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Auslandspraktika

In der polnischen Amtsstube

Von Thomas Veser



Krakau ist ein schöner Platz zum lernen und arbeiten
03. Januar 2005 
Daß er seinen ersten Arbeitstag in einer polnischen Amtsstube „mit gemischten Gefühlen“ angetreten hat, räumt der Frankfurter Tilmann Krömmelbein freimütig ein. Als Jurist, der inzwischen das erste Staatsexamen abgeschlossen hat, verbrachte der Neunundzwanzigjährige bereits ein Gastsemester in Litauen.

Doch statt in einer „verstaubten und verkrusteten Bürokratie“ zu landen, stieß er im Krakauer Referat für Europäische Integration auf junge und dynamische Teams und Vorgesetzte, die von dem Praktikanten aus Deutschland „Eigeninitiative erwarteten und bald anspruchsvolle Arbeiten auf ihn übertrugen“, berichtet Tilmann Krömmelbein, der sich auf Osteuropa-Recht spezialisieren wird.

Europäischer Austausch

Sieben Wochen lang hatte sich Krömmelbein während der Semesterferien am ersten Praktikantenaustausch zwischen Frankfurt am Main und Krakau beteiligt, initiiert wurde er von der gemeinnützigen Hertie-Stiftung (http://www.ghst.de), die für den Förderschwerpunkt Europäische Integration die langjährige Partnerschaft zwischen den beiden Großstädten nützt.

Jedes Jahr wählt die Stiftung mit den Stadtverwaltungen aus jedem Land jeweils zehn Teilnehmer am Praktikantenprogramm KAFKA (kommunaler Austausch Frankfurt-Krakau für junge Akademiker) aus, vermittelt sie je nach Neigung und Qualifikation überwiegend an kommunale Behörden, aber auch an privatwirtschaftliche Unternehmen und gewährt ein angemessenes Stipendium. Zuvor findet ein mehrwöchiger Sprachkurs statt. Außerdem sorgt sie für kostenfreie Unterkunft in Einzelzimmern eines Studentenwohnheimes.

Grundvoraussetzung für die Bewerber ist, daß sie an Austauschprogrammen, egal mit welchen Ländern, teilgenommen und Auslandserfahrung gesammelt haben. Unterdessen beteiligen sich auch Leipzig und Danzig am Praktikantenaustausch, Prag und Budapest folgen. Marlies Mosiek-Müller, Sprecherin der Geschäftsführung der Hertie-Stiftung, will den Austausch auf ganz Europa ausweiten und so „das bewährte Netzwerk der Städtepartnerschaften in der jüngeren Generation mit Leben füllen“.

Berufsbezogene Praktika in Osteuropa weitgehend unbekannt

Damit widmet sich eine gemeinnützige Institution erstmals einem seit lange brachliegenden Feld: Berufsbezogene Praktika sind in Osteuropa weitgehend unbekannt, im Westen gibt es viel zu wenige Stellen und „immer öfter müssen sich die Auserwählten damit abfinden, daß sie noch nicht einmal eine finanzielle Entschädigung erhalten“, berichtet die 28 Jahre alte Julia Irsch, die mit der 24jährigen Nadja Losse im renommierten Krakauer Buchinstitut eine Praktikantenstelle fand.

„Von Osteuropa hatte ich kaum mehr als vage Vorstellungen, mein Interesse hielt sich in Grenzen“, bekennt die Germanistin und Hispanistin Julia Irsch freimütig. Wie Nadja Losse, die Kulturanthropologie studiert, hätte sie sich nie träumen lassen, Deutschlands größtes Nachbarland im Osten für einen längeren Zeitraum zu besuchen, geschweige denn dort zu arbeiten.

„Polen muß nicht erst Europa werden, sondern ist es bereits“

Als staatliche Gründung macht das Buchinstitut polnische Literatur im Ausland bekannt und fördert Übersetzungen in andere Sprachen. Schnell habe sich die Furcht, „für anspruchslose und unbeliebte Aufgaben eingesetzt zu werden und damit das Praktikum lediglich abzusitzen“, als unbegründet erwiesen.

Vielmehr beteiligte sie sich an der Vorbereitung des polnischen Auftritts an der Frankfurter Buchmesse, und anschließend perfektionierte sie die Internetseite des Buchinstituts. Ihre Bilanz fällt positiv aus: „Das Buchinstitut unterscheidet sich nur unwesentlich von einer deutschen Literaturagentur“, resümiert Julia Irsch. Und: „Polen muß nicht erst Europa werden, sondern ist es bereits“, faßt Nadja Losse ihre Erfahrungen zusammen.

„Gängige Vorurteile aus der Welt räumen“

Besonders lebhaft ist Tilmann Krömmelbein die polnische Improvisationsgabe in Erinnerung geblieben: „Kaum sind die neuen EU-Verwaltungsvorschriften einigermaßen eingearbeitet, werden sie schon wieder verändert oder ergänzt. Während sich die Beamten mit den Normen vertraut machen, müssen sie ständig Ratsuchenden Auskunft erteilen.“ Es gebe keine bessere Methode, als durch ein Praktikum „gängige Vorurteile“ über das östliche Nachbarland aus der Welt zu räumen.

Dazu trägt auch das an den Wochenenden stattfindende Rahmenprogramm bei: Besuche bei Industrieunternehmen und Medienverlagen, Gesprächsrunden mit Politikern und Vertretern der Kirche sind ebenso vorgesehen wie kulturhistorische Streifzüge. Verständigungsprobleme hätten nur eine Randrolle gespielt. „Englisch und Deutsch sind bei der jüngeren Generation weit verbreitet“, bekräftigt Krömmelbein. Wer jedoch länger bleibe, werde nicht um das gründliche Erlernen der Landessprache herumkommen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2004, Nr. 306 / Seite 56
Bildmaterial: picture-alliance / dps
 
 
   
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