Continental-Übernahme

Schaefflers taktische Meisterleistung

Von Carsten Knop

21. August 2008 Nach einem wochenlangen Übernahmepoker hat Maria-Elisabeth Schaeffler ihr Ziel erreicht: Ihr Familienunternehmen mit Sitz im fränkischen Herzogenaurach dominiert künftig als Großaktionär die ungleich größere Continental AG aus Hannover. Das ist eine unternehmenstaktische Meisterleistung. Zum Preis von rund 12 Milliarden Euro ist der Conti-Konzern, der mit seinen Aktien im Deutschen Aktienindex Dax vertreten ist, ein Schnäppchen. Erst vor rund einem Jahr hatten Continental und sein Vorstandsvorsitzender Manfred Wennemer 11,4 Milliarden Euro für den Autozulieferer Siemens VDO bezahlt. Dieses Unternehmen erhalten die Schaefflers nun inklusive. Davor muss man den Hut ziehen.

Aus dem Kaufpreis die Vermutung abzuleiten, die Continental-Aktionäre seien um ihre Übernahmeprämie betrogen worden, ist hingegen falsch. So erhalten die Anteilseigner eine Prämie von 39 Prozent auf den letzten Börsenkurs ihrer Papiere vor Bekanntwerden der Kaufabsicht. Zudem ist es Wennemer und seinen Beratern in den fünf Wochen des Abwehrkampfs eben nicht gelungen, dem Aufsichtsrat eine überzeugende Alternative zum Angebot von Schaeffler zu präsentieren, die werthaltiger gewesen wäre. Es scheint sich also um den fairen Marktpreis zu handeln.

In das Abwehr-Instrumentarium verliebt

Wennemer hatte sich in sein Abwehr-Instrumentarium verliebt, dabei jedoch vergessen, dass er als Vorstand den Interessen seines Unternehmens verpflichtet ist – und nicht allein denen der Aktionäre. Aber selbst die sollten, wenn sie sich über das gewitzte „Anschleichen“ der Schaefflers beklagen, bedenken, dass sich dieses schon früh im Aktienkurs niedergeschlagen hat. Die Preise für Conti-Aktien wären wohl vor fünf Wochen noch tiefer gewesen, wären die Schaefflers und ihre Banken nicht schon seit Februar mit legalen Instrumenten als Käufer und Kaufinteressenten im Markt gewesen. Selbst mit noch mehr Gesetzen wird man taktisch kluges Vorgehen von Investoren auch künftig nicht unterbinden können. Man sollte es auch nicht versuchen.

Nun bekommt ein deutsches Aushängeschild der Zulieferindustrie inmitten einer Absatzkrise, unter der alle Autohersteller der Welt leiden, einen stabilen Großaktionär und einen langfristig denkenden Eigentümer. Zuvor war Continental, dessen Aktien breit gestreut waren, immer wieder Gegenstand von Übernahmespekulationen. Diese Zeit der Ungewissheit ist beendet. Und auch wenn sich die Schaefflers und ihr Geschäftsführer Jürgen Geißinger bisher nicht durch besondere Rücksichtnahme auf Sonderwünsche ihrer Belegschaft ausgezeichnet haben, so werden sie den Vergleich mit der Vorgehensweise des harten Kostensparers Wennemer aushalten können. Zudem geben sie Garantien über eine Zeitspanne von vier Jahren; das ist in der heutigen Unternehmenswelt wohl die längste überhaupt mögliche Frist für derartige Zusagen. Ein angelsächsischer Investor hätte diese Zusicherung kaum geben können, hätte er die Conti-Übernahme durch den Verkauf von Unternehmensteilen doch schnell refinanzieren müssen.

Nervenaufreibender Kampf für Wennemer

Dafür hat die Schaeffler-Gruppe mit ihren traditionell hohen Mittelzuflüssen mehr Zeit. Wie sehr der Faktor Zeit für die Schaefflers spielt, hat man bei Continental schon zu Beginn des vergeblichen Abwehrkampfs übersehen. So fallen viele Zusicherungen, die die Schaefflers Continental heute geben, den Franken sehr leicht: Das Unternehmen wollte mittelfristig ohnehin nicht mehr als knapp die Hälfte der Anteile von Conti erwerben, um die Kredite des Dax-Konzerns nicht zu schlechteren Konditionen neu verhandeln zu müssen. Es stand auch nie zur Debatte, das Reifengeschäft kurzfristig abzugeben. Warum sollte man sich durch einen solchen Verkaufsdruck die Preise verderben? Die Schaefflers werden sich jetzt mit Nachdruck, aber unaufgeregt an die Arbeit machen. Stück für Stück werden beide Konzerne zu einem stabilen, von den Kunden geschätzten Zulieferer zusammenwachsen.

Für Wennemer, der sich hervorragende Verdienste um Continental erworben hat, war der Kampf gegen Schaeffler nervenaufreibend. Er hat getan, was in seiner Macht stand. Aber ihm blieb nicht mehr, als eine mächtige Drohkulisse an die Wand zu werfen. Eine ganze Phalanx von Investmentbanken und Rechtsberatern marschierte zur Verteidigung von Conti auf und erweckte mit Hilfe von Kommunikationsagenten den Eindruck, die Einberufung einer außerordentlichen Hauptversammlung von Continental stehe zur Verlängerung der Abwehrschlacht unmittelbar bevor.

Dabei war schon vom ersten Tag an sicher: Der Aufsichtsratsvorsitzende von Continental, Hubertus von Grünberg – und damit Wennemers Chef –, hatte von Anfang an unverhohlene Sympathie für den gemeinsamen Weg mit den taktisch klugen Schaefflers. Das werfen ihm nun manche Kritiker vor. Man kann die Rolle von Grünberg auch positiv sehen. Vielleicht hat er für Continental den idealen Weg gewählt. Er hat Wennemer mit Macht für einen höheren Preis kämpfen lassen – und der hat Erfolg gehabt. Zugleich haben die Arbeiternehmer vom Käufer Zusagen erhalten, mit denen sie leben können. Das ist doch was.



Text: F.A.Z.

 
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