Greser und Lenz

Witze für Deutschland

Von Julia Schaaf

„Wer hat denn nun immer die Ideen von Ihnen“, fragt der Fremde im Anzug, dessen Name im Kneipenlärm untergegangen ist. Immer dieselbe alte Leier. Achim Greser und Heribert Lenz reichen Hände über den Wirtshaustisch, lächeln verbindlich und nuscheln Antworten, die das allgemeine Getöse sofort verschluckt. Der Hausherr, der die Vorstellung eingefädelt hat, wirkt vor Stolz ein paar Zentimeter größer. Sie seien mit ihren Zeichnungen inzwischen wohl fast täglich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vertreten, fügt er rühmend an. „Der Laden gehört uns ja“, schnoddert Lenz. „Mafiös!“ kräht Achim Greser und bricht in sein meckerndes Lachen aus.

Volles Haus im Aschaffenburger "Schlappeseppel", ein ganz gewöhnlicher Montag: Das "Schlappeseppel"-Export kommt, "da muß ich darauf hinweisen", sagt Lenz, in Halblitergläsern auf den Tisch. Greser piekt auf einem Teller Farfalle herum, die hier "Schmetterlingsnudeln mit Haschee" heißen. Es lohnt sich, den Bierdeckel umzudrehen: Da sitzen zwei Saufbolde im Engelsgewand auf einer Wolke. "Leberzirrhose! Und du?" fragt der eine mit gequältem Blick. Der andere hat Kopf und Fuß verbunden. In der linken Hand hält er noch das abgebrochene Lenkrad, mit der Bierflasche in der rechten prostet er dem Kollegen vergnügt zu: "Das ist mir, Gott sei Dank, erspart geblieben." Eine Zeichnung von Greser und Lenz im Auftrag ihres Lieblingsbrauhauses (siehe auch die FAZ.NET-Bildergalerie: Greser & Lenz: Der gute Witz und seine Opfer)

Rebellen mit Sinn für Gemütlichkeit: Greser und Lenz

Rebellen mit Sinn für Gemütlichkeit: Greser und Lenz

Kracher und leise Pointen

Wenn die Männer dann erzählen, wie sie, die "Titanic"-Zeichner, sich in der F.A.Z. etabliert und nebenbei die politische Karikatur als Tageszeitungsgenre revolutioniert haben, geht das ungefähr so: Greser, der Rothaarige, dominiert das Gespräch. Lenz, der Lange, ist für Einwürfe zuständig. Greser, 44 Jahre alt, formuliert bisweilen intellektuell. Lenz, 47, bleibt bodenständig sachlich. Gresers Witze krachen, die Pointen von Lenz schleichen sich an. Greser beichtet, daß sie für eine Partie "Schwimmen" schon aus dem "Schlappeseppel" geflogen sind, weil bei 15 Euro Einsatz die Emotionen hochkochten. Lenz fügt spitz hinzu: "Sie haben wahrscheinlich gemerkt, daß der Kollege der Lautere ist." Greser lacht meckernd. Lenz schnaubt heiter vor sich hin. Und weil Kartenspielen lustiger ist als Interviews, folgt die Probe aufs Exempel.

"Schwimmen" hat ein Niveau, das eigentlich maximal taugt, um Mittelstufenschülern die Freistunden zu vertreiben. Jeder bekommt drei Karten, drei weitere liegen zum Austausch auf dem Tisch, jeder muß möglichst viele Punkte sammeln. Lenz ist als erster draußen, dann verliert Greser und krakeelt ob der angeblichen Gefühlskälte seiner Konkurrenten: "Mit Pinguinen spiele ich um das Kanzleramt der Antarktis!" Gelegentlich knallt er in Rage die flache Hand auf den Tisch. Die Kellnerin kümmert's nicht, sie ersetzt jedes Bier, kurz bevor es zur Neige geht, schließlich hat sie Greser und Lenz schon vor zwanzig Jahren bedient - damals noch in einem Würzburger Studentencafe. Angesichts solcher merkwürdigen Zufälle und des steigenden Alkoholpegels schwurbelt Greser mit echtem Staunen: "Die letzten Reste an Gläubigkeit zwingen einen doch irgendwie zu erkennen, daß alles gut war, was man gemacht hat."

Wer kann vom Karikaturenmalen schon leben?

War ja nie abzusehen, daß sie im Jahr 2005 ein Haus mit Atelier in Aschaffenburg kaufen könnten, um dort, nur zehn Fahrradminuten vom "Schlappeseppel" entfernt, mit Gresers Freundin und deren beiden heranwachsenden Kindern zu wohnen. So wie überhaupt der große Wunsch von einem kleinen gemeinsamen Zeichnerlädchen utopisch schien. Selbst wenn sie herumgesponnen hatten, sie würden auch Auftragszeichnungen für runde Geburtstage und Hochzeiten übernehmen oder Bleistifte verkaufen, nur um aus ihrer Leidenschaft einen Broterwerb machen zu können. Denn wer kann vom Karikaturenmalen schon leben?

Sie hatten sich Anfang der achtziger Jahre beim Studium kennengelernt. Heribert Lenz, der Schweinfurter, hatte im Jugendzentrum Zappa gehört; Achim Greser, zweiter Abiturient in der Geschichte eines unterfränkischen Dreihundert-Seelen-Dorfes, war ebenfalls im "alternativen Freakmilieu" gelandet. Über die gemeinsame Zeit danach fallen Begriffe wie "Wackersdorf", "Widerstandsgeist" und "Anarchie". Aber schon damals hätten sich ihr Rebellentum und der Sinn für Gemütlichkeit die Waage gehalten. "Revolution? Ja," sagt Lenz, "aber sie soll nicht stören." Greser spitzt zu: "Aber bitte gemütlich." Und sofort im Anschluß, den Gedanken weiterdrehend: "Revolution mit gutem Catering!" So ungefähr muß man sich das vorstellen, wenn zwei im Team einen Gag erfinden.

Klassenclowns

Im Gegensatz zum Kommilitonen-Mainstream, der sein Glück in der Werbung suchen wollte, zog es die Studienfreunde zur "Titanic". Immerhin hatten sie - rothaariger Brillenträger der eine, spindeliger Riese der andere - schon zu Schulzeiten als Klassenclowns Erfolge gefeiert. Greser schmückte seine Diplomarbeit "Die Kraft des Lachens" mit einem gezeichneten Alten im Rollstuhl, der sich beim Anblick eines Sensenmannes kringelig lacht. Lenz titelte: "Ich wüste auch gern Meer." Darauf ist er heute nicht mehr so richtig stolz. Nach dem Examen bekamen beide tatsächlich einen Job im Layout der "Titanic".

1996 dann passierte das, was Greser und Lenz heute wahlweise "Lebensglück" oder "Mysterium" nennen. Nach einer Begegnung mit dem damaligen Literaturchef der F.A.Z. begann Achim Greser, für das Feuilleton der Zeitung zu zeichnen, bis der einstige Herausgeber Johann Georg Reißmüller ihn auch für den politischen Teil gewann, weil ihm die Herangehensweise gefiel. Greser holte Lenz ins Boot. "Wir haben selber nicht geglaubt, daß es gutgehen würde", sagt er. "Wie Rodeoreiten", präzisiert Lenz. Gelegentlich haben sie um einen Kasten Bier gewettet, ob die Redaktion ihren Witz wohl drucken würde. Aber Ablehnungen kamen selten. Es sei ihnen glücklicherweise ja nie in erster Linie um Politik gegangen. Sondern darum, sagt Lenz, "das Komische abzumelken".

Das Geheimnis der Firma

Jetzt hängt an ihrem neuen Haus, einer Jugendstilvilla mit Sandsteinsimsen und Türmchen, ein Namensschild mit dem Schriftzug der Zeichner und der Unterzeile: "Witze für Deutschland". Ihr jüngstes Buch ist gerade im Frankfurter Allgemeine Buch-Verlag erschienen, Herausgeber Berthold Kohler hat ein Vorwort verfaßt. Und Greser und Lenz treffen sich jeden Morgen nach dem Zeitunglesen so gegen zehn, halb elf in dem Atelieranbau ihres Hauses, um die Themenlage auszuwerten. Sitzen nebeneinander an Zeichentischen, schwingen auf Drehstühlen hin und her und bringen Stichworte wie "Gammelfleisch" oder "Folter" ins Gespräch. Manchmal ergibt sich ein Witz beim Reden, andere Ideen entstehen, wenn beide zu zeichnen beginnen. Einziges Qualitätskriterium: Die beiden müssen selbst über ihren Einfall lachen können.

Die Umsetzung mit Tuschefeder und Pinsel übernimmt dann jeweils nur einer. Die Linienführung, das Arrangement des Hintergrunds, der Stil ihrer Kneipeninterieurs und Wohnzimmer haben sich in den vergangenen zehn Jahren in einer Weise angenähert, daß selbst enge Freunde danebentippen, wenn sie den Zeichner raten sollen. Falls der eine in den Urlaub fährt, übernimmt der andere sozusagen die Vertretung. "Das ist ja das Geheimnis der Firma", sagt Lenz. In organisatorischer Hinsicht, zumindest.

Für Erna und Kurt

Denn das komische Geheimnis von Greser und Lenz läßt sich in jeder Zeichnung neu ergründen. Da sind keine Sparschweine, die für die Haushaltslage herhalten müssen, nirgendwo ein Karren mit der Aufschrift "Deutschland", der im Dreck stecken würde. Im Gegensatz zur alten Garde bundesrepublikanischer Politkarikaturisten erzählen Greser und Lenz Geschichten. Sie erweitern, verdrehen und verknüpfen die großen Themen der Gegenwart und verpflanzen sie von der Sphäre der Politik in den Alltag - "in die Welt von Erna und Kurt", wie Lenz es nennt.

Und sie kennen diese kleinbürgerliche Normalo-Welt genau, weil sie selbst darin aufgewachsen sind: Lenz' Vater war Postbetriebsinspekteur. Greser, Sohn eines Tünchers, ist mit 13 Jahren der Freiwilligen Dorffeuerwehr beigetreten, wo er heute noch Mitglied ist. Auch Kirchensteuer zahlt er nach wie vor; Spott hat ja nicht notwendigerweise mit Verrat zu tun, und wenn er noch so bissig daherkommt. Die Knollennasen und die Bierbäuche des gezeichneten Personals sind jene der Saufbrüder im "Schlappeseppel", und auch die eine oder andere Sprechblase haben sie dem Stammtisch abgelauscht. "Ein Witz hat immer ein Opfer", doziert Lenz gerne. Aber manchmal ist gar nicht klar, wen der Schlag gerade trifft, und Menschenfreundlichkeit muß man beiden trotzdem attestieren. "Ich finde angenehm, wenn man einen ironischen Umgang pflegt", sagt Greser, "diese Mischung aus Leutseligkeit und ironischer Attackebereitschaft." Das gilt universell. Ganz gleich, ob am Stammtisch, in der F.A.Z.-Redaktion oder beim Karikaturistenempfang des Bundespräsidenten in Schloß Bellevue: Greser und Lenz trinken, lärmen und provozieren überall, wie Greser und Lenz das eben tun.

Daß diese berufliche und gesellschaftliche Symbiose sich nun auch auf das tägliche Wohnen erstreckt, bezeichnet Greser als Projekt zur "Entschleunigung und Altersvorsorge". Lenz sagt: Experiment. "Ob's klappt, weiß man nicht." Er wohnt im ersten Stock, Kollege Greser im Erdgeschoß, dessen Freundin samt Nachwuchs unterm Dach. Alle Türen stehen offen, meistens essen sie gemeinsam. Statt eines Putzplans gibt es eine Putzfrau, statt Bergen von schmutzigem Geschirr eine Spülmaschine, und wenn jeder mal einkauft, braucht es nicht einmal eine Haushaltskasse. So lebt die Kommune der Postkommune. Und im Treppenhaus hängt eine gerahmte Belobigung der Stadtwerke Aschaffenburg: "Bei der Kontrolle Ihrer Biotonne wurden keine Störstoffe gefunden."



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.01.2006, Nr. 52 / Seite 55
Bildmaterial: F.A.Z. - Greser&Lenz, F.A.Z.-Greser & Lenz, F.A.Z.-Greser&Lenz, F.A.Z.-Greser&Lenze, F.A.Z.-Grezer&Lenz, F.A.Z.-Rainer Wohlfahrt, Greser&Lenz

 
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