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Universitätskliniken

„Die Ärzte müssen sich auch mal wehren“



Nacht, nicht Nachmittag: Klinikärzte kennen keinen Feierabend
23. November 2007 
Herr Thiel, wieso haben Sie sich an den Ärztestreiks beteiligt?

Ich war während der Proteste Assistentensprecher an der Universitätsklinik Freiburg. Schon seit langem hatte ich mich über die Arbeitsbedingungen und die Vergütung geärgert, irgendwann floss das Fass über.

Was war der Anlass?

Jens Thiel, Assistenzarzt in Freiburg

Keiner hätte erwartet, dass die Streiks an den Unikliniken losgehen, sie galten immer als Karrieresprungbrett zu einem Posten als Chefarzt an einem städtischen Haus oder eben als Universitätsprofessor. Das System ist kollabiert, als die Leute merkten, dass sie keinen lukrativen Karrierepfad gewählt haben. Die Zündung für die Proteste kam, als im Juni 2005 der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst für uns übernommen werden sollte. Der hätte erhebliche Gehaltseinbußen bedeutet.

Wie haben Sie die Leute mobilisiert?

In Freiburg haben sich die Assistentensprecher zusammengetan und die Kollegen aufgefordert, für ihre Rechte zu kämpfen. Es gab jede Menge Warnaktionen wie "Mittagspausen" oder Warnstreiks am Nachmittag. Vom 16. März 2006 an haben wir fast ein Vierteljahr lang immer wieder gestreikt.

Stehen Sie jetzt als Unruhestifter auf dem Abstellgleis?

Bisher habe ich keine offensichtlichen beruflichen Nachteile erlitten. Ich habe aber von Kollegen gehört, die nach den Streiks den Arbeitgeber gewechselt haben. Letztlich habe ich mehrere Monate geopfert, in denen ich eigentlich klinisch und wissenschaftlich vorankommen wollte.

Würden Sie es noch mal machen?

Ja. Ich will auf Dauer in Deutschland arbeiten, und eine Karriere ist nichts wert, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Ich habe die Chance genutzt, sie aktiv mitzugestalten.

Was hat der Tarifvertrag eingebracht?

Natürlich war es nicht der Befreiungsschlag, der über Nacht ideale Arbeitsbedingungen und eine bessere Besoldung gebracht hat. Für mich zählt, dass wir überhaupt einen eigenen Tarifvertrag haben, den wir auch künftig selbst verhandeln. Für uns spricht nicht mehr eine Riesengewerkschaft, die noch jede Menge andere Interessengruppen vertritt.

Für die meisten dürfte wichtiger sein, was auf dem Gehaltszettel steht.

Auch beim Basisgehalt hat der Großteil der Kollegen profitiert, zum Beispiel die Oberärzte. Die Details hängen aber stark von den einzelnen Verträgen ab. Kollegen mit Altverträgen verdienen zum Teil jetzt weniger, die Berufsanfänger in der Regel mehr.

Nach einer Umfrage des Marburger Bundes machen viele Ärzte mehr Bereitschaftsdienste, als sie müssten.

Im Tarifvertrag sind die Arbeitsstunden definiert. Wenn das vor Ort nicht eingehalten wird, müssen die Leute sich auf die Hinterbeine stellen und nicht einfach alles schlucken.

Fehlt den Leuten der Mumm?

Ich finde es schade, dass der Streik so wenige dazu motiviert hat, sich gegen Ausbeutung zu wehren. Die Erfolge sind eben schnell vergessen. Viele haben Angst um ihre Karriere, aber die Alternative kann nicht sein, bis zum Umfallen zu arbeiten.

Was schlagen Sie vor?

Erst stellt sich die Frage der Arbeitszeiterfassung. Unser Tarifvertrag verlangt nur, dass sie erfasst wird, die Modelle dafür müssen die Kliniken vor Ort entwickeln. An manchen Häusern gibt es Stechuhren, die jede Stunde erfassen. Das finden einige unwürdig. Aber was ist daran würdig, geleistete Arbeit nicht zu bezahlen?

Sollte man nicht erfassen, was die Leute in dieser Zeit geleistet haben?

Sehr gerne, dann wird sich zeigen, dass wir zu viele arztfremde Aufgaben erledigen. Ich habe nicht studiert, um Arztbriefe zu tippen oder Blut abzunehmen. Diese Aufgaben kann das nichtärztliche Personal effizienter und billiger erledigen. Dann hätten wir wieder Zeit für die Forschung. Jetzt stehen die Leute nach einem langen Arbeitstag völlig kaputt im Labor und pipettieren.

Gibt es Alternativen zur Stechuhr?

Derzeit wird Effizienz bestraft: Wer viel erledigt, bekommt noch mehr aufgehalst. In einzelnen Abteilungen gibt es ein Modell, bei denen jeder Arzt pro Tag ein bestimmtes Aufgabenpensum erledigen muss. Wer effizient arbeitet, ist um 14 Uhr fertig und kann forschen.

Die Deutschen hatten viel Sympathie für die Ärzteproteste. Wie wird es in der nächsten Runde sein?

Es könnte schwieriger werden, der Öffentlichkeit unser Anliegen klarzumachen. Viele könnten denken: Was wollen sie denn noch?

Sie wollen weniger arbeiten, aber mehr verdienen?

Nur zur Klarstellung: Der neue Tarifvertrag hat unsere Arbeitszeit nicht verkürzt. Was das Gehalt angeht, geht es uns wie den Lokführern, von denen es immer heißt, sie forderten 30 Prozent mehr Lohn. Unsere Arbeitgeber sagten auch immer, wir bekämen jetzt alle 15 Prozent mehr. Auf dem Konto kommt das aber nicht in jedem Fall an.

Wird der Ärztemangel Ihren Kampf irgendwann überflüssig machen?

Hoffentlich! Die Kliniken werden sich noch umschauen, der Stellenteil im Deutschen Ärzteblatt wird immer dicker. Es gibt auch traditionell viel Fluktuation bei Unikliniken: Die Leute steigen aus, um ihren Postdoc zu machen, sie wechseln an städtische Häuser oder ins Ausland - nur, jetzt kommen sie immer öfter nicht zurück. Bald wird das Haus mit den besten Bedingungen in Ausbildung und Forschung den Nachwuchs für sich gewinnen.

Ist Privatisierung ein Weg zu den besseren Arbeitsbedingungen?

Ich bezweifele, dass auf Profit getrimmte private Häuser wie Rhön die Lösung sind. Vielleicht sollte man sich amerikanische Universitätskliniken zum Vorbild nehmen. Möglicherweise sind auch Stiftungsmodelle sinnvoll. In seiner jetzigen Form wird das Unikliniksystem aber nicht fortbestehen.

In welchem Krankenhaus gibt es wie viel Geld für wie viel Arbeit?

Wer als Nachwuchsmediziner bei einem Krankenhaus arbeiten will, hat eine große Auswahl an Einrichtungen. „Der Blick in die Tarifverträge ist bei der Entscheidung nicht alles“, sagt der neu gewählte Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund (MB), Rudolf Henke. Eine Umfrage unter 19 000 MB-Mitgliedern habe ergeben, dass vielerorts „Tarifbruch“ betrieben werde. Problematisch sind die Bereitschaftsdienste, zu denen Ärzte eigentlich nur fünfmal im Monat herangezogen werden dürften. Die Realität sehe anders aus, sagt Henke, auch bleibe die Arbeitszeiterfassung ein Streitpunkt mit der Arbeitgeberseite. Gegen „illegale Bereitschaftsdienste“ bieten die Landesverbände des MB Rechtsberatung an. Alle Tarifverträge sind auf der Internetseite der Gewerkschaft abrufbar. Verlässlicher als die Zahlenwerke, sagt Henke, seien für Berufsanfänger Gespräche mit potentiellen Kollegen, die Auskunft über die Qualität der Weiterbildung oder die Aufgabenverteilung geben könnten. Die „besten Arbeitsbedingungen“ ergäben sich auch aus der persönlichen Situation (“Will ich forschen?“ - „Bin ich an einen Ort gebunden?“).

- Kommunale Krankenhäuser: Hier hat der MB mit dem Verband kommunaler Arbeitgeber einen Tarifvertrag geschlossen (“TV-Ärzte/VKA“). Dessen Abschnitt über die Vergütung kann die Gewerkschaft zum 1. 1. 2008 kündigen, sodass es neue Verhandlungen geben dürfte. Auf eine Forderung will sich Henke noch nicht festlegen. Nach dem Tarifvertrag beträgt die Arbeitszeit an kommunalen Häusern in der Regel 40 Wochenstunden. Als Einstiegsgehalt gibt es 3420 Euro, im zweiten Jahr 3640, im dritten 3760 Euro. In der MB-Umfrage sagte jeder zehnte Befragte, dass seine Überstunden voll vergütet wurden, 29 Prozent sprachen von teilweiser Vergütung.

- Kirchliche Krankenhäuser: Glaubt man einer Umfrage des MB, ist den Kirchen nichts heilig, wenn es um die Arbeitsbedingungen ihrer Krankenhäuser geht: Die Mehrheit der Befragten unzufrieden. „Die Situation ist explosiv in den kirchlichen Häusern“, sagt Henke. 59 Prozent der Befragten klagten über übertarifliche Bereitschaftsdienste, deutlich mehr als in den kommunalen (46 Prozent), den privaten (41 Prozent) und Universitätskliniken (25 Prozent), sagt Rudolf Henke. Auch hinsichtlich der Überstundenvergütung schnitten die kirchlichen Häuser deutlich schlechter ab als andere Einrichtungen. Bislang weigern sich die katholische und die evangelische Kirche, Tarifgespräche zu führen, nur eine evangelische Landeskirche hat den Ärztetarifvertrag der kommunalen Häuser übernommen. Ansonsten bestimmen arbeitsrechtliche Kommissionen der jeweiligen Trägergesellschaften (Caritas oder Diakonie) die Vergütung und die Arbeitsbedingungen. Die Gremien würden von der Arbeitgeberseite dominiert, klagt Henke, die Ärztevertreter hätten wenig Einfluss

- Universitätskliniken: In diesem Bereich hat der Marburger Bund im vergangenen Jahr einen Tarifvertrag für Ärzte geschlossen (“TV-Ärzte/Universitätskliniken“). Er gilt für Ärzte, die überwiegend in der Patientenversorgung tätig sind. Ihr Einstiegsgehalt beträgt 3600 Euro, im zweiten Jahr 3900, im dritten 3950 Euro bei einer Regelarbeitszeit von 42 Wochenstunden, mit Bereitschaftsdiensten höchstens 54 bis 58 Stunden. Die Dienste werden mit 60 bis 95 Prozent des üblichen Stundengehalts vergütet. Zum Jahreswechsel wird die Vergütung um 2,9 Prozent steigen, im Herbst stehen dann neue Tarifverhandlungen an.

- Private Krankenhäuser: Rhön, Helios & Co. schließen in der Regel Konzerntarifverträge ab. Zum Teil laufen die Verhandlungen noch, im Fall von Asklepios verweigern die Arbeitgeber Tarifgespräche. Hinsichtlich der Arbeitszeiten, Bereitschaftsdienste und Vergütung lassen sich keine allgemeinen Aussagen treffen.

Das Gespräch führte Melanie Amann



Text: F.A.Z., 17.11.2007, Nr. 268 / Seite C2
Bildmaterial: Bernhard Eifrig, F.A.Z. - Foto Frank Röth
 
 
   
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