Unternehmen etwas zu sagen haben. Ist der Job weg, kriselt es häufig auch im Privaten, weil immer die Arbeit Vorrang hatte." Daher bieten Guba und seine Beratungskollegin Boenig ein einwöchiges Coaching-Programm für Führungskräfte und deren Lebenspartner an, um solche Krisensituationen gemeinsam zu verarbeiten und neue Perspektiven zu entwickeln.

Zwei Jahre bleiben Berufstätige heute im Unternehmen

Fest steht: Vorbei sind die Zeiten, in denen der Einstieg in ein Unternehmen mit dem Anspruch auf eine Lebensstellung gleichgesetzt werden konnte. Dieses Gefühl der Arbeitsplatzsicherheit wird in der Zukunft immer weniger befriedigt werden können. Betrug die durchschnittliche Beschäftigungszeit bei einem Arbeitgeber in der Vergangenheit noch über zehn Jahre, so ist diese besonders bei der jüngeren Beschäftigtengeneration drastisch auf rund zwei Jahre Verweildauer gesunken, so eine Studie der International Labour Organization (ILO) in Genf. Also müssen sich die Arbeitnehmer immer häufiger mit dem Thema Stellensuche und alternativen Beschäftigungsformen auseinandersetzen. So ist die Zunahme der befristeten Arbeitsverhältnisse sowie der nicht sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse deutlich zu erkennen.

Auch das Thema Selbständigkeit wird im Rahmen der individuellen Berufs- und Lebensplanung weiter an Bedeutung gewinnen, auch wenn Deutschland mit einer Selbständigenquote von rund 10 Prozent der Erwerbsfähigen im internationalen Vergleich heute noch bescheiden dasteht. Die veränderten Anforderungen in puncto Eigenverantwortung bieten aber auch die Chance der persönlichen Gestaltung einer individuell auf die eigenen Bedürfnisse hin ausgerichteten Lebens- und Karriereplanung, die sich nicht mehr an starren Mustern orientieren muß.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2004, Nr. 260 / Seite 56
 
 
   
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