Afghanistan

Zu wenig Soldaten

Von Günther Nonnenmacher

07. Juli 2008 Der verheerende Anschlag auf die indische Botschaft in Kabul bestätigt eine seit Monaten sichtbare Entwicklung: während die Gewalt im Irak abnimmt und die dortigen Al Qaida-Terroristen in die Defensive gedrängt sind, wird die Lage in Afghanistan immer schwieriger. Die Taliban dort entziehen sich militärischen Kämpfen, bei denen sie gegen die ausländischen Isaf-Truppen (und zunehmend auch gegen die afghanische Armee) wenig Chancen auf Erfolg haben, und konzentrieren sich auf heimtückische Anschläge mit improvisierten Sprengsätzen und auf Selbstmordattentate.

Wenn zu den Fortschritten im Irak die Verstärkung der amerikanischen Truppen („surge“) beigetragen hat, dann lässt sich daraus ein Grund für die zunehmende afghanische Misere folgern: es gibt in diesem großen Land mit seiner schwierigen Geographie viel zu wenig Soldaten, jedenfalls nicht genug, um die Terroristen in ihren Schlupflöchern auszuräuchern. So ist letztlich nicht einmal zu verhindern, dass selbst in die schwer bewachte Hauptstadt Kabul immer wieder Killerkommandos oder Einzeltäter einsickern.

Rückzugsraum Pakistan

Aber selbst eine Verstärkung der Truppen in Afghanistan würde das andere grundsätzliche Dilemma dieses Krieges nicht lösen: der Hauptrückzugsraum der Terroristen und der Mudschaheddin, die gegen die ausländischen Truppen und die Regierung Karzai kämpfen, liegt in den staatsfreien Stammesgebieten jenseits der afghanischen Grenze, in Pakistan. Trotz amerikanischer Luftangriffe und kurzzeitiger Grenzüberschreitungen ist es bisher nicht gelungen, die dortigen Stützpunkte und Trainingslager für Terroristen wirkungsvoll zu bekämpfen.

Das hat auch damit zu tun, dass die pakistanische Regierung - obwohl offiziell auf den „Krieg gegen den Terror“ verpflichtet - mit den Stammesfürsten immer wieder einmal Stillhalteabkommen aushandelt, gegen Zusicherungen friedlichen Verhaltens, die danach nicht eingehalten werden. Außerdem gibt es guten Grund zu der Annahme, dass der militärische Geheimdienst Pakistans die Terroristen und „Glaubenskrieger“ nicht nur duldet, sondern auch unterstützt.

Indische Botschaft kein wahlloses Ziel

Denn die Machthaber in Islamabad sehen Afghanistan als dasjenige Land an, das ihrem Staat in seiner Auseinandersetzung mit dem Erzfeind Indien jene „strategische Tiefe“ gibt, die er in seinen nationalen Grenzen nicht hat. So kommt natürlich auch der Verdacht auf, dass ein Anschlag ausgerechnet gegen die indische Botschaft in Kabul nicht nur Teil des innerafghanischen Krieges ist, sondern dass dahinter auch der Konflikt mit Indien steht.

Beweisen wird sich das nicht lassen. Aber es zeigt ein weiteres Mal, dass es ein Abnehmen der Gewalt in Afghanistan mit dem Ziel, letztlich „selbsttragende Stabilität“ (Verteidigungsminister Jung) zu erreichen, solange nicht geben wird, wie die Wurzeln des Übels in Pakistan immer neue Nahrung bekommen: in den Koranschulen, den Madrassen, im pakistanischen Grenzland zu Afghanistan, wo die künftigen Glaubenskrieger religiös indoktriniert werden, und in den Ausbildungslagern von Al Qaida und anderen Terrorgruppen, wo Dschihadisten aus aller Herren Ländern auf ihre tödlichen Missionen vorbereitet werden.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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