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Universitätskliniken Die Ärzte müssen sich auch mal wehren
Herr Thiel, wieso haben Sie sich an den Ärztestreiks beteiligt? Ich war während der Proteste Assistentensprecher an der Universitätsklinik Freiburg. Schon seit langem hatte ich mich über die Arbeitsbedingungen und die Vergütung geärgert, irgendwann floss das Fass über. Was war der Anlass?
Keiner hätte erwartet, dass die Streiks an den Unikliniken losgehen, sie galten immer als Karrieresprungbrett zu einem Posten als Chefarzt an einem städtischen Haus oder eben als Universitätsprofessor. Das System ist kollabiert, als die Leute merkten, dass sie keinen lukrativen Karrierepfad gewählt haben. Die Zündung für die Proteste kam, als im Juni 2005 der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst für uns übernommen werden sollte. Der hätte erhebliche Gehaltseinbußen bedeutet. Wie haben Sie die Leute mobilisiert? In Freiburg haben sich die Assistentensprecher zusammengetan und die Kollegen aufgefordert, für ihre Rechte zu kämpfen. Es gab jede Menge Warnaktionen wie "Mittagspausen" oder Warnstreiks am Nachmittag. Vom 16. März 2006 an haben wir fast ein Vierteljahr lang immer wieder gestreikt. Stehen Sie jetzt als Unruhestifter auf dem Abstellgleis? Bisher habe ich keine offensichtlichen beruflichen Nachteile erlitten. Ich habe aber von Kollegen gehört, die nach den Streiks den Arbeitgeber gewechselt haben. Letztlich habe ich mehrere Monate geopfert, in denen ich eigentlich klinisch und wissenschaftlich vorankommen wollte. Würden Sie es noch mal machen? Ja. Ich will auf Dauer in Deutschland arbeiten, und eine Karriere ist nichts wert, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Ich habe die Chance genutzt, sie aktiv mitzugestalten. Was hat der Tarifvertrag eingebracht? Natürlich war es nicht der Befreiungsschlag, der über Nacht ideale Arbeitsbedingungen und eine bessere Besoldung gebracht hat. Für mich zählt, dass wir überhaupt einen eigenen Tarifvertrag haben, den wir auch künftig selbst verhandeln. Für uns spricht nicht mehr eine Riesengewerkschaft, die noch jede Menge andere Interessengruppen vertritt. Für die meisten dürfte wichtiger sein, was auf dem Gehaltszettel steht. Auch beim Basisgehalt hat der Großteil der Kollegen profitiert, zum Beispiel die Oberärzte. Die Details hängen aber stark von den einzelnen Verträgen ab. Kollegen mit Altverträgen verdienen zum Teil jetzt weniger, die Berufsanfänger in der Regel mehr. Nach einer Umfrage des Marburger Bundes machen viele Ärzte mehr Bereitschaftsdienste, als sie müssten. Im Tarifvertrag sind die Arbeitsstunden definiert. Wenn das vor Ort nicht eingehalten wird, müssen die Leute sich auf die Hinterbeine stellen und nicht einfach alles schlucken. Fehlt den Leuten der Mumm? Ich finde es schade, dass der Streik so wenige dazu motiviert hat, sich gegen Ausbeutung zu wehren. Die Erfolge sind eben schnell vergessen. Viele haben Angst um ihre Karriere, aber die Alternative kann nicht sein, bis zum Umfallen zu arbeiten. Was schlagen Sie vor? Erst stellt sich die Frage der Arbeitszeiterfassung. Unser Tarifvertrag verlangt nur, dass sie erfasst wird, die Modelle dafür müssen die Kliniken vor Ort entwickeln. An manchen Häusern gibt es Stechuhren, die jede Stunde erfassen. Das finden einige unwürdig. Aber was ist daran würdig, geleistete Arbeit nicht zu bezahlen? Sollte man nicht erfassen, was die Leute in dieser Zeit geleistet haben? Sehr gerne, dann wird sich zeigen, dass wir zu viele arztfremde Aufgaben erledigen. Ich habe nicht studiert, um Arztbriefe zu tippen oder Blut abzunehmen. Diese Aufgaben kann das nichtärztliche Personal effizienter und billiger erledigen. Dann hätten wir wieder Zeit für die Forschung. Jetzt stehen die Leute nach einem langen Arbeitstag völlig kaputt im Labor und pipettieren. Gibt es Alternativen zur Stechuhr? Derzeit wird Effizienz bestraft: Wer viel erledigt, bekommt noch mehr aufgehalst. In einzelnen Abteilungen gibt es ein Modell, bei denen jeder Arzt pro Tag ein bestimmtes Aufgabenpensum erledigen muss. Wer effizient arbeitet, ist um 14 Uhr fertig und kann forschen. Die Deutschen hatten viel Sympathie für die Ärzteproteste. Wie wird es in der nächsten Runde sein? Es könnte schwieriger werden, der Öffentlichkeit unser Anliegen klarzumachen. Viele könnten denken: Was wollen sie denn noch? Sie wollen weniger arbeiten, aber mehr verdienen? Nur zur Klarstellung: Der neue Tarifvertrag hat unsere Arbeitszeit nicht verkürzt. Was das Gehalt angeht, geht es uns wie den Lokführern, von denen es immer heißt, sie forderten 30 Prozent mehr Lohn. Unsere Arbeitgeber sagten auch immer, wir bekämen jetzt alle 15 Prozent mehr. Auf dem Konto kommt das aber nicht in jedem Fall an. Wird der Ärztemangel Ihren Kampf irgendwann überflüssig machen? Hoffentlich! Die Kliniken werden sich noch umschauen, der Stellenteil im Deutschen Ärzteblatt wird immer dicker. Es gibt auch traditionell viel Fluktuation bei Unikliniken: Die Leute steigen aus, um ihren Postdoc zu machen, sie wechseln an städtische Häuser oder ins Ausland - nur, jetzt kommen sie immer öfter nicht zurück. Bald wird das Haus mit den besten Bedingungen in Ausbildung und Forschung den Nachwuchs für sich gewinnen. Ist Privatisierung ein Weg zu den besseren Arbeitsbedingungen? Ich bezweifele, dass auf Profit getrimmte private Häuser wie Rhön die Lösung sind. Vielleicht sollte man sich amerikanische Universitätskliniken zum Vorbild nehmen. Möglicherweise sind auch Stiftungsmodelle sinnvoll. In seiner jetzigen Form wird das Unikliniksystem aber nicht fortbestehen.
Das Gespräch führte Melanie Amann Bildmaterial: Bernhard Eifrig, F.A.Z. - Foto Frank Röth |
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