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Im Gespräch: Doris Beckmann

„Man muss sich auf ein unruhiges Leben einstellen“



Zwischen zwei Projekten eine Pause
17. April 2008 
Irgendein Mitarbeiter des Anlagenbauers Uhde packt immer gerade die Koffer. Sie müssen bereit sein, jederzeit überall hinzugehen. Für jedes Projekt setzt Doris Beckmann neue Verträge auf.

Frau Beckmann, wie viele Ihrer Leute sind gerade im Ausland unterwegs?

Wir beschäftigen im Ausland mehr Mitarbeiter als in Deutschland. In unserem größten Auslandsbüro in Indien arbeiten fast 1000 Mitarbeiter, dazu kommen Stützpunkte in Australien, Mexiko, Russland, Südafrika und Amerika.

Die sind aber nicht alle Deutsche?

In den Auslandsgesellschaften sind meistens nur die Führungskräfte Deutsche. Das sind ungefähr 20 Personen, die für mehrere Jahre entsandt wurden. Der Großteil unserer Mitarbeiter aus Deutschland wird kurzzeitig für den Bau unserer Anlagen ins Ausland geschickt. Das läuft so: Unsere ausländischen Kunden - die zu 95 Prozent außerhalb Europas sitzen - erteilen Aufträge, die wir dann im Verbudn mit unseren Tochtergesellschaften planen und realisieren. Auf der Baustelle kommen Mitarbeiter der deutschen und internationalen Standorte zusammen. Derzeit sind knapp 180 Mitarbeiter aus Deutschland dafür unterwegs.

Haben die Einfluss darauf, wo sie hinkommen?

Nach ihrem Vertrag können sie jederzeit überall hingeschickt werden. Aber wir achten auf persönliche Präferenzen und bemühen uns, dass zwischen zwei Projekten eine Pause liegt, in der der Mitarbeiter für eine gewisse Zeit im Stammhaus tätig ist. Aber außer den Zentralbereichen wie Personal- und Rechnungswesen herrscht unter den Mitarbeitern ein ständiges Kommen und Gehen, irgendwer packt immer gerade die Koffer, entweder für eine Dienstreise oder für ein Projekt.

Kann man also nicht vorher sagen, nach Saudi-Arabien gehe ich nicht?

Man kann kein Land im Vertrag ausschließen. Nach meiner Erfahrung sind Bewerber aber entweder zu allem bereit oder entscheiden sich gleich gegen uns. Wir schildern ihnen auch ganz ehrlich die Arbeitsbedingungen. Sie müssen sich darauf einstellen, dass dieses unruhige Leben manchmal mit familiären Bedürfnissen kollidiert. Vielleicht steht die Geburt des ersten Kindes kurz bevor, aber die Anlage in Ägypten muss gebaut werden. Natürlich beachten wir die private Situation des Mitarbeiters, trotzdem steht ANTWORT: die erfolgreiche Abwicklung des Projekts für uns an erster Stelle.

Wie groß ist die Personalfluktuation?

Sie ist gering. Es ist nicht einfach, gute Ingenieure mit internationaler Ausrichtung zu finden, dafür bleiben sie lange. Im vergangenen Jahr haben wir 145 neue Ingenieure eingestellt.

Bekommen die für jeden Auslandseinsatz einen neuen Vertrag?

Für jede Entsendung wird ein Zusatzabkommen zum Arbeitsvertrag geschlossen. Darin sind der Ort, die genaue Tätigkeit, die Dauer und Zusatzvergütung ebenso festgelegt wie Details über die Wohnung oder Kindergartenkosten. Wir müssen dabei sehr darauf achten, dass wir alle Mitarbeiter gleich behandeln und unterschiedliche Konditionen auch länderübergreifend gut begründen können.

Sind die Verträge nicht vertraulich?

Offiziell schon, aber unsere entsandten Mitarbeiter sind sehr offen miteinander. Schließlich verbringen sie nicht nur ihre gesamte Arbeitszeit zusammen, sondern in unwirtlichen Ländern oft auch ihre ganze Freizeit. Da bleibt wenig geheim, auch nicht das Gehalt.

Wie bereiten Sie die Mitarbeiter auf die Auslandsstationen vor?

Für einzelne Länder bieten wir interkulturelle Seminare an. Zudem erhalten alle Mitarbeiter vor der Abreise ein detailliertes Informationspaket. Sie wissen in der Regel, wie ihre Wohnung vor Ort aussehen wird, wie der Transport zur Arbeit funktioniert, wo man was kauft und wie Kinder betreut werden.

Helfen Sie auch bei privaten Konflikten, zum Beispiel wenn die Ehe im Ausland kriselt?

Nach unserer Erfahrung passiert das vor allem bei langen Entsendungen, und die sind bei uns die Ausnahme. Es dauert ein paar Monate, bis die Aufregung über die neue Heimat gedämpft ist. Und zugegeben, das Risiko von Konflikten ist da. Unsere Anlagen entstehen selten in spannenden Großstädten, sondern meist in Gewerbegebieten auf dem Land. ANTWORT: Die Ehefrauen verbringen viele Stunden in den Wohnungen. Sie knüpfen Kontakte über die Schulen ihrer Kinder oder in Sportclubs. Es werden auch Einkaufsfahrten organisiert, zum Beispiel in Ägypten wird oft ein Wagen mit Chauffeur gestellt, der die Frauen nach Kairo bringt. Und alle vier Monate darf man nach Hause.

Wie können die Mitarbeiter bei so vielen Auslandsaufenthalten ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln?

Das funktioniert schon deshalb, weil wir jedes Projekt in der deutschen Zentrale in einer "Task Force" vorbereiten. Darin lernen sich die Mitarbeiter kennen, bereiten das Projekt gemeinsam vor und werden später gemeinsam auf der Baustelle tätig, wo sie sich oft noch privat sehr eng anfreunden. Wenn das nächste Projekt kommt, knüpfen sie wieder neue Kontakte. Man hat nie lange die- selben Kollegen, es formieren sich stets neue Gruppen. Aber alle identifizieren sich mit demselben Unternehmen.

Doris Beckmann ist Personalchefin des Anlagenbauers Uhde, einer Tochtergesellschaft von Thyssen Krupp

Das Gespräch führte Melanie Aman



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: fotolia.com
 
 
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