Jamaikas Läufer

Rausch der Geschwindigkeit

Von Michael Reinsch

Subkultur Sprint: Schnelligkeit bestimmt die Hackordnung

Subkultur Sprint: Schnelligkeit bestimmt die Hackordnung

21. August 2008 Früher habe sie manchmal vor der Polizei davonlaufen müssen, gestand Maxine Simpson aus Waterhouse, einem Ghetto von Kingston auf Jamaika, in dieser Woche. Das Talent müsse sie ihrer Tochter Shelly-Ann Fraser vererbt haben. Die lief in Peking der Konkurrenz im Sprint davon und wurde Olympiasiegerin.

Die tollsten Erklärungen kursieren ob der Überlegenheit der Sprinterinnen und Sprinter von der Karibikinsel. Schließlich werfen die fünf Olympiasiege Jamaikas Fragen auf. Wellesley Bolt führt die gute, süße Yam-Kartoffel von Jamaika an; sie habe seinen Sohn Usain groß und stark gemacht. Von der Lockerheit, die die karibische Sonne den Menschen verleihe, von der Armut, die sie dazu bringe, nicht nur vor der Polizei wegzurennen, sondern Leistungssport zum Beruf zu machen, ist die Rede. Die aus Westafrika verschleppten Sklaven brachten die Gene für die schnellen Beine mit auf die „Westindies“. Trainer wie Glen Mills und Stephen Francis wüssten damit etwas anzufangen. Zudem: Einen Sprinter wie Bolt, 1,93 Meter groß und doch geschmeidig, der seiner Konkurrenz bei jedem langen Schritt zwanzig, dreißig Zentimeter abnimmt, hat es in der Weltklasse noch nie gegeben.

Es gibt handfeste Vorwürfe

Ist es das alles zusammen, was zu dieser Leistungsexplosion im Sommer 2008 geführt hat? Innerhalb von vier Tagen, am Samstag und am Mittwoch, ist Bolt junior in Weltrekordzeit Olympiasieger sowohl über hundert Meter (9,69 Sekunden) als auch über 200 Meter (19,30) geworden. Das hatte es zuvor noch nie gegeben. An diesem Freitag wollen Jamaikaner und Jamaikanerinnen auch noch in den Sprint-Staffeln Gold gewinnen.

Jeder Versuch einer Erklärung ist die unzureichende Antwort auf die Frage: Sind die Jamaikaner sauber? Dopt Usain Bolt? Es gibt auffällige Defizite wie die fehlende Mitgliedschaft Jamaikas in der karibischen Antidopingkommission. Es gibt handfeste Vorwürfe wie die des deutschen Sprinters Tobias Unger. Bolt, der im Stadion tanzt und merkwürdige Gesten in Fernsehkameras macht, wird bei der Frage schmallippig. Er sei sauber, behauptet er, für andere könne er nicht sprechen. Auf der Bahn stößt Bolt mit Macht an die Grenzen dessen, was menschlich möglich scheint. Mehr als eine halbe Sekunde nach ihm kam der nächste der vielen Sprinter ins Ziel, die jahrelang auf diesen Wettbewerb hin trainiert hatten; 66 Hundertstel, eine Ewigkeit, beträgt sein Vorsprung in der Ergebnisliste, seit die beiden schnellsten Verfolger disqualifiziert wurden.

Sie rennen von klein auf um die Wette

Eine Erklärung für das, was die jamaikanischen Sprinter leisten, dürfte ihr Kosmos sein. Sie rennen von klein auf um die Wette. Der sportliche Erfolg bestimmt ihre Hackordnung. Die Aussicht auf ein Stipendium und auf ein gesichertes Auskommen steht und fällt mit dem persönlichen Tempo. Leistungssportler investieren in sich und ihre Karriere: Talent, Trainingsfleiß und die berühmte Bereitschaft, alles für den Erfolg zu tun. Dazu kommt die Haltung des Underdogs. Wer von ihnen es an die Fleischtöpfe des Sports schafft, hat gesellschaftliche Hürden überwunden. Wer den anderen davonläuft, nötigt ihnen und der Welt Respekt ab.

Anders als der Amerikaner Michael Johnson fährt kein jamaikanischer Sprinter aus der Haut, wenn er auf Doping angesprochen wird. Doch wichtig ist für sie eine ganz andere Frage: die der Geschwindigkeit. Auch in der Subkultur des Sprints wie in der von Rap und Reggae, in der die jungen Sprinter zu Hause sind, sind Sportwagen wichtige Accessoires des Erfolges: Geschwindigkeits-Maschinen. In ihnen finden sie sich wieder: stark, schnell, begehrenswert. Sauber? Glänzend!



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

 
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