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Wirtschaft und Psychologie Das Schlotterhosengefühl zugeben Von Ursula Kals
Das Schlagwort vom lebenslangen Lernen ist trivial, aber wahr. Die Arbeitswelt dreht sich schneller, Anforderungen verdichten sich. Arbeitnehmer müssen sich in neue Computerprogramme einarbeiten, sich mit neuen Gesetzen auskennen, auf neue Handelsbeziehungen eingehen. Wer sich ernsthaft weiterbildet, der möchte darüber auch ein Zertifikat haben. Und das gibt es nur für einen Nachweis der Kenntnisse: Lebenslanges Weiterbilden heißt lebenslanges Geprüftwerden. Manche nehmen das leicht, ignorieren lästiges Vokabellernen und stottern sich guter Dinge durch das Spanischdiplom. Anderen perlt schon der Schweiß beim Gedanken daran, eine Passage des Cid vorzutragen. Das nennt man Prüfungsangst. Die schlechte Nachricht: Die Angst hört mit zunehmendem Alter keineswegs auf. Die gute Nachricht: Die Angst läßt sich bekämpfen. Blamagen und Imageschäden
Diese positive Botschaft vermittelt Madeleine Leitner. Die Diplom-Psychologin vom Vorstand der Sektion Wirtschaftspsychologie im Berufsverband deutscher Psychologen hat Jahre an Assessment-Centern von Unternehmen mitgewirkt und kennt die Angst vor Blamagen und Imageschäden, die abgelehnte Kandidaten niederdrückt. Scheitern sie bei einem Qualifizierungsverfahren, fürchten sie Unverständnis oder gar Häme der anderen. Anstatt sich zu exponieren, verharren sie lieber in der zweiten Reihe und verzichten auf einen Aufstieg. Prüfungsängste bewegen, so beobachtet die Karriereberaterin, oft sehr tüchtige, intelligente Leute. Sie haben eine soziale Phobie, erkennen das aber nicht und wissen nicht, daß sie angstauslösende Situationen vermeiden. Gründe liegen oft in frühester Kindheit. Angst vor Ablehnung kann durch traumatisch nachwirkende frühe Erlebnisse ausgelöst werden, etwa durch den Lehrer, der einen als Grundschulkind vor der Klasse bloßgestellt und der Lächerlichkeit preisgegeben hat. So wie bei der heute über fünfzigjährigen gestandenen Leiterin einer Finanzabteilung, die Prüfungssituationen nervös ausweicht und tausend Tode stirbt, wenn sie vor anderen reden muß. Als Siebenjährige ist sie von der Klasse ausgelacht worden, das wirkt unbewußt nach. Fatal auch die drückende Konkurrenz durch ein Geschwisterkind, das einfach immer ein klein wenig pfiffiger war. Wie ich mit mir umgehe, das ist ein Spiegel der Vergangenheit, sagt Madeleine Leitner. In ihrer Münchener Praxis erlebt sie zwei Typen. Diejenigen, die sich eine gesunde Erfolgsorientierung zu eigen gemacht haben, sich effizient und einflußmächtig fühlen und sich bei Mißerfolgen attestieren: Ich habe es gut gemacht, habe halt Pech gehabt. Ganz anders jene, die früh auf Mißerfolg gestimmt worden sind und davon ausgehen: Es klappt ja doch nicht. Kommt es anders, führen sie das auf äußere Umstände zurück und darauf, Glück gehabt zu haben. Läuft etwas schief, glauben sie, etwas falsch gemacht zu haben, Mißerfolge schreiben sie sich selber zu. Übrigens sind Frauen besonders anfällig für dieses Sich-klein-Machen - eine karrierevernichtende Haltung. Irren ist menschlich Was tun? Fünf Jahre auf die Couch und die Untiefen der Seele ausloten? Die psychologische Psychotherapeutin bevorzugt verhaltenstherapeutische Ansätze. Zum Beispiel aufmerksame Selbstbeobachtung. Konkret die Überlegung: Welche Dinge gehen mir vor einer beruflichen Herausforderung durch den Kopf? Sätze wie Das mußt du gar nicht erst probieren oder Das hat keinen Zweck? Solche negativen Prognosen sollten hinterfragt werden: Was war damals wirklich, was aber ist jetzt? Wenn ich mit sieben Jahren häßliche Hochwasserhosen anziehen und den Spott der anderen ertragen mußte, dann ist das heute passe. Solche Überlegungen entlasten. Für den ängstlichen Kopf müssen neue Leitsätze her: Irren ist menschlich, Wo gehobelt wird, da fallen Späne, No risk, no fun. Hilfreich bei der Angstreduktion sind klassische Entspannungstechniken, autogenes Training oder die progressive Muskelentspannung nach Jacobsen. Wer sich diese zu Körper und Gemüt führt - über eine CD oder einen Kurs - und dabei eine Prüfungssituation visualisiert, der konditioniert die schweißtreibende Situation mit einem entspannten Zustand. Das gibt innere Sicherheit und vermittelt das Gefühl, man kann etwas machen und ist der Angst nicht ausgeliefert, ermuntert Leitner. Auch beruhigend: Schon konzentrierte Bauchatmung mindert den Druck. Am bedrohlichen Tag X helfen Rituale. Zum Beispiel tiefes Durchatmen, sich kurz zurückzuziehen, einen positiven Vorsatz zu formulieren. Denn Leute in Alarmstellung haben nicht mehr den Zugriff auf das Wissen, über das sie eigentlich verfügen, sagt Madeleine Leitner. Spickzettel Ihr Lebenspartner, Berufsschullehrer und begeisterter Pädagoge, rät zu kleinen Tricks: sich vorher abfragen lassen und im Rollenspiel Antworten üben. Einen Spickzettel machen, den man nicht brauchen wird - einerseits, weil man den tückischen Stoff so komprimiert zusammengefaßt hat, daß man ihn nachts herunterbeten könnte, andererseits, weil das Gefühl der Notfallnotizen beruhigt. So wie Phobikern, die eine Beruhigungstablette im Portemonnaie mittragen und diese nicht nehmen, das Wissen reicht schon. Angstmindernd ist ein konkreter Lernplan. Hagen Seibt rät zum strategischen Vorgehen. Der Bochumer Wirtschaftspsychologe kennt nicht wenige gestandene Manager, die Erfolg gehabt haben, nun noch etwas für sich tun möchten und einen MBA-Abschluß anstreben. Der Kandidat muß das Ding praktisch sehen wie ein Projekt und einen strukturierten Plan machen, wie er es gut kann: Wir erschließen uns den Markt im Jemen und machen einen Projektplan. So sei der ergraute Prüfling Studenten um Längen voraus und verhindere, die letzten drei Nächte durchzuschuften. Ebenso entlastend sei es, sich die Ängste einzugestehen, sie nicht zu verheimlichen und vor anderen zuzugeben. Nicht den dicken Max herauskehren: Das mache ich mit links. Ein bißchen Schlotterhose habe ich ja. Bei schriftlichen Prüfungen auskundschaften, ob es Vorklausuren gibt, und sich ein Bild von den Prüfern machen. Klären: Wer sitzt mir gegenüber, gibt es Vorerfahrungen, was haben die für Eigenarten, was reiten die für Steckenpferde? Seibt lacht: Vor 30 Jahren gab es einen Psychologieprofessor in Münster, der sich festgerannt hat bei dem Thema räumliches Sehen. Der Mann war auf einem Auge blind. Gut, wenn das der Prüfling wußte und in der Wahrnehmungspsychologie firm war. Ehrlichkeit hilft Das neueste Buch, die jüngste Veröffentlichung des Prüfers sollte man kennen. Und sich dann gezielt etwas ausdenken, wo man widersprechen kann: In Ihrem letzten Aufsatz habe ich etwas gelesen, das sehe ich anders. Den Prüfer möchte ich sehen, der sich nicht gebauchpinselt fühlt! Wird im Gespräch ein Thema abgefragt, von dem man keine Ahnung hat, helfe Ehrlichkeit: Verbal eine Lücke zulassen macht einen besseren Eindruck, als rumzudrucksen. Nicht das Feindbild Prüfer zementieren: Das ist nicht der Gegner, sondern vielleicht jemand, der es als Ehre ansieht, jemanden aus der Praxis durch die Prüfung zu begleiten. Hektisches Lernen in der Nacht davor ist unsinnig. Lieber eine Flasche Bier oder ein Glas Wein trinken und ins Kino gehen. Wenn man bis zwei Uhr nachts wachliegt, dann liegt man eben wach. Nicht hadern. Auch ein Teil des Projektplans: das Denken an den GAU. Was passiert beim Nichtbestehen? Schwingt der Vater den Rohrstock, fliege ich aus der Firma? Eigentlich passiert nichts, sagt Hagen Seibt.
Bildmaterial: F.A.Z.-Tresckow, picture-alliance / dpa/dpaweb
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