20. August 2008 Für viele Moskauer versteht es sich von selbst, doch wenn ein bekannter oppositioneller Schriftsteller es ausspricht, obendrein gegenüber einem amerikanisch finanzierten Radiosender, dann wird der Überbringer der Botschaft ruiniert. Moskaus Gerichte würden kein Urteil gegen den Willen von Bürgermeister Luschkow fällen, sagte Prosaautor und Anarchist Eduard Limonow im April des vergangenen Jahres in einer Sendung von Radio Liberty“ auf die Frage, warum Demonstrationsversuche der Kreml-Gegner vom Anderen Russland“ ein Gerichtsverfahren nach sich zögen. Die Gerichte der Hauptstadt würden von Luschkow kontrolliert, wiederholte Limonow den Befund, den man täglich in informellen Gesprächen hört und im Internet liest.
Da erklärte der Bürgermeister, dessen Gattin als reichste Frau Russlands gilt, seine Ehre und Würde“, jenes nebulöse Rechtsgut, mit dessen Definition sich selbst russische Juristen schwertun, für verletzt. Laut Gerichtsurteil muss Limonow Luschkow nun eine halbe Million Rubel, 14.000 Euro Schmerzensgeld zahlen. Luschkow hat das Geld schon publikumswirksam verplant. Es soll in einer neuen Schule im Dorf Medyn, südlich von Moskau im Landkreis Kaluga gelegen, in Geräte, Kindersportkleidung und Lehrergehaltszulagen investiert werden.
Verräter duldet er nicht
Limonow, der, nach einer Karriere als Protestautor, Bürgerkriegspartisan, Polithäftling auf seine alten Tage Familienvater wurde, kann Luschkow nicht auszahlen. Er habe zwei kleine Kinder, beichtet Limonow auf seinem Netzportal, seine Frau erwarte ein drittes, außerdem komme er für die Pflege seiner 86 Jahre alten Mutter auf. Ob sie sich an einer Schulausrüstung freuen könnten, die seine Kinder ihre Milch und seine Mutter ihre Pflege kosten würde, appelliert der Schriftsteller an das Gewissen der Dörfler.
Luschkow, der Herr über die russische Kapitale, fördert mit Vorliebe Kleinstadtschulen und -kindergärten und plant schon Sozialwohnungen für kinderreiche Familien. Doch Verräter duldet Luschkow unter den dringend benötigten Familienvätern nicht. Schon versuchten seine Gerichtsvollzieher, Limonows Hausstand zu pfänden. Das Angebot des Schriftstellers, den Betrag in Raten abzustottern, wiesen sie, weil dazu ein eigener Gerichtsbeschluss erforderlich sei, zurück. Der verwundete Krieger des Wortes fand, wie so viele russische Männer, vorerst Deckung hinter seiner Gattin, Jekaterina Wolkowa. Ihr Gatte sei mittellos, sagte Frau Wolkowa. Für Limonows Hausstand und seine Familie müsse sie allein aufkommen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP